Darum gehts
Wenn am 10. August vor dem Zürcher Obergericht der zweite Strafprozess gegen Pierin Vincenz (70), seinen Geschäftspartner Beat Stocker (65) und vier weitere Beschuldigte beginnt, sind zahllose Details aus dem Leben des früheren Raiffeisenbank-Chefs längst bekannt.
Dennoch fasziniert seine Person weiterhin: Wer ist dieser Mann wirklich? Und wie konnte er sein Doppelleben so lange geheim halten, diese Diskrepanz aus dem Image des bescheidenen Berglers einerseits und des masslosen Bankers andererseits, der mit Geld nur so um sich warf?
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Geld war ihm immer wichtig
«Vincenz war nie der bescheidene Bergler, als der er so gerne auftrat», meint ein Insider. «Diese Lebenslüge hat er auch mithilfe von Raiffeisen jahrelang aufrechterhalten.» Ein weiterer Wegbegleiter betont: «Ohne ihn wäre Raiffeisen nicht da, wo die Gruppe heute steht.» Einig sind sich alle Befragten: «Geld war bei ihm immer ein Thema.» Für Pierin sei Geld immer wichtig gewesen, doch die «masslose Geldgier», die später im Absturz mündete, habe sich erst im Laufe der Zeit entwickelt, sind sich Auskunftspersonen einig.
Die «Handelszeitung» hat sich eine Übersicht über die bekannten Lebens- und Karrierestationen von Pierin Vincenz verschafft. Nach Gesprächen mit Weggefährten aus Beruf und Privatleben ergibt sich folgendes Bild: Über die Jahre kam es von zunächst kleineren Unwahrheiten und Schummeleien zu den Vorgängen, welche die Staatsanwaltschaft strafrechtlich teilweise als Betrug taxiert. Bis das über Jahre hinweg aufgebaute Bild des erfolgreichen, aber bescheidenen Bankers mit seiner Verhaftung endgültig zusammenbrach.
Ein Bergler aus reichem Hause
Schon seine Herkunft malte er schön: Als der Bündner im Jahr 1999 die Führung von Raiffeisen Schweiz übernimmt, merkt er rasch, dass er Erfolg hat, wenn er sich als einfacher Bündner Bergbub aus Andiast präsentiert. Das passt zum Dorfimage der Raiffeisen, das gefällt den Raiffeisenbankern im Land. Ganz falsch ist es nicht, seine Eltern stammen tatsächlich aus dem rätoromanischen 300-Seelen-Dorf in Graubünden.
Die ganze Wahrheit aber ist, dass Pierin Vincenz und seine drei älteren Schwestern in einem gutbürgerlichen Haus in Chur aufwachsen. Seine wahre Herkunft ist dabei kein Geheimnis: Die Familie Vincenz ist im Bündnerland bekannt, die Mutter war wohlhabend, der Vater, Gion Clau, Chef des Bündner Detailhändlers Volg und ab dem Jahr 1971 Ständerat für die CVP. Doch von der Geschichte vom einfachen Bergbub profitiert auch die Raiffeisengruppe, vor allem, als der immer beliebtere und bekanntere Pierin Vincenz öfter öffentlich gegen die «gierigen Grossbanker» auszuteilen beginnt.
Energiegeladen und charismatisch
Vincenz selbst profitierte bei seinem Aufstieg stärker von Seilschaften, als bisher publik ist: Bekannt ist, dass sein Vater von 1984 bis 1992 als Präsident der heutigen Raiffeisen Schweiz amtete. Bekannt ist auch, dass unter ihm Felix Walker 1989 operativer Chef der Raiffeisen wurde. Was die Genossenschaftsbanker aber nicht wussten, ist, dass es damals in der Zentrale in St. Gallen üblich war, dass der operative Chef seinen Nachfolger selbst vorschlagen kann.
Auch dieses nicht transparente Vorgehen ist noch nicht dramatisch. Pierin Vincenz ist der richtige Mann zum richtigen Zeitpunkt. Er wird die Raiffeisen-Gruppe energiegeladen und charismatisch ins neue Jahrtausend führen. Jemand aus der damaligen Bankleitung betont, dass Pierin Vincenz alle üblichen Assessments mit Bravour bestanden habe und man sich damals einig gewesen sei, dass es dem Sohn nicht zum Nachteil gereichen sollte, dass sein Vater einmal Präsident war.
