Darum gehts
Die Firma Hitachi Energy war für die Behörden ein scheinbares Dilemma: ansiedeln und Arbeitsplätze schaffen oder besser ablehnen, weil es Mehrverkehr schafft, Land verbaut und die Zuwanderung fördert? Das japanische Unternehmen ist erst seit 2020 in der Region Baden. Es hat die dortige Stromnetzsparte der ABB übernommen und gehört dem japanischen Mischkonzern Hitachi aus Tokio. 290’000 Angestellte mit 600 Tochterfirmen zählen zum Konzern, darunter die schweizerische Hitachi Energy.
Der Konzern hätte die Sparte nach der Übernahme wegzügeln können. Doch die Japaner bauen stattdessen in der Schweiz aus. Sie planen eine neue Weltzentrale samt Forschungs- und Entwicklungszentrum mit bis zu 3000 Arbeitsplätzen. Heute sind es 1200.
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Eigentlich Good News für den Werkplatz Schweiz, würde man denken. Die Kantonsregierung Aargau hoffte, den neuen Hauptsitzcampus in die Region Baden zu holen. Doch in gewissen Kreisen kamen Zweifel auf, ob das eine gute Sache sei. Der lokale Widerstand gegen die Ansiedlung war aus unterschiedlichen Gründen beträchtlich. Das Verdikt von der Strasse lautete: «Nicht bei uns!»
Jetzt geht Hitachi in den Kanton Zürich
Eine Zürcher Gemeinde buhlte neben dem Aargau ebenfalls um die Ansiedlung des Campus. Im Juni kamen dann die News von Hitachi: Zürich hat das Rennen gemacht.
Die Zentrale wird in Otelfingen gebaut, auch dank des beherzten Engagements der dortigen Gemeindepräsidentin. Die Zürcher Wirtschaftsdirektorin Carmen Walker Späh dürfte der Entscheid gefreut haben, aber im Aargauer Establishment ist die Enttäuschung riesig.
Der Kanton wird Arbeitsplätze und Steuereinkünfte verlieren. Ist die Nichtansiedlung nun zukunftsweisend?
Die Pflugmaschine Wirtschaft
Zur Antwort muss man etwas ausholen. Firmen entstehen und werden aufgelöst oder ins Ausland verlagert. Im zweiten Pandemiejahr 2021 beendeten in der Schweiz rund 37’000 Firmen ihre Tätigkeit. Rund 50’000 Personen verloren ihre Stelle. Davon sprach niemand, als man im Juni über die Vor- und Nachteile der Volksinitiative zur 10-Millionen-Schweiz debattierte. Die Diskussion verlief nur eingleisig. Der Vorwurf: Warum fördert die Schweiz noch immer die Ansiedlung von Arbeitsplätzen?
Jedes Jahr werden Zehntausende Firmen gegründet und Stellen geschaffen. Im Jahr nach der Pandemie, 2022, kamen 47’000 Firmen hinzu. Per Saldo der Jahre 2021 und 2022 wurden 65’000 zusätzliche Stellen geschaffen. Diese Zahlen zeigen vor allem eines: Die Schweizer Wirtschaft wird jedes Jahr durchgepflügt.
Zehntausende Firmen werden geschlossen oder ins Ausland verlagert, und Zehntausende kommen jedes Jahr hinzu. Jede fünfte Neugründung geht im ersten Jahr ihrer Existenz ein. Die Umwälzung ist riesig. Laut Statistik der Unternehmensschliessungen gelten lediglich 6 Prozent der gegründeten Firmen als beständig und bieten mehr als zehn Leuten eine Stelle. Das gilt auch für Erfolgskantone wie Zug.
