Reform-Agenda Ermotti, Voser & Co.
18 Konzernchefs stellen 68 Forderungen, damit die Schweiz Spitze bleibt

Um den Wohlstand zu sichern, plädieren Sergio Ermotti, Suzanne Thoma und Martin Haefner für mehr Freihandel, weniger Staat und Sozialreformen.
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Die Schweizer Wirtschaft ist Weltklasse. Damit es dabei bleibt, ...
Foto: Pius Amrein

Darum gehts

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Holger Alich, Stefan Barmettler, Seraina Gross, Michael Heim, Markus Diem Meier und Karin Kofler
Handelszeitung

Die Welt wird komplizierter, Machtspiele prägen den Welthandel. Die Schweiz ist als kleine, offene Volkswirtschaft mehr denn je gefordert. Das zeigt auch der neue World Competitiveness Report der Lausanner Businesschool IMD: Die Schweiz verliert den ersten Platz an Singapur, die Schweiz liegt nur noch auf Rang drei der wettbewerbsfähigsten Volkswirtschaften. «Ich sehe denn auch ein langsames Abgleiten der Schweiz in Sachen Wettbewerbsfähigkeit für die nächsten Jahre voraus», sagt Studienleiter Arturo Bris, Wirtschaftsprofessor am IMD.

In diesen unsicheren Zeiten rät UBS-Chef Sergio Ermotti der Schweiz zu breit abgestützten Handelsbeziehungen. Dazu gehört die Klärung des Verhältnisses zur EU sowie ein pragmatischer Ansatz gegenüber den USA und China. Weiter plädiert er für einen Ausbau wirtschaftlicher Beziehungen. «Es besteht Potenzial für weitere Freihandelsabkommen», sagt er und denkt dabei etwa an Australien.

Sein Fazit: «Wir brauchen starke Allianzen mit allen Ländern und Regionen, die für die Schweiz strategisch bedeutungsvoll sind.» Ermotti ist einer von 18 Wirtschaftsführern, die exklusiv in der Handelszeitung aufzeigen, was es ihrer Meinung nach braucht, um die Schweiz fit für die Zukunft zu machen.

Abschottung führt ins Abseits

Auf Diversifikation setzt Martin Hirzel, Präsident von Swissmem und Verwaltungsrat bei Bucher Industries. «Die Schweiz mit ihrem kleinen Heimmarkt braucht offene Märkte, Zugang zu ausländischen Fachkräften und stabile Beziehungen zu den wichtigsten Partnern.» Abschottung wäre eine Schrumpfungsstrategie.

Ein grosses Anliegen hiesiger Wirtschaftsführerinnen und -führer ist ein kritisches Hinterfragen der Rolle des Staates. Dieser wird als zu aktivistisch wahrgenommen. «Was Wirtschaft und Gesellschaft selber lösen können, davon soll der Staat die Finger lassen», fordert Martin Haefner, Eigentümer der Autohandelsfirma Amag und des Industriekonzerns Swiss Steel.

Er verweist auf das im Vergleich zur Wirtschaft überproportionale Personalwachstum beim Staat. Weil dieser auch höhere Löhne bezahle, jage er den Privatfirmen die benötigten Fachkräfte ab. «Die Dinge sind aus dem Lot», sagt er. Eine Rückbindung des Staates auf seine Kernaufgaben fordert auch Markus Blocher, Eigentümer und Chef des Spezialchemieherstellers Dottikon ES. Blocher wie Haefner stehen für eine radikale Beschränkung der milliardenschweren Subventionen, die der Bund alljährlich ausschüttet, weil diese den freien Wettbewerb verzerrten.

Top-Thema Energie

Weitere Forderungen der Wirtschaftsakteure betreffen das Thema Energiesicherheit zu bezahlbaren Preisen. Dazu gehört gemäss ABB-Präsident Peter Voser eine Beschleunigung der Energieinfrastrukturprozesse. «Es braucht pragmatische Entscheidungen, die sich am Gemeinwohl orientieren und die nicht versuchen, Partikularinteressen zu übergewichten.» Grundsätzlich wird auch ein Rückbau der Regulierung begrüsst. Schokoladenfabrikant Johannes Läderach: «Entbürokratisierung ist wie Rasenmähen: Es macht nicht immer Spass, aber es muss regelmässig gemacht werden.»

Zur To-do-Liste gehört gemäss mehreren Unternehmern eine Stärkung des Prinzips Selbstverantwortung. «Die Eigenverantwortung muss von allen konsequent eingefordert werden», sagt Dottikon-ES-Eigentümer Markus Blocher. Auch das soziale Auffangnetz sei zu hinterfragen und müsse tiefer angesetzt werden.

