IV-Rentnerin (52) legt Budget offen
«Wenn mein Sohn auszieht, fehlen mir schlagartig 800 Franken»

Als Corinne Boller vor 15 Jahren einen Schlaganfall erlitt, musste sie ihr Leben komplett neu ordnen. Ihren Alltag meistert die 52-jährige Allergikerin auch dank ihrer drei Hunde. Für den «Beobachter» legt sie ihr Budget offen.
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Corinne Boller (Name geändert) lebt zusammen mit ihrem Sohn und ihren drei Hunden in der Nähe von Aarau. Jeweils Ende und Anfang Jahr kommt sie in einen finanziellen Engpass (Symbolbild).
Foto: Keystone

Darum gehts

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Katrin Reichmuth
Beobachter

Corinne Boller, 52, ist geschieden und hat zwei erwachsene Kinder im Alter von 21 und 23 Jahren. Sie hat eine kaufmännische Ausbildung absolviert und lebt heute von einer IV-Rente.

Vor 15 Jahren erlitt Boller, die in Wirklichkeit anders heisst, zu Hause am Mittagstisch einen Schlaganfall. Dass die Folgen schwerwiegend waren, wurde erst mit der Zeit klar, da es sich um viele Mikroverletzungen im Hirn handelte. Sie war damals in Teilzeit als Sekretärin angestellt, doch ein beruflicher Wiedereinstieg scheiterte. Ein Bericht des IV-Jobcoaches, der die Situation gemeinsam mit dem Arbeitgeber anschaute, hielt damals fest: «Kopieren von Text A nach B bringt meine Klientin an ihre Belastbarkeitsgrenze.»

Artikel aus dem «Beobachter»

Das ist ein Beitrag aus dem «Beobachter». Das Magazin berichtet ohne Scheuklappen – und hilft Ihnen, Zeit, Geld und Nerven zu sparen.

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Ein paar Jahre nach dem Schicksalsschlag liess sie sich scheiden. Obwohl Boller während zehn Jahren viel Zeit in den Haushalt und die Kindererziehung gesteckt hatte, verzichtete sie auf das Haus und zog mit den Kindern in eine Wohnung.

Nach der Scheidung war sie zwei Jahre auf das Sozialamt angewiesen, bis sie eine IV-Rente zugesprochen bekam. Ihr Ex-Mann zahlte monatlich 650 Franken Unterhalt pro Kind und 500 Franken nachehelichen Unterhalt. Das Maximum, das bei seinem Einkommen möglich war.

Heute lebt sie zusammen mit ihrem Sohn und ihren drei Hunden in der Nähe von Aarau. Zu ihrem Ex-Mann und den Kindern pflegt sie ein sehr gutes Verhältnis. Ihr neuer Partner lebt auch in der Nähe.

In der «Beobachter»-Serie «Die Abrechnung» zeigt sie ihren Kontoauszug und erzählt, wie sie mit ihrem Budget lebt. Wie viel Geld steht ihr zur Verfügung? Wofür gibt sie es aus? 

Einnahmen

Ich habe eine volle IV-Rente, das sind 2197 Franken pro Monat. Dazu kommt eine Rente aus der Pensionskasse in der Höhe von 598 Franken. 

Von meinem Ex-Mann erhalte ich monatlich 500 Franken nachehelichen Unterhalt, das bis zu meiner Pensionierung. 

Eine grosse finanzielle Stütze ist mein Sohn. Er zahlt mir monatlich 800 Franken für Miete, Essen und Waschen.

Ausgaben

Wohnen: Wir wohnen in einer 4,5-Zimmer-Wohnung mit zwei Balkonen, eigener Waschmaschine und einem Tumbler. Vor vier Jahren wurden Küche und Bad renoviert. Die Miete beträgt 1580 Franken pro Monat. Wenn ich das mit andern Mietwohnungen in der Nachbarschaft vergleiche, habe ich einen tiefen Mietzins. Die 3,5-Zimmer-Wohnung nebenan kostet sogar 150 Franken mehr. Ich profitiere davon, dass ich schon vor zehn Jahren eingezogen bin. 