Wie sein Salär geheim blieb
Sein Erfolg als Bankchef ist für alle sichtbar. Doch richtig Schub gibt er auch bei seinem Salär, obwohl er selbst im Jahr 2008 der «Schweizer Illustrierten» sagte: «Wenn einer drauf aus ist, sein Salär ständig zu maximieren, ist er bei uns am falschen Ort.» Dabei kassiert er selbst ordentlich: Als Finanzchef hat Pierin Vincenz rund 200’000 Franken verdient. Drei Jahre später als CEO will er mehr. Allerdings wird das Salär der Geschäftsleitung und insbesondere des obersten Chefs strikt unter dem Deckel gehalten.
Dafür organisiert er das Vergütungssystem der Bank neu. Fortan erhält die Geschäftsleitung ihren Lohn aus zwei Quellen. Den kleineren Teil, bis maximal 400’000 Franken, überweist die Personalabteilung der Raiffeisen direkt auf das jeweilige Lohnkonto. Das restliche Salär jedoch, ebenso wie Boni und Pensionskassenbeiträge, fliessen über ein externes Konto eines Anwaltes, eines Freundes von Pierin Vincenz.
Den Eingeweihten ist klar, dass die tatsächliche Salärhöhe Schockwellen durch die Genossenschaftsbank und die Öffentlichkeit senden würde. So betrug noch im Jahr 2005 das Nettosalär von Pierin Vincenz 2 Millionen Franken, 2006 sind es bereits 4,2 Millionen, 2007 schon 6,2 Millionen. Das Spitzenjahr ist 2008, unter Berücksichtigung der Beträge für die AHV und die berufliche Vorsorge erreicht sein Bruttolohn 14’571’050 Franken.
Das Image bekommt Risse
Wohlgemerkt fährt die Raiffeisengruppe unter Pierin Vincenz immer grössere Gewinne ein, die Bank ist äusserst erfolgreich – gilt als bodenständig und sicher – und setzt so einen starken Kontrapunkt zu anderen Banken wie der UBS, die sich mitten im Subprime-Strudel befindet. Pierin Vincenz ist daher überzeugt, seinen Lohn zu verdienen, und das denkt auch der zuständige Verwaltungsratsausschuss.
Trotz des Versteckspiels bekommt sein Image Risse. 2008 kauft er sich eine riesige Villa in Teufen AR und besucht die Filialen ursprünglich wegen einer Knieverletzung mit dem Helikopter. Ende 2008 machte dies aber die «Sonntags-Zeitung» in einer Artikelserie publik. Und sprach erstmals von mehreren Millionen, die Vincenz verdienen würde. Den Sturm der Entrüstung konnte Vincenz mit einer Tour an der Raiffeisen-Basis noch aus der Welt schaffen.
Im Jahr 2009 wird dann seine Vergütung zunächst auf maximal 2 Millionen pro Jahr gedeckelt. Und er muss zudem aufgrund neuer Regeln die Bezüge für seine Verwaltungsratsmandate wie zum Beispiel bei der Kreditkartenfirma Aduno oder der Helvetia-Versicherung an die Zentrale abliefern.
Auf einen Schlag verdient Pierin Vincenz also Millionen weniger als bisher. Er sei schlichtweg ausgeflippt, ist zu hören. Für den «Weiterverbleib von Pierin Vincenz als CEO der Raiffeisen» billigt ihm der Verwaltungsrat eine Zahlung von 3,2 Millionen Franken zu.
Wachsende Macht
In den kommenden Jahren wächst die Zahl von Beteiligungen rasant, welche die Raiffeisen in den folgenden Jahren eingeht. Er übernimmt immer mehr Verwaltungsratsmandate, was seine Machtfülle in der Bank zementiert.
Zu der Zeit bezahlt er zudem immer systematischer private Aufwendungen für Ferien und Hobbys wie Golfspiele und Partys mit den Firmenkreditkarten und über Spesen. Und: Nach der Lohndeckelung sei es laut Anklage zu den von der Staatsanwaltschaft vermuteten Beteiligungen an der Leasing-Gesellschaft GCL, 2010 an Investnet und 2013 an Eurokaution gekommen.
Bei Widerrede reagiert er ungehalten
Eine Person, die Pierin Vincenz im familiären Umfeld erlebte, beschreibt den Raiffeisenchef privat als grosszügig, charismatisch, jovial und lustig. Doch habe dieser seine Stellung und seine Macht auch in privater Hinsicht genutzt, um seine Ziele zu erreichen. Bei Widerrede konnte er bestimmt und ungehalten reagieren. «Ich habe dies ein paarmal selbst erfahren», so der Informant.
