Darum gehts
- Pierin Vincenz lebt zurückgezogen
- Nach dem steilen Aufstieg folgte der tiefe Fall
- Montag beginnt zweiter Prozess vor Zürcher Obergericht
Pierin Vincenz (70) ist abgetaucht. In den vier Jahren seit dem ersten Prozess hat er sich nicht mehr in der Öffentlichkeit blicken lassen. In Andiast GR, wo seine Familie herkommt, halten sich die Menschen bedeckt. Noch vor gut zwei Jahren gaben sie der «Bilanz» bereitwillig Auskunft.
Von netten und regelmässigen Begegnungen mit dem einstigen Starbanker war damals die Rede. Man traf sich beim Skifahren, Biken oder im Golfclub. Jetzt heisst es: Gesehen habe man Vincenz schon länger nicht mehr. Für die meisten hier oben ist der Fall abgeschlossen.
Viele seiner Freunde wie Stadler-Patron Peter Spuhler (67) oder Dölf Früh (74), Immobilienunternehmer und ehemaliger Präsident des FC St. Gallen, haben sich von ihm abgewandt.
Wandern am Monte Tamaro
Einzig der Thurgauer Selfmade-Millionär und Ex-Bob-Olympiasieger Hausi Leutenegger (88) hält unverbrüchlich zum ehemaligen Raiffeisen-Boss. Im Gespräch mit Blick schwärmt er vom gemeinsamen Bratwurstessen an der Olma und dem Besuch seiner Buchvernissage. Nach der Verurteilung durch das Bezirksgericht Zürich sprach Leutenegger öffentlich von einem «Skandal» und davon, dass man ein Exempel habe statuieren wollen.
«Es geht ihm gut», sagt Leutenegger. «Wir haben vor zwei oder drei Monaten miteinander telefoniert.» Vincenz lebe in St. Gallen und in den Bündner Bergen.
Oder im Tessin. Blick weiss: Vor 14 Tagen wanderte der Ex-Banker am Monte Tamaro. Dass er sich am Montag wieder vor Gericht verantworten muss, war ihm nicht anzumerken. Der Prozess? In weiter Ferne! Gut gelaunt und braun gebrannt scherzte Vincenz mit Zufallsbekanntschaften auf dem steilen Weg nach oben und setzte sein bekanntes Lachen auf.
Vincenz wirkte körperlich und mental fit. «Mir geht es gut», antwortete er auf die Frage von Wanderern. Mit dabei: sein Hund.
Aus gutem Hause
Die Bündner Berge – auf seine Herkunft war Vincenz immer stolz. Er verkaufte sich als Bergbauernbub, der es zu etwas gebracht hat. Wobei so ganz stimmte das nicht, passte aber gut zum Image der genossenschaftlichen Raiffeisenbank. Sein Grossvater war Bergbauer in Andiast, wo die Familie ein grosses Ferienhaus besitzt. Aufgewachsen ist Vincenz in Chur GR, sein Vater war Bündner Ständerat und sass in den Chefetagen des Detailhändlers Volg und von Raiffeisen.
Eine ideale Startrampe für den ehrgeizigen Jungbanker Vincenz, der 1999 zum Chef der Raiffeisengruppe aufstieg. Und zeitgleich Verwaltungsratspräsident von Aduno wurde.
Vincenz stand nun an der Spitze der beiden Firmen, die er mit seinem Geschäftspartner Beat Stocker (66) mit Mauscheleien, Schummeleien und Betrügereien um viel Geld gebracht haben soll, wie ihm die Ankläger vorwerfen.
Aus der biederen Genossenschaftsbank zimmerte Vincenz über die Jahre die drittgrösste Schweizer Bank. Und er positionierte sich als der gute Banker. Der sich für einen sauberen Finanzplatz ohne unversteuerte Vermögen starkmachte und immer mal wieder gegen die Abzocker von den Grossbanken wetterte – obwohl er ganz gerne deren Lohn eingestrichen hätte.
Geschäfte im Stripclub
Der Ritterschlag erfolgte 2014, als Raiffeisen in die erlauchte Gruppe der systemrelevanten Finanzinstitute aufstieg. Ein Jahr später musste er überstürzt den Hut nehmen bei Raiffeisen.
Was die Öffentlichkeit damals nicht wusste: Ab 2005 begann Vincenz zusammen mit Stocker «Schattenbeteiligungen» an Firmen aufzubauen, die die beiden später an Aduno und Raiffeisen verkauften. Und Vincenz bediente sich immer unverfrorener an der Spesenkasse seiner Bank. Angeblich, um Geschäfte abzuschliessen, und weil das damals so üblich war.
King's Club, Crazy Paradise oder Cecil Dance – das klingt nicht gerade nach Namen von Sitzungszimmern. Bei 102 Besuchen in 18 verschiedenen Stripclubs verscherbelte der Bündner fast 200'000 Franken. Alleine im King's Club in Zürich verprasste der Saubermann-Banker 90'846 Franken. Hier war er Stammgast. Von 2009 bis 2015 bezahlte er an 50 Abenden mit der Firmenkreditkarte.
So richtig teuer wurde es 2014, weil Vincenz seine Agenda nicht im Griff hatte – und er zwei Geliebte gleichzeitig auf seine Suite im Zürcher Nobelhotel Park Hyatt bestellte. Nach einem heftigen Streit war das Zimmer demoliert und eine der beteiligten Frauen musste mit 1,8 Millionen Franken ruhiggestellt werden – finanziert von Stocker. Reparaturen für die Suite und Anwaltskosten wurden von Raiffeisen bezahlt.
Am Montag beginnt der Prozess
Ab 2016 kratzten Medienberichte immer mehr am Image des erfolgreichen Bankers aus den Bergen. Ende 2017 reichte Aduno Strafanzeige ein. Die Staatsanwaltschaft Zürich begann zu ermitteln und steckte Vincent und Stocker im Februar 2018 für 106 Tage in Untersuchungshaft.
Spätestens jetzt war aus dem Saubermann des Finanzplatzes der Buhmann der Nation geworden.
Am ersten Tag des Prozesses vor dem Bezirksgericht erschien Vincenz mit seinem jovialen Lächeln, so als wollte er sagen, es wird wie immer gut für mich ausgehen. Nach der Urteilsverkündung schlich er zerknirscht von dannen, das Lächeln war weg. Am Montag um 8 Uhr beginnt die zweite Runde vor dem Zürcher Obergericht.