Darum gehts
- Die Schweiz rutscht im IMD-Wettbewerbsfähigkeitsranking auf Platz drei ab
- Lange politische Entscheidungswege bremsen Anpassung an technologische Veränderungen
- Ranking: 1. Singapur, 2. Hongkong, 3. Schweiz
Die Wettbewerbsfähigkeit eines Landes entscheidet über seinen wirtschaftlichen Erfolg – und die Schweiz gerät zunehmend ins Hintertreffen. Das zeigt das aktuelle Ranking des Instituts für Managemententwicklung (IMD) in Lausanne. Die Schweiz, die einst den Spitzenplatz hielt, ist auf Rang drei abgerutscht. Arturo Bris, Finanzprofessor am IMD und Verantwortlicher für das Ranking, warnt: «Die Erwartungen für das künftige Wachstum der Schweizer Wirtschaft haben sich verschlechtert», sagt er im Gespräch mit der «NZZ am Sonntag».
Die Schweizer Wirtschaft zeige sich zwar grundsätzlich widerstandsfähig. Doch: «Die jüngsten Daten zeigen tatsächlich den Beginn eines Niederganges an», so Bris.
Der Finanzprofessor führte bereits gegenüber Blick jüngst die Hauptgründe für die sinkende Wettbewerbsfähigkeit der Schweiz aus. In den letzten Jahren nahm der globale Trend hin zu einem stärkeren Protektionismus zu, der unter US-Präsident Donald Trump (80) weiter an Fahrt gewann. Dazu die rasante Entwicklung im Bereich künstliche Intelligenz.
Damit ein Land auf diese Veränderungen reagieren kann, muss es agil sein. Doch die politischen Entscheidungswege in der Schweiz sind deutlich länger als in Singapur oder Hongkong – den Ländern auf Platz 1 und 2 im IMD-Ranking. «Wirtschaftspolitische Entscheidungen und Weichenstellungen brauchen in der Schweiz mehr Zeit. Das ist gerade in der Zeit des technologischen Rennens eine nicht zu unterschätzende Gefahr», so Bris zu Blick. Auch UBS-CEO Sergio Ermotti sagte im Januar, dass sich die Schweiz ein Vorbild an Ländern wie Singapur nehmen solle.
Doch worin liegen die zentralen Unterschiede zwischen Hongkong, Singapur und der Schweiz? Blick liefert eine Übersicht:
Einfluss des Bürgers
Hongkong und Singapur werden extrem zentralistisch regiert. Die Bürger können kaum mitbestimmen oder korrigierend eingreifen. Der Staat entscheidet und legt den Fokus auf wirtschaftliche Stabilität. So kann die Regierung extrem schnell wirtschaftsliberale Regulierungen in Kraft setzen, beispielsweise im Bereich künstliche Intelligenz.
Ganz anders in der Schweiz, in der die Bürger dank der direkten Demokratie die Gesellschaft und Wirtschaft mitgestalten können. Bis das Parlament ein neues Gesetz erarbeitet hat und dies anschliessend in Kraft gesetzt wird, dauert es im Schnitt rund vier Jahre.
Soziale Sicherheit
Wer in Hongkong den Job verliert oder krank wird, hat aufgrund der minimalistischen Sozialsysteme rasch finanzielle Probleme. In Hongkong gibt es keine klassische Versicherung für den Fall eines Jobverlusts, sondern bloss eine extrem strenge Sozialhilfe. In Singapur setzt man auf eine zeitlich begrenzte, gedeckelte Starthilfe. Bei längeren Krankheiten fällt man in beiden Ländern durchs System.
In der Schweiz soll das Arbeitslosengeld den bisherigen Lebensstandard aufrechterhalten, Krankentaggeld fliesst meist ab Tag 1 und auch lange Krankheitsausfälle sind versichert.
Leistungsdruck
Die Arbeitsmärkte in Singapur und Hongkong sind extrem liberal – und die Jahresarbeitszeit liegt deutlich höher als in der Schweiz: lange Präsenzzeiten, dazu kaum Arbeitszeitkontrollen. In beiden Stadtstaaten ist der Leistungsdruck bereits im Schulsystem enorm. In Singapur gibt es zudem keine gesetzlichen Mindestlöhne. Der Staat sichert die Lebenshaltungskosten primär über den Wohnungsmarkt. Nach einer Enteignung der Bodeneigentümer in den 1960er-Jahren haben Einheimische Zugang zu bezahlbaren Eigentumswohnungen.
Der Schweizer Arbeitsmarkt ist flexibel, wird jedoch stark durchs Arbeitsgesetz und Gesamtarbeitsverträge flankiert. Überzeit ist streng reguliert und Ferien sind gesetzlich verankert. Das duale Bildungssystem ist deutlich durchlässiger als in den beiden Vergleichsländern.