Sehr wenige begleitete Ansiedlungen
Im Vergleich dazu nimmt sich die Zahl der in den Kantonen neu angesiedelten Firmen geradezu bescheiden aus: 2022 waren es 265 Unternehmen – gerade mal 0,4 Prozent der jährlichen schweizerischen Firmengründungen. Sie schufen 1200 Arbeitsplätze, wie aus einer im letzten Jahr publizierten Studie des Bundes hervorgeht. Verfasserin war die Beratungsfirma Ecoplan. In der Tendenz nahm die Zahl der Unternehmensansiedlungen von 2017 bis 2024 sogar leicht ab.
Die Zahl der Zugewanderten in diesen angesiedelten Firmen schätzt Ecoplan auf rund 800 Leute pro Jahr. Zählt man die Familienangehörigen dieser Angestellten dazu, sind jährlich 1200 Leute aufgrund von Firmenansiedlungen im Jahr 2022 zugewandert.
Das Seco schätzt in seiner Vernehmlassung zur Standortförderung pro Jahr im Schnitt 1600 zugewanderte Personen wegen Ansiedlungen (2018 bis 2022). Vergleicht man diese Zahl mit den zuletzt jährlich rund 60’000 zugewanderten Personen (Nettobetrachtung), lässt sich festhalten, dass die Ansiedlungspolitik der Kantone die Zuwanderung nicht antreibt. «Der Einfluss der Standortförderung auf die Zuwanderung ist gering», so das Fazit des Bundesrats.
Einwanderung in Boombranchen ohne Ansiedlung
Woher und weshalb kamen dann die Ausländerinnen und Ausländer zur Arbeit in die Schweiz, wenn nicht wegen der Ansiedlung einer Firma? Der jüngste Observatoriumsbericht über die Personenfreizügigkeit des Bundes zeigt die Beschäftigtenentwicklung von 2010 bis 2025. Am meisten Jobs mit Angestellten aus EU- und Efta-Ländern wurden in den Boombranchen Gesundheit und Sozialwesen generiert.
Auf Rang zwei der Liste der von Ausländern besetzten Jobs stehen die freien Berufe (Architekten, Ingenieure, Ärzte), die Wissenschaft und technische Dienstleistungen.
An dritter Stelle der Jobmacherliste stehen die Immobilienbranche und die Wirtschaftsberatung. Auch das sind Boombranchen ohne Ansiedlungsförderung.
Die allermeiste Zuwanderung erfolgte in Branchen ohne aktive Wirtschaftsförderung. Die politische Forderung, dass Firmenansiedlungen wegen der Zuwanderung zu stoppen seien, hat kein Fundament.
Die Kraft der Firmencluster
Im Gegenteil, es gibt gute Gründe dafür, dass die Kantone weiterhin Standort- und Ansiedlungsförderung betreiben. Nach Schätzung der Handelszeitung setzen derzeit alle Kantone zusammengerechnet 96 bis 137 Vollzeitstellen zur Standortförderung ein, davon ein Bruchteil zur Ansiedlungsförderung.
Die Konferenz der Volkswirtschaftsdirektoren verteidigt den Einsatz der Mittel vehement. Sie machte dies zuletzt in einer Mitteilung im April klar. Ihr Präsident, der Urner Wirtschaftsdirektor Urban Camenzind, gilt als promotionsfreundlich. Im April sagte er für seinen Kanton, er wolle mithilfe von Standortförderung die Urner Wirtschaft weiterentwickeln. Zuwanderung war im Statement kein Thema, obwohl das dortige Stimmvolk die Zuwanderungs-Initiative mit einem 60-Prozent-Stimmenanteil bejaht hat.
Drei Viertel der angesiedelten Firmen sind in zukunftsträchtigen Branchen zu finden: in der Informations- und Kommunikationstechnologie (ICT), im Maschinenbau- und Tech-Sektor sowie in den Life Sciences (Pharma, Biomedizin). In Zürich ist seit 2010 ein ICT-Hub rund um Google entstanden. Google kam unabhängig von der Ansiedlungsförderung hierher. Meta gehört zum Cluster, auch Microsoft und die kürzlich zugezogenen Firmen Anthropic und Open AI, die sich mit künstlicher Intelligenz (KI) befassen.
