Darum gehts
- In der Schweiz arbeiten 250'000 Haushaltshilfen, viele davon ohne Papiere
- In Genf stieg deklariertes Arbeiten durch Härtefallrecht von 41 auf 85 Prozent
- Im Grossraum Zürich leben schätzungsweise 20'000 Sans-Papiers ohne Aufenthaltsbewilligung
Es ist eine Arbeitswelt fernab des Scheinwerferlichts: In Schweizer Haushalten arbeiten schätzungsweise 250'000 Haushaltshilfen. Sie putzen, kümmern sich um Kinder oder ältere Personen. In vielen Fällen handelt es sich um Schwarzarbeit, deren Anteil je nach Quelle auf 40 Prozent und mehr geschätzt wird.
Haushaltshilfen kommen meist aus dem Ausland, wie eine Studie von Clino zeigt. Ein Problem dabei: «Viele von ihnen sind Sans-Papiers», sagt Studienautor Christian Nussbaum (50) zu Blick. Clino ist ein unabhängiger Schweizer Onlinedienst, der Privathaushalten hilft, ihre Haushaltshilfen korrekt anzumelden und abzurechnen.
In der Schweiz leben je nach Schätzung zwischen 75'000 und 150'000 Sans-Papiers, also Menschen ohne eine Aufenthaltsbewilligung. Das trägt massgeblich zur grassierenden Schwarzarbeit in der Branche bei.
Die Angst vor der Ausschaffung
Sans-Papiers können zwar bei der Unfallversicherung und den Sozialversicherungen gemeldet werden und wären durch das Sozialversicherungsgesetz geschützt. Doch die Angst ist gross, trotzdem bei den Migrationsbehörden zu landen und abgeschoben zu werden. «Viele fürchten sich vor diesem Risiko und werden so in die Schwarzarbeit gedrängt», sagt Nussbaum.
Das fliegt kaum auf: Weil Haushalte keine Unternehmen sind, bleiben sie bei Kontrollen weitgehend unter dem Radar. «Rein rechnerisch wird ein Privathaushalt nur etwa alle 1645 Jahre auf Schwarzarbeit kontrolliert», so Nussbaum.
Bei den Haushaltshilfen entgehen den Sozialversicherungen Schätzungen zufolge mehrere Hundert Millionen Franken pro Jahr. Das führt gemäss Nussbaum zum nächsten Problem: «Viele stehen im Alter schliesslich ohne AHV-Rente da.» Die Altersarmut droht jedoch genauso Haushaltskräften mit legalem Aufenthaltsstatus, die zum Teil auch schwarzarbeiten.
Genf ist das Problem angegangen
Der Kanton Genf ist das Problem mit den Sans-Papiers angegangen, indem er seit 2018 das Härtefallrecht konsequent anwendet. Demnach werden sie anerkannt, wenn sie eine Reihe von strengen Kriterien erfüllen. Familien müssen seit mindestens fünf Jahren in der Schweiz leben, Einzelpersonen mindestens zehn Jahren. Zudem müssen sie finanziell unabhängig sein, also keine Schulden oder offene Betreibungen haben, Französischkenntnisse nachweisen und es dürfen keine Einträge im Strafregister stehen. Die Sans-Papiers erhalten daraufhin einen B-Ausweis.
In Genf stieg der Anteil der deklarierten Erwerbstätigkeit im Anschluss von 41 auf 85 Prozent – die meisten davon sind in der Hauswirtschaft tätig. «In den anderen Kantonen stimmen die Lebensrealität und die Regulierungen nicht überein», so Nussbaum. «Die Menschen sind da und müssen irgendwie über die Runden kommen. Deshalb macht ein pragmatischer Ansatz Sinn.»
Teil dieser Lebensrealität ist gemäss Nussbaum auch, dass Paare und Familien heute in Wirtschaftszentren wie Zürich meist auf zwei Einkommen angewiesen sind. In der Schweiz wird im europäischen Vergleich überdurchschnittlich viel gearbeitet – deshalb ist der Bedarf an Haushaltshilfen gross. Viele Sans-Papiers ziehen folglich in die Wirtschaftszentren, weil hier eher eine Arbeit als Haushaltshilfe winkt. Allein im Grossraum Zürich sollen 20'000 illegale Einwanderer leben, schätzt die Zürcher Anlaufstelle für Sans-Papiers.
Politisch nicht mehrheitsfähig
Die politische Zurückhaltung, dem Genfer Modell zu folgen, hat mehrere Gründe: Eine Anerkennung hätte eine Sogwirkung für weitere illegale Zuwanderung, argumentieren Politiker. Zudem würde man damit einen Rechtsbruch belohnen und die Sans-Papiers gegenüber regulären Einwanderern bevorteilen.
Doch die Anzahl Sans-Papiers wird wohl kaum sinken: Eine Studie im Auftrag des Kantons Zürich kommt zum Schluss, dass der Arbeitsmarkt den wichtigsten Sogfaktor darstellt. Der Bedarf an günstigen Arbeitskräften in den Haushalten ist gross und wird durch die alternde Bevölkerung weiter zunehmen. Der Beschäftigungsgrad bei erwachsenen Sans-Papiers wird auf 80 bis 90 Prozent geschätzt.
Für Menschen aus Drittstaaten ohne hohe Qualifikationen ist eine Einwanderung in die Schweiz legal praktisch nicht möglich. Gemäss Martina Caroni (57), Professorin an der Universität Luzern, ergibt sich dadurch die paradoxe Situation, dass die Wirtschaft auf Sans-Papiers angewiesen ist, politisch jedoch die Forderung laut wird, gegen Personen ohne Aufenthaltsbewilligung vorzugehen.