Auch im privaten Umfeld erzählt Pierin Vincenz nicht die ganze Wahrheit. Der Bekannte der Familie erzählt, dass Pierin Vincenz einmal den Bruder seiner damaligen Ehefrau mit dessen Partnerin per Privatjet ins österreichische Graz zur Geburtstagsfeier der Mutter eingeladen habe. Der Bruder habe sich heftig gegen die Idee gewehrt, doch habe ihm der Raiffeisen-Chef gesagt, dass der Flug sein Geschenk an die Eltern sei. Dennoch habe der Bruder seinen Anteil und den seiner Partnerin für den Flug zurückerstattet. Später habe er erfahren, dass Pierin Vincenz die Flugkosten Raiffeisen als Spesen belastet habe. Auf Nachfrage nimmt der Bruder keine Stellung.
Im beruflichen Umfeld wird Pierin Vincenz noch im Jahr 2011 in den höchsten Tönen gelobt. Geschäftspartner von damals schildern ihn als «korrekten Unternehmer mit Handschlagqualität», als «beeindruckend» und als «souverän».
1,8 Millionen für die Geliebte
Eine zweite Zäsur folgt im Jahr 2014. Danach brauchte er richtig viel Geld. Von da an fliessen die Millionenzahlungen von Stockers Konten, von denen die Ankläger glauben, sie seien die Erlöse aus den gemeinsamen Unternehmensdeals. Stocker und Vincenz sprechen dagegen von Darlehen.
Was war geschehen? Im Juni 2014 kommt es in einem Hotelzimmer zu einer heftigen Auseinandersetzung zwischen zwei Geliebten von Vincenz. Damit die Affäre nicht öffentlich wird, zahlt er einer der Beteiligten 1,8 Millionen – finanziert von Stocker.
Über jene Nacht wurde schon viel geschrieben, sicher ist, dass er private Kosten auf eine Kreditkarte der Finanzboutique Leonteq laufen liess. Die Anwaltskosten für die Nachwehen jener nächtlichen Eskalation wurden von Raiffeisen bezahlt. Aber nach jener Nacht habe Pierin Vincenz das erste Mal gemerkt, dass der Geldesel Raiffeisen nach seinem bereits geplanten Rücktritt versiegen würde.
Freund oder Geldesel?
In jenen Jahren verschuldet er sich zudem immer stärker bei der Bank. Aber auch bei seinem langjährigen Geschäftspartner Beat Stocker, der im August ebenfalls erneut vor Gericht steht. Stocker sagte einmal rückblickend, er sei sich sicher gewesen, dass Pierin Vincenz ein Freund sei. Doch ab jenem Sommer 2014 habe er faktisch nur noch als Geldesel fungiert, Vincenz habe immer und immer wieder mehr gefordert.
Bei der Suche nach Geld legt sich Vincenz auch mit dem ihm gewogenen Verwaltungsratspräsidenten Johannes Rüegg-Stürm (65) an – und fordert auf Basis eines alten Arbeitsvertrags im Sommer 2014 eine Abgangsentschädigung von 5 Millionen Franken.
Rüegg-Stürm erwägt zunächst, ob er Vincenz das Geld mit einem Kniff zuschanzen kann. Der Plan: Vincenz soll als neuer Verwaltungsratspräsident von Investnet über zehn Jahre garantiert 500’000 Franken pro Jahr beziehen. Die Investnet-Gründer sollten dabei über die wahren Motive der Änderung der Vergütung im Unklaren bleiben. Doch Rüegg-Stürm verwarf den Plan, da er rechtlich zu heikel war. Und was tat Vincenz? Er versuchte, den Verwaltungsrat zu überzeugen, Rüegg-Stürm als Präsidenten abzusetzen.
Mangelnde Kontrolle
In der Hektik der damaligen Zeit sei es dann laut Rüegg-Stürm «untergegangen», dass der Verwaltungsrat Vincenz Anfang 2015 für 1,5 Millionen ganz offiziell eine Beteiligung von 15 Prozent an Investnet zuschanzte. Dabei sollte die Firma laut Raiffeisen-Berechnungen im Jahr 2018 einen Wert von 600 Millionen Franken erreichen. Vincenz’ Paket wäre damit 90 Millionen schwer. Daher mutmassen die Deloitte-Prüfer, dass Vincenz über diesen Weg dann doch an seine Abgangsentschädigung gekommen sei, was Rüegg-Stürm bestreitet.