Maschinenbau- und Tech-Firmen siedeln sich ebenfalls gerne im Grossraum Zürich an, wegen der Nähe zur ETH. Dies zeigt auch die Ansiedlung des Energietechnikherstellers Hitachi. Starke Tech-Regionen sind darüber hinaus die Kantone Aargau, Solothurn, Baselland und die Genferseeregion. Der Grossbereich Life Sciences wächst vorzugsweise in und um Basel, im Kanton Zug und dort insbesondere in Rotkreuz mit Roche und Novartis als Schwerpunkte.
Diese Konzentration gewisser Cluster hat mit Wirtschaftsförderung zu tun, aber auch mit einer Präferenz der Firmen selber. So gesellt sich gerne Erfolgreiches zu Erfolgreichem. Das zeigt sich in Zürich mit dem ICT-Hub, wo selbst der erwähnte Tech-Konzern Hitachi im IT-Bereich mitmischt.
Die Behörden haben spezielle Anlaufstellen für Konzerne. Zulieferfirmen wie Banken, Anwälte, Treuhänder und Tech-Firmen wissen, wie sie zu bedienen sind. Hochschulen produzieren den akademischen Nachwuchs. Und Angestellte mit Branchen-Know-how wohnen bereits vor Ort: Branchencluster erleichtern die Rekrutierung.
Was Standortpromotion bewirken will
Die Zuger Wirtschaftsförderung hebt hervor, dass es die wirtschaftliche Umwälzung zu begleiten gelte. Die Wirtschaft sei «ein Organismus, der von Werden und Vergehen respektive Kommen und Gehen geprägt ist», sagt Bernhard Neidhart, Leiter des kantonalen Amts für Wirtschaft und Arbeit.
Mit Ansiedlungen fördere man zukunftsträchtige Arbeitsplätze, heimische Branchencluster und damit indirekt auch ansässige Zuger Firmen. Dies sei ein «wichtiger Erneuerungsprozess betreffend Produkte, Dienstleistungen, Innovationen, Prozesse und Netzwerke für Wirtschaftsdynamik».
Die Ansiedlung von Firmen wirke sich «primär qualitativ und nicht quantitativ aus», sagt der Amtsleiter. Die Frage, ob Zug seine Strategie wegen der Zuwanderungsskepsis ändere, lässt er offen. Er könne nicht antworten, weil eine Anfrage aus dem kantonalen Parlament dazu hängig sei.
Baselland fördert die Cluster Pharma/Biotech, Chemie, Medtech, Automatisierung, Feinmechanik und ICT. «Unser vorrangiges Ziel ist, Lücken in der Wertschöpfungskette zu schliessen und die Sektoren mit neuen Unternehmen global wettbewerbsfähig zu erhalten», sagt Thomas Kübler, Leiter Standortförderung des Kantons.
Eine Änderung der Strategie nach der Zuwanderungs-Initiative lehnt er ab. Standortpromotion leiste einen wesentlichen Beitrag dazu, dass bestehende Firmencluster «widerstandsfähiger, produktiver und wettbewerbsfähiger» werden. Der Kanton messe dies anhand des Wirtschaftswachstums und der Steuererträge.
Ein Verzicht auf Standortpromotion würde «den grundsätzlichen Interessen des Wirtschaftsstandorts zuwiderlaufen». Oder anders formuliert: Wirtschaftsförderung heisst, seinen Wald zu pflegen, Jungwald aufzuforsten und einzelne Bäume zu setzen, wo Lücken entstanden sind. Das wichtigste geförderte Merkmal aller Wirtschaftsförderung ist, die regionale Wertschöpfung zu steigern.
Spezialfall Tourismus: Warum fördern?
Einzelne Kantone, darunter Bern, Wallis und Graubünden, haben sich neben der Ansiedlung auch der Förderung des Sektors Tourismus verschrieben. Das ist ein Sektor, der etliche Zuwanderung generiert und als wertschöpfungsschwach gilt. In der Tourismusbranche werden Firmen zwar nicht angesiedelt, aber gefördert.