Alle drei Monate fallen zudem etwa 220 Franken für Strom, Wasser und Abwasser an. Letztes Jahr musste ich bei der jährlichen Nebenkostenabrechnung knapp 350 Franken nachzahlen.

Telefon, Internet und Abos: Für Internet und Festnetz zahle ich 50 Franken und für mein Handyabo 29 Franken pro Monat. Dazu kommen jeden Monat 19 Franken für einen Schutz vor Cybergefahren. So werden Gefahren aus dem Internet automatisch erkannt und blockiert – zumindest hoffe ich das. 

Zudem zahle ich monatlich 10 Franken an unser Netflix-Abo, das ich mit meinem Sohn teile. 

Die Serafe-Gebühr zahle ich alle drei Monate, da ich den ganzen Betrag nicht auf einmal stemmen kann. Das vierteljährliche Zahlen kostet mich leider pro Rechnung zwei Franken mehr.

Versicherungen: Ich habe eine Kombiversicherung für Hausrat und Privathaftpflicht, die jährliche Prämie macht 360 Franken aus. 

Mein Ex-Mann bezahlt mir freundlicherweise das «Beobachter»-Abo mit integriertem Rechtsschutz. Diesen musste ich tatsächlich schon einige Male in Anspruch nehmen.

Gesundheit: Ich habe die tiefste Franchise von 300 Franken. Monatlich zahle ich für die Krankenkasse 488 Franken, wobei eine Prämienverbilligung von 138 Franken bereits abgezogen ist. Trotz der tiefen Franchise komme ich jeweils Ende und Anfang Jahr in einen finanziellen Engpass. Dann treffen viele Rechnungen ein. Ich hoffe sehr, dass geplante Erhöhungen beim Selbstbehalt nicht durchkommen. 

Meine Grund- und meine Zusatzversicherung decken auch Alternativmedizin ab, und ich kann auswählen, ob ich halbprivat behandelt werden möchte. Als ich zum Beispiel ein neues Hüftgelenk bekam, habe ich 450 Franken aus eigener Tasche gezahlt, um in ein halbprivates Zimmer zu kommen. Zu viele Leute in einem Zimmer lösen bei mir aufgrund meiner Erkrankung grossen Stress aus. Das leiste ich mir ganz bewusst und spare das Geld lieber anderswo, etwa bei den Kleidern und beim Auswärtsessen. 

Ungefähr einmal pro Monat brauche ich aus gesundheitlichen Gründen eine Fussreflexzonenmassage für 120 Franken. Zehn Prozent davon zahle ich selbst, den Rest übernimmt die Zusatzversicherung. 

Für Franchise und Selbstbehalte fallen pro Jahr rund 1400 Franken an. Auch mit den Zähnen ist immer mal wieder etwas. Dieses Jahr hat eine neue Zahnfüllung 250 Franken gekostet. Meine Lesebrille habe ich für 490 Franken gekauft, wobei die Zusatzversicherung 200 Franken übernahm.

Mobilität: Ich leide an einer schweren Erdnussallergie. Kleinste Spuren davon in der Luft sind für mich lebensbedrohlich. Wenn jemand im Zug Erdnussflips isst, muss ich sofort das Abteil wechseln. Darum bin ich hauptsächlich mit dem Auto unterwegs. Einen meiner drei Hunde habe ich als Allergiewarnhund mit Assistenzfunktion ausgebildet. 

Das Auto ist ein grosser Posten in meinem Budget: Die Autoversicherung kostet 1233 Franken pro Jahr, der Garagenplatz 1200 Franken, die Autosteuer 278 Franken und die Vignette 40 Franken. Für Benzin rechne ich mit 1600 Franken jährlich. Alle drei Jahre brauche ich neue Pneus für 340 Franken. Ein riesiges Glück ist, dass mein Sohn Automechatroniker ist. Er erledigt den Service gratis für mich und kann das Material zum Einkaufspreis beziehen, was mich in den letzten Jahren im Schnitt 100 Franken gekostet hat. 