Dem pflichtet Suzanne Thoma, Chefin des Industriekonzerns Sulzer, bei: «Die Kosten für die Kinderbetreuung sollten auf ein vergleichbares europäisches Niveau sinken.» Sie verlangt auch, den Verbleib von älteren Fachkräften im Betrieb zu erleichtern. «Arbeiten über das Referenzalter von 65 Jahren hinaus sollte nicht durch Steuern und AHV-Zahlungen belastet werden.» Das aber sei heute der Fall.

Vielerorts ist auch ein Missmut gegenüber den bürgerlichen Parteien zu erkennen. «Sie sind bedauerlicherweise ausserstande, ihre Kräfte geschlossen gegen die masslose Umverteilung zu bündeln», stellt Martin Haefner fest. Es fehle an der Bereitschaft, sich energisch und vereint für eine Politik einzusetzen, welche Eigenverantwortung belohne und das Kollektivistische bekämpfe. Sein Aufruf: «Endlich Kante zeigen!»

Suzanne Thoma, Executive Chairwoman Sulzer.
Foto: Keystone

Suzanne Thoma: Ältere Arbeitnehmer nicht verteuern

Es gilt, Arbeitsleistung wirtschaftlich attraktiver zu machen. Die heutige Ausgestaltung der Steuerprogression muss überdacht werden, die Kosten für die Kinderbetreuung sollten auf ein vergleichbares europäisches Niveau sinken, Arbeiten über das sogenannte Referenzalter von 65 Jahren hinaus nicht durch Steuern und AHV-Zahlungen belastet und ältere Arbeitnehmer nicht durch höhere Sozialabgaben für den Arbeitgeber künstlich teurer gemacht werden.

Fabian Rupprecht, CEO des Versicheres Helvetia CEO.
Foto: Keystone

Fabian Rupprecht: Renteneintritt an die Lebenserwartung anpassen

Die Altersvorsorge ist unter Druck: Die Lebenserwartung steigt, die Zahl der Beitragszahlenden sinkt im Verhältnis zu den Rentenbeziehenden. Dadurch geraten insbesondere die Finanzen der AHV aus dem Gleichgewicht. Auch in der beruflichen Vorsorge besteht Handlungsbedarf. Der gesetzliche Umwandlungssatz ist angesichts der höheren Lebenserwartung und des tiefen Zinsniveaus zu hoch, was zu einer systemfremden Umverteilung von den Erwerbstätigen zu den Rentenbeziehenden führt. Gleichzeitig ändert sich die Arbeitswelt – Berufswege und Karrieren sind heute sehr individuell und verlaufen oft nicht mehr linear. Um die Altersvorsorge langfristig zu sichern, an die Realitäten des Arbeitsmarktes anzupassen und generationengerecht zu gestalten, sind echte Reformen nötig. Wir fordern angesichts der Folgen des demografischen Wandels eine Diskussion über eine nachhaltige Stabilisierung der Altersvorsorge, die folgende Elemente umfasst: die Anpassung des BVG-Umwandlungssatzes und die Angleichung weiterer Vorsorgeparameter an die tatsächliche Lebenserwartung, insbesondere des Referenzalters.

Sergio Ermotti, CEO der UBS.
Foto: Bloomberg via Getty Images

Sergio Ermotti: Nicht einseitig an die EU oder die USA anlehnen

Die Welt ist in vielerlei Hinsicht zunehmend fragmentierter, unter anderem geprägt von Handelskonflikten, Wettbewerb um technologische Standards und neuen sicherheitspolitischen Fragen. Weil sich dies in den nächsten Jahren kaum normalisieren wird, sind diversifizierte Handelsbeziehungen und klar festgelegte Rahmenbedingungen noch wichtiger, besonders für ein kleines, offenes, exportorientiertes Land wie die Schweiz. Handelspolitisch soll kein alleiniger Fokus auf einem der grossen Wirtschaftsblöcke liegen. Der Mix ist entscheidend und soll der Wirtschaft unter anderem Flexibilität und Sicherheit bieten.

Ein zentraler Bestandteil dieser Positionierung ist eine Lösung im Verhältnis zur EU, die auch gut ist für die Schweiz. Gleichzeitig brauchen wir einen realistischen Ansatz im Umgang mit den USA, der die enorme Bedeutung hervorhebt, welche Schweizer Unternehmen und Investitionen für den amerikanischen Markt haben. Darüber hinaus sollten wir auch China weiterhin pragmatisch einbinden und unter Berücksichtigung sicherheitspolitischer Aspekte aktiv neue Abkommen vorantreiben, wie dies mit Indien oder Indonesien gemacht wurde. Für beide wird 2026 ein Wachstum des Bruttoinlandprodukts von rund 5 Prozent und mehr erwartet. Es besteht auch Potenzial für Freihandelsabkommen mit weiteren Ländern wie Australien. Heute hat Australien nur einen Anteil von knapp einem Prozent an den Gesamtexporten der Schweiz. Wir brauchen starke Allianzen mit allen Ländern und Regionen, die für die Schweiz von strategischer Bedeutung sind.

