Eigentlich wollte sie weiterfahren
Bob-Europameisterin präsentiert brisante Liste ihrer Rücktrittsgründe

Der Rücktritt der amtierenden Bob-Europameisterin Melanie Hasler ist aussergewöhnlich: Sie macht Schluss, weil sie die fragwürdigen Rahmenbedingungen im Bobzirkus nicht mehr hinnehmen will. Sie schliesst aber eine Rückkehr für Olympia 2030 nicht aus.
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Zuletzt noch an den Olympischen Spielen: Jetzt zieht Melanie Hasler einen Schlussstrich unter ihre Bobkarriere.
Foto: keystone-sda.ch

Darum gehts

KI-generiert, redaktionell geprüft
  • Melanie Hasler tritt mit erst 27 Jahren aus dem Bobsport zurück
  • Der Grund: Frust wegen Materialungleichheit und männerdominierter Strukturen
  • Hasler gewann in sechs Weltcupsaisons kein Rennen
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Matthias DubachLeiter Reporter-Pool Blick Sport

Von aussen gesehen mag der Rücktritt von Melanie Hasler mit ihren gerade mal 27 Jahren überraschen. In der Bobszene selbst sind Rücktritte auch in diesem Alter und vor allem zum Start eines neuen Olympiazyklus aber nicht sonderlich speziell. Denn im wenig lukrativen Sport muss jedes Jahr das Budget aufs Neue zusammengekratzt werden. Die Doppel-Europameisterin sagt zu Blick: «Ich war überrascht von den Reaktionen, mein Handy ist kaum noch stillgestanden.»

Die erfolgreichste Schweizerin seit der Einführung des Frauen-Weltcups vor 30 Jahren tritt ab. Die Aargauerin versteht die verblüfften Reaktionen – denn wenn in den letzten Jahren namhafte Schweizer Pilotinnen und Piloten aufgehört haben, waren diese stets im Ü30-Bereich. «Eigentlich wäre ich vom Alter her in meiner Primetime», sagt Hasler und beginnt dann, ihr grosses Dilemma zu erklären. Denn die Europameisterin liebt das rasante Eiskanalfahren eigentlich wie eh und je.

Viele Gründe führten zum grossen Frust

Aber dann listet die schnellste Schweizer Pilotin eine ganze Liste von Punkten auf, die sie nach ihrer zweiten Olympiateilnahme zum vorläufigen Abschied (Rückkehr auf Olympia 2030 ist nicht ausgeschlossen) bewegten. «Dieser Schritt hat Mut gebraucht. Ich wollte nie wegen solcher Gründe aufhören. Aber ich wollte im Leben einen Schritt weiterkommen», sagt sie. Die Bewerbung für die Kunsthochschule in Zürich ist schon eingereicht. 

Ein erheblicher Grund fürs neue Kapitel sind die mageren sportlichen Perspektiven im Bob. Die Deutschen dominieren den Sport wegen ihrer eklatanten Vorteile beim Material und bei den Rahmenbedingungen seit Jahren. Rein deutsche Podeste sind im Weltcup fast der Normalfall. Die Schweiz hat ihren einstigen Nimbus als Bobnation schon lange verloren – respektive hatte sie diesen bei den Frauen gar nie.

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«Der Bobsport ist männerdominiert. Als Frau muss man immer laut werden, um Sachen zu kriegen, die selbstverständlich sein sollten.»
Ex-Bob-Pilotin Melanie Hasler
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Hasler: «Weil jetzt auch die Amerikanerinnen aufgeholt haben, hätte ich in Zukunft statt um die Top vier eher nur noch um die Top sechs gekämpft.» Gefühlt war für Hasler stets Rang vier das Maximum. Ein Rennen hat sie in ihren sechs Weltcupsaisons nie gewonnen.

Haslers Frust wurde noch grösser, als sich die Ankündigung des Weltverbands, das Materialungleichgewicht im Zweierbob mit mehr standardisierten Bauteilen zu beschränken, als Lippenbekenntnisse herausstellen. «Es wurde immer wieder Hoffnung gemacht, dann wieder zerstört», sagt sie.

Zuletzt boykottierte Hasler die Bahn in Altenberg

Dazu muss man wissen: Im Zweierbob gibts massive Materialunterschiede, im Monobob hingegen werden Einheitsschlitten gefahren. Zwar ist Deutschland auch hier führend, diese Rennen sind jedoch oft die spannendsten an einem Bobwochenende, denn Aussenseiter sind hier nicht chancenlos. Das anerkennt auch Hasler. Aber der grosse Aufwand, ein Team mit mehreren Anschieberinnen zu betreiben, dreht sich vor allem um den Zweierbob – doch eben in dieser Frauen-Topklasse sind die Aussichten düster. 

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Ein Frustfaktor für die Aargauerin war auch, dass sich im Bobtross nicht nur in der Materialfrage wenig bewegte. Auf der Bobbahn in Altenberg (De) änderte sich nach dem lebensbedrohlichen Unfall des Schweizers Sandro Michel (29) nichts, zuletzt boykottierte Hasler das Rennen. Und sie schildert einen weiteren Frustgrund: «Der Bobsport ist männerdominiert. Als Frau muss man immer laut werden, um Sachen zu kriegen, die selbstverständlich sein sollten», sagt sie.

Es sei diesbezüglich einiges vorgefallen. Ins Detail gehen mag Hasler nicht. Nur so viel: Es geht um Themen wie dieses, dass vor Frauen-Trainings gerne einmal «vergessen» wird, die Bahn standesgemäss zu präparieren. Mutmasslich übergriffiges Verhalten von Trainerseite, wie in der Bobszene nach dem Rücktritt einer rumänischen Pilotin gemunkelt wurde, hat Hasler selber nicht erlebt.

Noch geheimes Sommersportprojekt für LA 2028

Dann brachte die Aargauerin auch ins Grübeln, dass sich parallel sportlich eine Alternative entwickelte. Sie hat früher Hallen- und Beachvolleyball gespielt, war talentiert. Jetzt hat sich ein Szenario ergeben, das Hasler mit den Sommerspielen 2028 in Los Angeles liebäugeln lässt. Weil sie erst seit drei Wochen trainiert und ihr künftiges Niveau noch nicht absehbar ist, bleibt ihr neues Projekt noch geheim. Ob sich die Frau mit den gewaltigen Sprungkraftwerten im Weitsprung versucht?

Dass Hasler schon länger über den Rücktritt nachdachte, zeigte sich schon vor Olympia. «Mal schauen, ob und wie es weitergeht», sagte Hasler damals zu Blick. Und intern, in ihrem Team mit den Anschieberinnen Nadja Pasternack (29) und Muswama Kambundji (30), hat die Aargauerin sowieso schon die ganze Saison offen über die Rücktrittsmöglichkeit gesprochen.

Hasler: «Es war kein Schock für sie, als ich sie nun informierte.» Pasternack kann sich nach zwei Saisons als Mutter sowieso auch eine Pause vorstellen, Kambundji wird voraussichtlich im Team von Juniorenweltmeisterin Debora Annen (24) den Platz der zurückgetretenen Mara Morell (31) einnehmen. Das Annen-Team ist nach dem Abgang von Teamleaderin Hasler ab sofort die neue Schweizer Nummer eins. 

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