Für 170 Franken im Jahr leiste ich mir ein Halbtaxabo. Wenn wir doch mal mit dem Zug fahren, kann ich die zwei kleineren Hunde in die Tasche nehmen. Der dritte fährt als Assistenzhund gratis mit.

Haushalt: Mein E-Banking zeigt, dass ich pro Monat knapp 680 Franken für Lebensmittel ausgebe. Ich koche jeden Tag frisch. Die Menüs sind sehr abwechslungsreich: von Reis über Teigwaren bis zu Gemüse, Salat, Fleisch und Fisch. Ich koche immer genug, damit mein Sohn am nächsten Tag etwas fürs Mittagessen mitnehmen kann. 

Ich kaufe konsequent bei Lidl oder Aldi ein und passe meinen Wochenmenüplan rigoros den Aktionen an. Im Vorfeld studiere ich die Reklamen und nutze für meine Einkaufsliste die «Bring!»-App. Das ist besonders praktisch, weil ich dort die aktuellen Aktionen direkt anklicken kann, so dass sie automatisch auf meiner digitalen Einkaufsliste landen. Glace würde ich beispielsweise nie kaufen, wenn es sie nicht zum Aktionspreis gibt. Bei Früchten und Gemüse achte ich eher auf die Saison. Ein guter Tipp ist das «Rettungstäschli» von Lidl: Es ist sehr günstig und gefüllt mit Produkten, die optisch nicht mehr perfekt, aber problemlos konsumierbar sind. 

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Natürlich fällt auch das Futter für meine drei Hunde stark ins Gewicht, pro Jahr sind das knapp 1000 Franken. 

Aufgrund einer Krankheit leide ich an Haarausfall. Ich trage eine Massperücke, die jedes Jahr 3000 Franken kostet. Die IV übernimmt davon die Hälfte. Einmal pro Jahr muss ich sie für 300 Franken auffrischen lassen, dazu kommen 50 Franken für Pflegeprodukte. 

Verpflegung ausser Haus: Bei diesem Budgetposten kann ich am besten justieren, wenn das Geld knapp ist. Es sind aber ohnehin nicht mehr als 100 Franken pro Jahr. Manchmal liegt nach dem Spaziergang mit den Hunden ein Kaffee drin, manchmal nicht. Ich schätze, dass ich höchstens dreimal pro Jahr auswärts esse. Entweder bei uns im Dorf beim Imbissstand, wo ein Burger neun Franken kostet, oder mit Freundinnen in einer Pizzeria. 

Kleidung und Schuhe: Da ich täglich mehrmals mit den Hunden an der frischen Luft bin, ist gutes Schuhwerk ein Muss. Ich besitze hohe Wanderschuhe und Trekkingschuhe, die ich ausschliesslich im Outlet von Ochsner Sport oder bei Otto’s kaufe. Dort bekommt man hochwertige Schuhe für den halben Preis. Mein letztes Paar kostete 75 statt 140 Franken. 

Auch Regen- und Windjacken haben ein Ablaufdatum, auch diese kaufe ich im Outlet. Pro Jahr gebe ich nicht mehr als 250 Franken für Kleidung und Schuhe aus. Hier schaue ich wirklich auf jeden Franken.

Freizeit: Meine Hunde sind mein grösstes Hobby. Es fallen immer mal wieder Kosten an, zum Beispiel für den Tierarzt, Impfungen oder Entwurmungen. Alles in allem macht das pro Jahr 3000 Franken. Die Hundesteuer für einen Hund zahlt meine Tochter, die andere zahle ich und jene für den dritten Hund entfällt, da er ein Assistenzhund ist. 

Mein E-Banking weist rund 100 Franken für Freizeitauslagen aus, darunter fallen zum Beispiel ein Eintritt fürs Minigolf, fürs Bowling oder eine Bergbahnfahrt. 

Verbandsbeiträge, Mitgliedschaft: Meine Jahresbeiträge für den kynologischen Verein, für Fragile Suisse und den Deutschen Allergie- und Asthmabund belaufen sich auf insgesamt 175 Franken.