Studien unserer Ökonomen zeigen, dass insbesondere exportorientierte Unternehmen eine Weiterentwicklung und Diversifizierung der Handelsbeziehungen durch zusätzliche Freihandelsabkommen unterstützen. Zwei Drittel der Befragten sind für neue Freihandelsabkommen, und mehr als die Hälfte unterstützen die Bilateralen III.

Was für die Handelspolitik gilt, ist auch auf technologische Standards und regulatorische Rahmenbedingungen anwendbar: Die Schweiz sollte sich nicht einseitig an die EU oder die USA anlehnen, sondern sich intelligent, offen und wettbewerbsfähig positionieren.

Diana Gutjahr, Nationalrätin und Verwaltungsratspräsidentin der Metallbaufirma Ernst Fischer.
Foto: Fabian Hugo/13 Photo für HZ

Diana Gutjahr: Weg mit starren Vorgaben

Meine Forderungen: Regulierung konsequent begrenzen. Konkret: ESG‑Vorgaben auf minimale Mindeststandards – wenn überhaupt – zu beschränken. Denn ein effektiver Mehrwert ist oft nicht erkennbar, weshalb auch ein grundsätzlicher Verzicht zu prüfen ist. Auf einen Ausbau der Sozialversicherungen, etwa bei der Elternzeit, ist zu verzichten. Auch ein Krankentaggeldobligatorium schafft Fehlanreize und höhere Kosten. Statt starrer Vorgaben braucht es mehr Flexibilität, damit Unternehmen eigenverantwortlich arbeitsfähig bleiben.

Johannes Läderach, CEO Chocolatier Suisse
Foto: Keystone

Johannes Läderach: Den Rasen mähen

Staatliche Regulierung kostet die Unternehmen schätzungsweise 6 Milliarden Franken pro Jahr mit steigender Tendenz. Regelmässig entstehen aus der Arbeit von Politikerinnen und Politikern neue Initiativen und Gesetze. Ein gegenläufiger Prozess hingegen ist nicht etabliert.

Mein Vorschlag ist, den gesamten Rechtsbestand des Bundes systematisch überprüfen und entschlacken zu lassen mit dem Ziel, die bestehende Regulierung spürbar zu reduzieren, Doppelspurigkeiten zu beseitigen, überholte Vorschriften zu streichen und den Gesetzesvollzug zu vereinfachen. Und das, ohne den Schutz von Sicherheit, Gesundheit und Umwelt zu beeinträchtigen.

Regulierung und Bürokratie sind stetig gewachsen. Nur: Es fehlen ein systematischer Ansatz und ein Prozess, mit dem Regulierungen regelmässig auf ihre Sinnhaftigkeit und Notwendigkeit hin überprüft werden. Merke: Entbürokratisierung ist wie Rasenmähen – es macht nicht immer Spass, aber es muss regelmässig gemacht werden.

Severin Schwan, Verwaltungsratspräsident der Roche.
Foto: Keystone

Severin Schwan: Wir brauchen einen nationalen Datenraum

Die Digitalisierung des Gesundheitswesens eröffnet grosse Möglichkeiten. Die Schweiz muss einen einheitlichen, interoperablen und forschungsfreundlichen Gesundheitsdatenraum schaffen. Wenn wir die kantonale Fragmentierung überwinden und Gesundheitsdaten anonymisiert für die Forschung zugänglich machen, lösen wir zwei Herausforderungen auf einmal: Wir steigern die Effizienz und Qualität in unserem Gesundheitssystem und stärken gleichzeitig unsere globale Führungsrolle in der Spitzenforschung.

Peter Voser, Verwaltungsratspräsident von ABB.
Foto: Jakob und Bertschi

Peter Voser: Sichere und günstige Energie

Für Volkswirtschaften wird der Zugang zu sauberer und sicherer Energie immer wichtiger; er ist ausschlaggebend dafür, wie wettbewerbsfähig ganze Industriezweige sind. Das sage ich nicht zuletzt wegen der zunehmenden geopolitischen Spannungen, aber auch vor dem Hintergrund des stetig wachsenden Energieverbrauchs und der Energiewende. Die Schweiz ist dabei keine Ausnahme.

Das heisst: Wir sollten offen bleiben für unterschiedliche nachhaltige Energietechnologien – das bedeutet auch, bestimmte Risiken einzugehen und Innovationen nicht zu früh zu verwerfen. Wir müssen uns zudem anschauen, wie wir hierzulande besser mit den Bewilligungsverfahren für neue Energieinfrastrukturprojekte umgehen.