Doch der Fakt, dass Vincenz sein Doppelleben so lange vor der Öffentlichkeit verbergen konnte, hat viel mit dem HSG-Professor Rüegg-Stürm zu tun, der Vincenz eigentlich kontrollieren sollte. Gespräche und Einvernahmen zeigen einen Mann, der eigentlich weiss, was richtig ist und was nicht. Aber sie zeigen auch einen Nichtbanker, der fachlich überfordert war und der sich auf das Wort von Pierin Vincenz verliess. So verlangte Rüegg-Stürm bekanntermassen nicht einmal einen Beleg rund um teilweise äusserst eigenartige Spesen.
Heute ist das Bild vom bescheidenen Bergler-Banker längst Geschichte. Das will Vincenz offenbar selbst nicht mehr sehen: Daher liess er alle Pressefotos mit privaten Motiven sperren. Lustige Bilder mit Vincenz auf einem Schlitten dürfen daher nicht mehr veröffentlicht werden. Für ein Gespräch stand Vincenz nicht zur Verfügung.
Der Vorwurf
Die Staatsanwaltschaft wirft Vincenz vor, private Ausgaben wie Besuche von Striplokalen für insgesamt 560’000 Franken als Spesen abgerechnet zu haben. Zudem soll er sich bei fünf Firmen (Commtrain, GCL, Investnet, Eurokaution, Arena Thun), die seine Arbeitgeber übernahmen, vorab heimlich privat beteiligt und so Millionen verdient haben.
Das Urteil
Das Bezirksgericht Zürich verurteilte Vincenz im April 2022 im Fallkomplex «Spesen» wegen mehrfacher Veruntreuung, mehrfacher qualifizierter ungetreuer Geschäftsbesorgung und Urkundenfälschung. Im Fallkomplex «Firmendeals» wurde er wegen Betrugs, versuchten Betrugs, mehrfacher qualifizierter ungetreuer Geschäftsbesorgung sowie mehrfacher Privatbestechung verurteilt. Die Strafe: 3 Jahre und 9 Monate Freiheitsstrafe plus Geldstrafe von 840’000 Franken sowie Schadenersatz. Der zweite Strafprozess vor dem Obergericht soll am 10. August starten.
Die weiteren Angeklagten
Neben Vincenz sind sein Geschäftspartner Beat Stocker, Investnet-Co-Gründer Andreas Etter, Eurokaution-Aktionär Ferdinand Locher, GCL-Aktionär Stéphane Barbier-Mueller sowie Vincenz’ Ex-Kommunikationsberater Christoph Richterich angeklagt.
Der Vorwurf
Die Staatsanwaltschaft wirft Vincenz vor, private Ausgaben wie Besuche von Striplokalen für insgesamt 560’000 Franken als Spesen abgerechnet zu haben. Zudem soll er sich bei fünf Firmen (Commtrain, GCL, Investnet, Eurokaution, Arena Thun), die seine Arbeitgeber übernahmen, vorab heimlich privat beteiligt und so Millionen verdient haben.
Das Urteil
Das Bezirksgericht Zürich verurteilte Vincenz im April 2022 im Fallkomplex «Spesen» wegen mehrfacher Veruntreuung, mehrfacher qualifizierter ungetreuer Geschäftsbesorgung und Urkundenfälschung. Im Fallkomplex «Firmendeals» wurde er wegen Betrugs, versuchten Betrugs, mehrfacher qualifizierter ungetreuer Geschäftsbesorgung sowie mehrfacher Privatbestechung verurteilt. Die Strafe: 3 Jahre und 9 Monate Freiheitsstrafe plus Geldstrafe von 840’000 Franken sowie Schadenersatz. Der zweite Strafprozess vor dem Obergericht soll am 10. August starten.
Die weiteren Angeklagten
Neben Vincenz sind sein Geschäftspartner Beat Stocker, Investnet-Co-Gründer Andreas Etter, Eurokaution-Aktionär Ferdinand Locher, GCL-Aktionär Stéphane Barbier-Mueller sowie Vincenz’ Ex-Kommunikationsberater Christoph Richterich angeklagt.