Ferien und Ausflüge: Fliegen ist für mich zurzeit kein Thema, weil ich wegen meiner Erdnussallergie bei einem Flug einen Vorfall hatte. Stattdessen fahre ich einmal im Jahr für eine Woche mit meinem Partner oder Freunden sowie den Hunden nach Italien. Wir mieten auf einem Campingplatz Mobilehome und kochen selber. Mein Anteil dafür beläuft sich auf knapp 700 Franken. 

Geschenke: Diesen Posten finde ich schwierig einzuschätzen, ich denke aber, es sind ungefähr 200 Franken pro Jahr. Meistens schenke ich den Kindern zum Geburtstag einen Gutschein für einen gemeinsamen Ausflug, wie kürzlich für den Geburtstag meiner Tochter, in einer Seilbahngondel der Weissensteinbahn. Das Geburtstagskind wird dann von mir eingeladen. 

Willst auch du wissen, wo dein Geld hinfliesst?

Hier kannst du die Excel-Tabelle zum Selberberechnen herunterladen.

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Spenden: Ich spende jedes Jahr 45 Franken an den Tierschutz.

Altersvorsorge: Ich habe noch nie auf ein Säule-3a-Konto eingezahlt. Wir hatten schon früher als Familie nicht genügend finanziellen Spielraum dafür. Als IV-Rentnerin muss ich aber bis zu meiner Pensionierung weiterhin die obligatorischen Beiträge an die AHV zahlen. Für mich sind das Fr. 556.50 pro Jahr.

Sparen und Vermögen: Ich habe ein Rückstellungskonto. Dorthin überweise ich jeden Monat 500 Franken. Davon zahle ich meine Steuern, die Versicherungsprämien für Privathaftpflicht-, Hausrat- und Autoversicherung und andere unerwartete grosse Beträge. 

Zudem habe ich 4000 Franken auf einem Sparkonto. Dieses Geld möchte ich nicht anrühren, sondern nutze es nur, wenn es hart auf hart kommt. Zum Beispiel für unvorhergesehene Tierarztkosten.

Mein grösster Luxus

Mein Auto, denn ich bin zwingend darauf angewiesen. Und natürlich die Hunde. Sie sind mein Hobby und meine grosse Leidenschaft. Sie haben mich nach dem Schlaganfall über Wasser gehalten. Ohne sie werde ich unruhig und total überreizt. Sie sind mein Ausgleich und geben mir Sicherheit. 

So fühle ich mich

Auf dem ersten Arbeitsmarkt habe ich aufgrund meiner Einschränkungen kaum mehr Chancen, etwas zur Rente dazuzuverdienen. Aktuell absolviere ich eine Peer-Ausbildung, die mir von Pro Infirmis bezahlt wird. So könnte ich künftig andere Betroffene nach einem Hirnschlag coachen. Das wäre eine sinnvolle Aufgabe, die sich auch in einem Minipensum gut mit meiner Belastbarkeit vereinbaren liesse. 

Mein Budget geht nur auf, weil ich das Kostgeld meines Sohnes erhalte. Da es bei der Miete angerechnet wird, habe ich keinen Anspruch auf Ergänzungsleistungen. Mit drei Hunden ist der finanzielle Spielraum knapp, aber ich würde nie etwas kaufen, was ich mir nicht leisten kann.

Wenn ich sehe, was andere Leute teilweise für Luxusprobleme wälzen, realisiere ich erst recht, was einem alles verwehrt bleibt, wenn man jeden Franken umdrehen muss. Die Zukunft macht mir grosse Angst: Wenn mein Sohn eines Tages auszieht, fehlen mir schlagartig 800 Franken im Monat.

Eine grosse emotionale und manchmal auch finanzielle Stütze sind meine Kinder und mein Ex-Mann. Ab und zu springt mein Ex-Mann ein und übernimmt im Notfall eine Rechnung für mich. Obwohl ich ihre Unterstützung sehr schätze, kostet es mich jedes Mal Überwindung, diese anzunehmen. Eigentlich möchte ich ihnen nämlich nicht zur Last fallen.

Aufgezeichnet von Katrin Reichmuth. 

Hier findest du die bisherigen Folgen der Rubrik «Die Abrechnung». 

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