Es braucht pragmatische Entscheidungen, die sich am Gemeinwohl orientieren und die nicht versuchen, Partikularinteressen zu übergewichten. Das ist nicht nur wichtig für unseren wirtschaftlichen Erfolg, sondern für uns alle, die wir täglich auf sichere und günstige Energie angewiesen sind.

Katja Berlinger, Unternehmerin und Verwaltungsrätin der Berlinger AG, Swiss Medi Kids, Wieser Gastronomie und Steinhoff Europe.
Foto: Philippe Rossier

Katja Berlinger: Regulierung – nach drei Jahren ist Schluss

Meine Wünsche: Die Schweiz schafft Regulierungen ab, die nach drei Jahren keinen messbaren Nutzen zeigen. Die Governance in Unternehmen und Verbänden wird konsequent modernisiert, dazu gehören Amtszeitbeschränkung, Kompetenznachweis, Transparenz. Die Anreize werden so gesetzt, dass sich Leistungsbereitschaft rechnet. Die medizinische Grundversicherung wird auf eine würdige, aber endliche medizinische Leistung reduziert.

Andreas Berger, CEO der Swiss Re.
Foto: Thomas Meier

Andreas Berger: Nichtstun ist teuer

Die Schweiz gehört zu den wettbewerbsfähigsten Ländern der Welt – Stabilität und Innovationskraft sind ihre Markenzeichen. Zu den Stärken gehört auch ihre Fähigkeit, mit Unsicherheit, Wandel und Risiken umzugehen. Doch heute sind die Risiken enger vernetzt, Krisen breiten sich schneller aus, und Unsicherheit gehört zum Normalzustand. Umso wichtiger ist es, die Resilienz zu fördern und ganzheitlich zu denken. Zur Sicherung der Wettbewerbsfähigkeit auch in Zukunft.

Dabei dürfen wir Risiken nicht isoliert betrachten. Wer die Altersvorsorge langfristig sichern will, muss breiter denken: an einen flexiblen Arbeitsmarkt, an Produktivitätsgewinne durch neue Technologien, an den demografischen Wandel – vor allem aber daran, wie Menschen gesund, motiviert und mit Perspektive möglichst lange im Berufsleben bleiben können.

Ähnlich verhält es sich bei Klima- und Naturgefahren. Sie sind nicht nur Umweltfragen, sondern betreffen Infrastruktur, Wohnraum, Investitionen, öffentliche Finanzen und die Attraktivität der Schweiz als Lebens- und Wirtschaftsstandort. In diesem Jahr tauschen sich im Rahmen der Initiative «Resiliente Schweiz» von Swiss Re Vertreterinnen und Vertreter aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Zivilgesellschaft dazu aus, wie Gemeinden mit zunehmender Hitzebelastung umgehen können.

Es braucht mehr solche Orte, an denen unterschiedliche Akteure zusammenkommen, sich austauschen und Lösungen für diese Risiken entwickeln. Die Rechnung ist einfach: Vorsorge kostet, aber Untätigkeit kostet mehr. Resilienz zu stärken, heisst deshalb nicht, Risiken zu verwalten, sondern die Grundlagen für künftigen Wohlstand zu sichern.

Martin Haefner, Inhaber des Automobilimporteurs AMAG und von Swiss Steel.
Foto: Herbert Zimmermann/13PHOTO

Martin Haefner: Endlich Kante zeigen!

Die Auswirkungen der aktuellen geopolitischen Veränderungen können als Vorboten einer aufziehenden Krise gesehen werden. Wir können sie aber auch als Weckruf verstehen, Dinge, die aus dem Lot geraten sind, möglichst rasch und aus eigener Kraft wieder in Ordnung zu bringen, um krisenresistenter zu werden.

Mit der Optimierung des Kompromisses im Kampf um die Erhaltung unseres Wohlstandes kommt man dabei nicht weit. Es geht darum, Kante zu zeigen, wenn wir die Grundlagen unseres Wohlstandes erhalten wollen. Diese beruhen immer noch auf einer starken privaten Wirtschaft, einer leistungsorientierten Gesellschaft und dem (verfassungsrechtlich garantierten) Prinzip der Subsidiarität: Was Wirtschaft und Gesellschaft selbst lösen können, davon soll der Staat die Finger lassen.

Wie der Staat aber die freie und darum erfolgreiche Wirtschaft konkurrenziert, nimmt immer drastischere Formen an. So hat die Post im Geschäftsbereich Digital Services Dutzende von Firmen übernommen, die mit der Kernaufgabe der Post kaum etwas zu tun haben, aber in den letzten fünf Jahren insgesamt Verluste von über 300 Millionen Franken einfuhren.