Der Kanton Bern beispielsweise hat im letzten Jahr bloss acht Firmen (unter 67 kantonalen Förderprojekten) angesiedelt. Die Standortförderung unterstützt primär die Entwicklung bestehender Berner Unternehmen, Start-ups und Innovationsprojekte, darunter die regionale und touristische Entwicklung. Doch warum fördern?
Die Berner Wirtschaftsförderung sagt, der Tourismus sei im Berner Oberland «eine Leitbranche». Sie bringe «Nachfrage und Kaufkraft von ausserhalb in Regionen, in denen nicht ohne Weiteres gleichwertige wirtschaftliche Alternativen» bestünden. Liesse man den Tourismus fallen, würden neben Hotellerie und Gastronomie «auch Verkehr, Detailhandel, Bergbahnen, Kultur, Freizeitangebote und zahlreiche Zulieferbetriebe» leiden.
Anders gesagt: Zu einem gewissen Teil wird Standortförderung gerechtfertigt, um strukturschwache Landesteile zu stützen und sie nicht von der Wirtschaftsentwicklung erfolgreicher Wirtschaftszentren abzuhängen. Zum Preis weiterer Zuwanderung.
Dies ist der Hauptgrund, warum Repräsentanten der ländlichen Schweiz gegen einen Zuwanderungsstopp votierten. «Berggebiete sind in hohem Masse auf ausländische Fachkräfte und Spezialisten angewiesen», hiess es von der Schweizerischen Arbeitsgemeinschaft für die Berggebiete vor der Abstimmung.
Zuwanderung abzuklemmen, würde bedeuten, die Wirtschaft der Berggebiete abzuhängen.
Dem Bund steht die Standortdebatte bevor
Die nächste Debatte steht bereits bevor. Der Bundesrat wird den Budgetvorschlag zur Standortförderung der Jahre 2028 bis 2031 voraussichtlich im Februar 2027 präsentieren. Die Vernehmlassung ist im Juni abgelaufen.
Die Vorlage hat viele sehr unterschiedliche Teile, darunter die weitergehende Digitalisierung des Bundes (E-Government) und Regulierungserleichterungen für KMU sowie die Exportrisikogarantie des Bundes. Die Ansiedlungsförderung ist ein ganz kleiner Teil davon; sie soll den Bund bloss 4,5 Millionen Franken pro Jahr kosten, während in der Tourismusförderung noch immer geklotzt wird: mit 47 Millionen jährlich.
Die Kritik an der Vorlage von Wirtschaftsminister Guy Parmelin war gross, aber nicht wegen der Ansiedlungsförderung.
Die monierte man nicht. Ärger verursacht vielmehr, dass der Bund sich aus der Regionalförderung zurückziehen will und die Tourismusförderung des Bundes finanziell beschnitten werden soll.
Eine sinnvolle Sache, würde man denken, angesichts der generierten Zuwanderung, aber die Lobby der Touristiker formiert sich dagegen – einschliesslich der SVP.
Umgekehrt reklamiert Swissholdings, der Verband der Konzerne, dass die Bedürfnisse von Grossunternehmen – der besten Steuerzahler der Schweiz – zu wenig berücksichtigt würden. Die Wirtschaft sei nicht branchenspezifisch zu fördern, sondern generell durch «administrative Entlastung, Bestandespflege bestehender international tätiger Unternehmen und eine Verbesserung übergeordneter Standortqualitäten der Schweiz».
Hitachi Energy würde wohl sagen: Die wichtigste Qualität ist, dass man willkommen ist. Dazu gehören auch Ansiedlungsförderung und der niederschwellige Zugang zu ausländischen Arbeitskräften.
Nur der hohe Gewinnsteuerfuss des Standorts Zürich dürfte kein Argument für eine Ansiedlung gewesen sein.