Darum gehts
- Hacker manipulierten Kühlanlagen in europäischen Supermärkten
- Auch in einer Aldi-Filiale in Wattwil SG fielen Kühlgeräte aus, laut Aldi wegen eines technischen Defekts
- Ein Cyberexperte hält ähnliche Angriffe hierzulande für möglich
Seit Montagabend spielen Tausende Kühlgeräte in ganz Westeuropa verrückt. Dahinter stecken Cyberkriminelle: In der Nacht zuvor manipulierten sie aus der Ferne vernetzte Kühl- und Gefrieranlagen des Herstellers Danfoss in Supermärkten in Frankreich, Belgien und den Niederlanden. Die Folgen sind verheerend: Die Hacker aktivierten die automatische Abtaufunktion der Geräte und stellten die Temperatur dauerhaft auf 50 Grad Celsius ein. Unzählige Lebensmittel landeten im Abfall. Der Schaden könnte in die Millionen gehen. Wer dahintersteckt, ist bislang unklar. Die Behörden ermitteln.
Kurz nach Bekanntwerden der Cyberattacke meldet sich ein Blick-Leser mit einer kuriosen Beobachtung aus der Aldi-Filiale in Wattwil SG: Im Laden seien ebenfalls Kühlgeräte ausgefallen. Sämtliche Lebensmittel wie Fleisch, Käse und Milchprodukte hätten entsorgt werden müssen.
Schweizer Detailhändler geben Entwarnung
Haben die Hacker etwa auch Aldi Schweiz ins Visier genommen? Blick hat beim Discounter nachgefragt. Er gibt Entwarnung: «Beim Kühlregal unserer Filiale in Wattwil gab es gestern aufgrund eines technischen Defekts einen kurzzeitigen Ausfall», erklärt ein Sprecher. Der Grund sei ein Mangel an Kühlmittel gewesen. Mit der Cyberattacke habe der Vorfall nichts zu tun. Die Anlage sei inzwischen repariert und funktioniere wieder einwandfrei.
Auch die Grossverteiler Migros und Coop geben Entwarnung. Nach heutigem Kenntnisstand sei man vom Vorfall in Frankreich nicht betroffen, erklärt etwa eine Migros-Sprecherin. Gleich tönt es bei der Migros-Tochter Denner und beim Discounter Lidl.
Experte: «Cyberattacke auch in der Schweiz möglich»
Bisher gibt es hierzulande also keinen Grund zur Sorge. Aber bleibt das auch so? «Ein solcher Angriff ist überall möglich, wo vernetzte Kühlsysteme zum Einsatz kommen», erklärt IT-Sicherheitsexperte Marc Ruef von der Zürcher Firma Scip AG. Bemerkenswert seien in diesem Fall das Ausmass und die physischen Folgen des virtuellen Angriffs. «Technisch ist der Vorfall aber weder unerwartet noch etwas Besonderes», so Ruef.
Doch warum sind Kühlgeräte überhaupt mit dem Internet verbunden? «Damit Techniker die Anlagen bequem und effizient aus der Ferne warten können», erklärt der Experte. Zum Sicherheitsrisiko werde das, wenn der Fernzugriff unzureichend geschützt sei. Nutzen mehrere Händler dieselben Systeme oder Dienstleister, können Hacker mit einem Schlag zahlreiche Filialen treffen.
Und nicht nur Kühlgeräte sind gefährdet: «Grundsätzlich können alle digital steuerbaren und unzureichend geschützten Systeme manipuliert werden», erklärt Ruef. Etwa Kassensysteme, automatische Türen oder Stromsteuerungen. Wie gut Schweizer Detailhändler dagegen gewappnet sind, «gilt es im Einzelfall abzuklären», sagt Ruef. Er hofft aber, dass die Attacke in Westeuropa auch hierzulande wachrüttelt – und die Unternehmen ihre Sicherheitsvorkehrungen nochmals unter die Lupe nehmen.