Und während die freie Wirtschaft den Fachkräftemangel beklagt, werden viele dieser Fachkräfte vom Bund absorbiert, weil er seinen Mitarbeitenden im Schnitt 12 Prozent mehr Lohn zahlt als Mitarbeitenden im privaten Sektor! Und dies bei einem überproportionalen Wachstum der Beschäftigten im Sektor Staat (2011 bis 2022: plus 19,3 Prozent) gegenüber dem privaten Sektor (14,0 Prozent).

Kommt hinzu, dass auch Subventionen, die der Bund reichlich ausschüttet, den freien Wettbewerb behindern. Bei über 30 Milliarden Franken an Subventionen jährlich (von insgesamt 57 Milliarden) kann gemäss einer Avenir-Suisse-Studie «nicht ausgeschlossen werden, dass sie mit wettbewerbsverzerrenden Wirkungen einhergehen».

Gleichzeitig läuft eine gesellschaftliche Entwicklung, die von einem stetig wachsenden Anspruch auf einen hohen Lebensstandard geprägt ist, wobei die eigene Arbeitsleistung in vielen Fällen weit davon entfernt ist, diesen Anspruch zu legitimieren. Nach den Vorstellungen gesellschaftskritischer Kreise hat der Staat diese Lücke durch Umverteilung zu schliessen. Weil dies mehr kostet, als Geld dafür vorhanden ist, holt man sich die Mittel überwiegend von der Wirtschaft (siehe Bundesratsmodell zur Finanzierung der 13. AHV-Rente) oder durch zusätzliche Verschuldung (siehe die Versuche, die Schuldenbremse zu lockern).

Leider hat sich diese linke Strategie, den Staat nicht als ordnende Kraft im Auftrag der Bürgerinnen und Bürger zu betrachten, sondern als Versicherung, die diesen eine Wohlfühlwelt garantiert, auch im politischen Denken bürgerlicher Kreise festgesetzt.

Die bürgerlichen Parteien sind bedauerlicherweise ausserstande, ihre Kräfte geschlossen gegen die masslose Umverteilung zu bündeln. Es fehlt an der Bereitschaft, sich energisch und vereint für eine Politik einzusetzen, welche die Eigenverantwortung belohnt und das Kollektivistische bekämpft.

In Zeiten schwer einschätzbarer Herausforderungen ist man gut beraten, sich auf die eigenen Stärken zu besinnen und sie dort, wo sie gelitten haben, kompromisslos wiederherzustellen. Mit einer Stärkung der Wirtschaft durch das Zurückbinden staatlicher Konkurrenz, mit einem drastischen Abbau der wettbewerbsverzerrenden Milliardensubventionen, mit dem Zurückbinden der Anspruchsinflation an den Staat und der entsprechenden Eindämmung der Umverteilungsspirale wäre die Schweiz deutlich besser auf schwierige Zeiten vorbereitet.

Michele Rodoni, CEO von Mobiliar.
Foto: Keystone

Michele Rodoni: In Szenarien denken

Die Schweiz muss Prävention zur Standortpolitik machen: Geopolitik, Demografie, Klimaveränderung, technologische Entwicklungen und Cyberrisiken verlangen mehr Szenariodenken, bessere Risikodaten und tragfähige Public-Private Partnerships. Wer Krisen verhindern will, handelt vorausschauend und stärkt die Eigenverantwortung. Damit sichern wir die Zukunftsfähigkeit unseres Werkplatzes.

Christoph Brand, CEO der Axpo.
Foto: Keystone

Christoph Brand: Fundamentale Blockade beim Winterstrom überwinden

Die Schweiz hat mit Leistung, Mut, Gemeinschaftssinn, Eigenverantwortung und Eigeninitiative Wohlstand für alle erarbeitet. Dieser muss laufend neu erarbeitet und erweitert werden, mit langfristigem Denken, konsequenter Fokussierung auf eine soziale Marktwirtschaft, auf den Nutzen für das Land als Ganzes und der Bereitschaft, sich dafür einzusetzen. Das tun wir täglich mit Blick auf die Energieversorgung, denn genug und günstige Energie ist für eine Gesellschaft unverzichtbar.

Um die Versorgungssicherheit und Bezahlbarkeit von Energie sicherzustellen, muss die Schweiz die fundamentale Blockade beim Ausbau der Winterstromproduktion und der Stromnetze, die sich an den Einsprachen gegen praktisch alle sinnvollen Projekte und am Widerstand gegen ein Stromabkommen zeigt, überwinden. Die Technologien sind vorhanden, der Nutzen des Zugangs zum europäischen Markt ist klar. Doch der Wille zum Konsens fehlt.

Franziska Tschudi Sauber, Verwaltungsratspräsidentin der Weidmann Group.
Foto: Stephan Knecht

Franziska Tschudi: Offenheit für Kernenergie

Ohne Energie stehen die Räder still. Das wissen alle, die eine Produktion mit Arbeitsplätzen zu verantworten haben. Für uns ist deshalb die Sicherung von ausreichendem, wettbewerbsfähigem Industriestrom zentral. Dazu gehören:

  • Ein verbindliches Zielband für Industriestrompreise im internationalen Vergleich, zum Beispiel im Vergleich zu EU und OECD.

  • Beschleunigte Netzausbauverfahren, inklusive einer maximalen Bewilligungsdauer für Netzinfrastruktur von unter drei Jahren. Wir stehen uns mit Verzögerungen selber im Weg.

  • Nationale Priorisierung von Schlüsselprojekten (Netze, Speicher, grosse Energieanlagen) mit vereinfachten Verfahren.

  • Technologieoffenheit gesetzlich verankern, Offenheit für neue Kerntechnologien, Speicher, Wasserstoff.

Es sind alle gefordert, Politik, Wirtschaft, Bevölkerung.

Markus Blocher, Eigentümer und CEO von Dottikon ES.
Foto: PD/Dottikon ES Holding AG

Markus Blocher: Vaterschaftsurlaub streichen

Wirtschaftsleistung und den daraus resultierenden Wohlstand verdankt die Schweiz diesen Stärken: Stabilität und Produktivität. Der Föderalismus und die direkte Demokratie haben den Steuerwettbewerb sichergestellt. Die daraus folgenden moderaten Steuersätze führten zu einer Ausgabendisziplin und moderater Staatsverschuldung.

Transparent zugeordnete Verantwortlichkeit sorgte für eine funktionierende Infrastruktur, Ordnung, Sauberkeit sowie Rechtssicherheit. Die aus dieser Stabilität resultierende starke Währung bescherte uns eine geringere Inflation und tiefe Kapitalkosten.

Der hohe Grad an Eigenverantwortung, das durchgängige, technisch orientierte und praxisnahe duale Bildungssystem sowie die Hochhaltung des Arbeitsfriedens zusammen mit der Arbeitsmoral der Fachkräfte bescherten uns Wohlstand.

Nur: Dieser Wohlstand macht träge und faul. Zusammen mit der unkritischen Übernahme von internationalem Recht und internationalen Praktiken zerstören wir durch Überregulierung unseren für den einstigen Erfolg mitverantwortlichen Föderalismus. Das Prinzip von möglichst viel politischer Gestaltungsmöglichkeit auf Kantons-, Gemeinde-, Unternehmens- wie auch auf individueller Ebene kommt uns abhanden.

Die Kantone und die Gemeinden werden schleichend zu blossen Vollzugsorganen degradiert. Die Schweiz kann sich in der West-Ost-Fragmentierung nur durch eine Rückbesinnung auf ihre Eigenständigkeit und ihre Stärken behaupten: zurück zum gesunden Menschenverstand und zu mehr Eigenverantwortung – keine Einbindung in die EU und keine automatische EU-Rechtsübernahme!

Wir brauchen wieder gesunden Menschenverstand und die Bereitschaft zur Übernahme von Eigenverantwortung, um das übergeordnete Interesse der Gemeinschaft für nachhaltigen Wohlstand in der Breite – ohne Umverteilung – vor die Eigeninteressen zu stellen.

Mehr «Wir», weniger «Ich»! Die Bevölkerung hat wieder eine politische Führung zu wählen, die den Fokus auf die staatlichen Kernaufgaben zur Sicherung des nachhaltigen Gemeinwohls legt. Dazu stelle ich meine To-do-Liste:

1. Rückbindung des Staates auf die staatlichen Kernaufgaben  

a. Bildung: herkunftsunabhängige Chancengleichheit für Fähige durch fordernde öffentliche Bildung mit Schwergewicht auf Sprache, Mathematik, Naturwissenschaft, Technik und Informatik sowie Förderung des kritischen Hinterfragens und der freien Meinungsäusserung. Weiter: keine Computer in der Grundschule, mehr Vollzeitlehrpersonen, die diese Kernthemen mit Passion vermitteln. b. Grundversorgung: Fokussierung auf Wasser, Gesundheitswesen, Energieversorgung sowie Verkehrs- und Kommunikationsinfrastruktur, dazu gehört ein bedarfsorientierter Ausbau des Strassennetzes. c. Sicherheit: Personensicherheit und Eigentumsschutz, mehr Polizeipräsenz und -schutz an exponierten Orten.

2. Reduktion der sozialen Wohlfahrt auf ein Minimum 

a. Die Eigenverantwortung muss von allen konsequent eingefordert werden. Das soziale Auffangnetz ist tiefer anzusetzen. Krankheitsabsenzen am Arbeitsplatz werden erst ab dem vierten Absenztag vergütet. b. Die Finanzmittel sollen bei der sozialen Wohlfahrt reduziert und den oben beschriebenen Kernaufgaben zugeteilt werden. Dazu gehören die Abschaffung der Kinderkrippenbeiträge und die Streichung des Vaterschaftsurlaubs zugunsten von mehr Militärdienstpflicht.

3. Mehr Wirtschaftsfreiheit 

a. Das Abwehrrecht des Einzelnen gegenüber dem Staat, welches vor der Einschränkung jeder privatwirtschaftlichen Tätigkeit schützt, ist zu stärken. So sind über Gesetz und Verordnung hinausgehende Richtlinien, Merkblätter und Empfehlungen zu streichen. b. Umsetzung des Grundsatzes einer Wirtschaftsordnung mit freiem Wettbewerb, auch unter den Kantonen und Gemeinden, durch mehr Föderalismus. c. Der Bund soll so wenig wie möglich lenken, weniger auf die Wirtschaft respektive Kantone und Gemeinden einwirken und – ohne Subventionen – für günstige Rahmenbedingungen sorgen.

4. Mehr sachorientierte, inhaltlich getriebene Rechtssicherheit 

a. Die Jurisdiktion auf ihre Kernaufgabe zurückbinden. b. Zeitnahe, materielle, verbindliche Entscheide durch konsequente Rechtsanwendung, ohne Einfluss politischer Interessen und überbordende Schriftenwechsel, nach gesetzlich geregeltem einfachem Verfahren durch unpolitische Richter.

Michael Süss, CEO von OC Oerlikon.
Foto: Florian Generotzky

Michael Süss: Wettbewerb = Innovation

Die Schweiz darf sich wirtschaftlich nicht auf ihren Heimmarkt begrenzen. Für global tätige Industrieunternehmen sind Offenheit, internationale Zusammenarbeit und Investitionen über Grenzen hinweg zentral. Innovation entsteht durch Wettbewerb und Zugang zu globalen Wertschöpfungsketten. Wer Wohlstand sichern will, darf nicht auf Abschottung setzen, sondern muss auf offene Märkte setzen.

Martin Hirzel, Präsident von Swissmem und Verwaltungsrat bei Bucher Industries, Dätwyler Holding und Ronal AG.
Foto: Keystone

Martin Hirzel: Leistung belohnen, nicht benachteiligen

Die Initiative «Keine 10-Millionen-Schweiz!» wurde abgelehnt – das ist gut. Doch die Diskussionen im Vorfeld der Abstimmung zeigten es deutlich: Die Zuwanderung beschäftigt die Menschen in unserem Land. Und sie wird es auch künftig tun. Viele Menschen sorgen sich berechtigterweise über hoch belastete Infrastrukturen und zu wenig Wohnraum. Sie ärgern sich über Asylmissbrauch und Ausländer, die sich nicht integrieren wollen. Sie fürchten sich davor, fremd im eigenen Land zu werden. Diese Sorgen müssen wir ernst nehmen, sonst verlieren die Wirtschaftsverbände und wirtschaftsfreundlichen Parteien endgültig die Unterstützung des Volkes.

Ich mache mir aber noch andere Sorgen: Die Welt ist härter und unberechenbarer geworden. Die USA setzen Handelspolitik als Machtinstrument ein, China baut seine industrielle Stärke mit enormem Tempo aus, und Europa greift zunehmend zu Protektionismus. Für die Schweiz ist das eine unmittelbare Herausforderung, denn unser Wohlstand hängt weitgehend vom Erfolg der Exportwirtschaft ab.

Unsere Antwort kann deshalb nicht Abschottung heissen. Die Schweiz mit ihrem kleinen Heimmarkt braucht offene Märkte, Zugang zu ausländischen Fachkräften und politisch stabile Beziehungen zu ihren wichtigsten Partnern. Das sichert unseren Wohlstand. Abschottung wäre hingegen eine Schrumpfungsstrategie. Das will das Volk auch nicht.

Aber wie bringen wir das unter einen Hut? Die Zuwanderung dämpfen, um so die Sorgen der Bevölkerung ernst zu nehmen. Und gleichzeitig Offenheit bewahren, um nicht die Exportwirtschaft – die Quelle unseres Wohlstandes – zu gefährden.

Es gibt einen Weg, und der hat viel mit der hiesigen Bevölkerung – also mit uns selbst – zu tun. Er heisst: «Schalter umlegen». Wir müssen weg von der Gemächlichkeit, hin zu mehr Tempo und mehr Leistungsbereitschaft. Das heisst schneller, innovativer und wettbewerbsfähiger werden. Das ist anstrengend, unbequem und manchmal schmerzhaft. Aber nur so können wir auf den Weltmärkten erfolgreich bleiben. «Ärmel hochkrempeln» ist Schalter Nummer eins.

Wenn wir weniger Zuwanderung wollen, müssen wir das Arbeitskräftepotenzial im Inland besser nutzen. Zugegeben: Davon spricht die Wirtschaft schon seit Jahren. Aber die besten Konzepte und Programme nützen nichts, wenn es dafür keine starken Anreize gibt. Mehr arbeiten muss sich lohnen. Das ist heute oft nicht der Fall.

Wer sein Arbeitspensum erhöht, landet rasch in einer höheren Steuerprogression und verliert einkommensabhängige Entlastungen, wie etwa Prämienverbilligungen. Die Politik muss Leistung belohnen, nicht benachteiligen. Das schafft die Voraussetzung, um das Inländerpotenzial optimal auszuschöpfen. «Anreize für mehr Arbeit schaffen» ist Schalter Nummer zwei.

Für viel Unmut in der Bevölkerung sorgen der Asylmissbrauch, die überdurchschnittliche Ausländerkriminalität und integrationsresistente Zugewanderte. In diesen Bereichen muss der Staat rigoros durchgreifen. Das sorgt für mehr Sicherheit und dämpft die Immigration. «Missbräuche im Ausländerwesen eliminieren» ist Schalter Nummer drei.

Auch die Unternehmen stehen in der Pflicht. Sie müssen neue Technologien schneller einsetzen und künstliche Intelligenz konsequent nutzen. Zudem müssen sie in Aus- und Weiterbildung investieren sowie Inländer mit guten Angeboten gewinnen. Das umfasst auch die älteren Mitarbeitenden. Die Firmen müssen den Inländervorrang nicht nur verbal, sondern auch effektiv ernst nehmen. «Inländer fördern» ist Schalter Nummer vier.

Wir müssen uns bewusst werden, dass unser Wohlstand kein Selbstläufer ist. Er muss täglich neu erarbeitet werden. Die Schweiz muss konsequenter tun, was Wohlstand schafft – es geht nicht primär darum, wie er verteilt werden soll. Die Reformagenda braucht deshalb vier Weichenstellungen: Ärmel hochkrempeln, Anreize für mehr Arbeit schaffen, Missbräuche im Ausländerwesen eliminieren und Inländer fördern. Das sind die vier Schalter, die jetzt umgelegt werden müssen.

Daniel Bloch, Verwaltungsratspräsident und CEO von Camille Bloch.
Foto: Keystone

Daniel Bloch: Aus der Bubble ausbrechen

Meine Hoffnung ist: dass wir bewahren, was die Schweiz stark gemacht hat, nämlich Offenheit, Augenmass, den Mut, anders zu sein, und das Vertrauen in die Urteilskraft der Menschen. Der Erfolg unseres Landes beruht auf individueller Freiheit, Föderalismus und dem Wettbewerb um die besten Lösungen.

Die Schweiz war immer dann erfolgreich, wenn Menschen mit unterschiedlichen Ansichten, Erfahrungen und Hintergründen gemeinsam nach pragmatischen Antworten suchten. Toleranz bedeutet, Unterschiede auszuhalten, verschiedene Interessen ernst zu nehmen und daraus bessere Lösungen entstehen zu lassen.

Wer nur noch in seiner eigenen Bubble lebt, verliert die Fähigkeit, andere Perspektiven zu verstehen. Daraus entstehen oft vermeintliche Schnelllösungen für komplexe Fragen, statt mit gesundem Menschenverstand unterschiedliche Interessen zusammenzubringen.

Bewahren wir die Freiheit, verschieden zu sein, von politischen Überzeugungen bis hin zur Frage, welche Schokolade die beste ist, denn dies gehört zu den Grundlagen unseres Erfolgs.

Franziska Barmettler, CEO von Digitalswitzerland.
Foto: zVg

Franziska Barmettler: Wir brauchen Rechenzentren

Meine Forderungen: Die Schweiz positioniert sich als weltweit führender Standort für vertrauenswürdige KI und nutzt den globalen KI-Gipfel in Genf 2027 als wichtige Plattform. Hierzu gehört die Stärkung der KI-Kompetenz der Bevölkerung; da wollen wir einen Beitrag liefern und niederschwellige KI-Learning-Einheiten zur Verfügung stellen.

Dazu gehören auch systematische Investitionen in die digitale Infrastruktur – Rechenzentren, Datenplattformen, Gesundheitsdossier. Es braucht einen klaren Fahrplan für die Digitalisierung von Behördengängen und eine überzeugende Einführung und Weiterentwicklung der E-ID. Und obendrauf gilt es zuerst, den künftigen Bedarf an Rechenleistung und Strom zu evaluieren.

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