«Ich bin immer noch extrem enttäuscht»
Olympia-Zoff beim Schweizer Bob-Team ist eskaliert

Die Selektion der Anschieber für die Schweizer Olympia-Bobs sorgte für Zoff. Mit Enrico Güntert wurde der Schnellste des entscheidenden Leistungstests nicht nominiert, andere Kandidaten legten vergeblich Rekurs ein. Was der Verband dazu sagt.
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Timo Rohner im Viererbob bei einem Training in Cortina.
Foto: keystone-sda.ch

Darum gehts

KI-generiert, redaktionell geprüft
  • Der Streit um die Selektion von Anschiebern für die Olympia-Viererbobs in Cortina ist eskaliert
  • Enrico Güntert, der schnellster Anschieber gemäss seiner Topleistung am 28. Dezember, wurde nicht ausgewählt
  • Elf Anschieber wurden nominiert, darunter zwei mit Verbindungen zur Selektionskommission
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Matthias DubachLeiter Reporter-Pool Blick Sport

Wenn am Wochenende die Viererbobs die Olympiabahn runterbrettern, endet vorläufig ein Kapitel, das in den letzten Wochen für viel Wirbel hinter den Kulissen gesorgt hat. Zwar war es ein Highlight, dass sich drei Schweizer Männer-Teams qualifizieren konnten. Doch die Selektion der elf Anschieber (drei pro Team plus zwei Ersatzleute) für die Piloten Michael Vogt, Cédric Follador und Timo Rohner sorgte für so viel Ärger, dass beim Verband sogar Rekurse eingingen.

Woher der Zoff kommt? Swiss Sliding verteilte die Anschieber neu auf die Teams. Der schlüssige Gedanke: Der Verband will für bessere Medaillenchancen die schnellsten Anschieber im schnellsten Bob. Ausschlaggebend für die Anschieberhackordnung war ein Leistungstest am 28. Dezember, bei dem die Athleten auf einer Anschubtrainingsanlage auf Eis antraten. Wer hier performt, kriegt ein Olympiaticket, hiess es.

Ranking wurde ad absurdum geführt

Doch das Ranking dieses Stichtags wurde rasch ad absurdum geführt – Leichtathletikquereinsteiger Enrico Güntert (28) glänzte als klar Schnellster, doch selektioniert wurde er nicht. Ein Hammer. «Ich bin immer noch extrem enttäuscht», sagt er zu Blick. Detaillierter mag sich der Schaffhauser nicht äussern. Er lässt einzig durchblicken, dass für ihn kein Leistungsprinzip erkennbar war.

Genauso enttäuscht äussern sich auch die routinierten Weltcupanschieber Dominik Schläpfer (31) und Nicola Mariani (30). Ihre Rekurse wegen Nichtselektion wurden abgeschmettert. Schläpfer zu Blick: «Für mich war der ganze Prozess nicht transparent. Bei einigen war der Leistungstest ausschlaggebend, bei anderen wurden plötzlich andere Gründe vorgeschoben.» Und Kollege Mariani? Er gehört seit Jahren bei Pilot Follador zum Stammpersonal, doch für Olympia füllte der Verband dessen Schlitten mit einer neuen Crew. «Wären die neu zusammengewürfelten Teams schneller, hätte ich kein Problem damit, draussen zu sein. Aber so ist es ja nicht», schildert Mariani.

Tatsächlich sind die Schweizer Schlitten nicht plötzlich Raketen, als die neu zusammengestellten Teams in den Weltcuprennen im Januar erstmals unterwegs sind. Nun, im olympischen Zweier-Rennen, waren die Startzeiten von Schweiz 2 und Schweiz 3 gar richtig schwach.

Bei jedem Argument gabs ein Gegenargument

Bei Swiss Sliding betont man, dass die siebenköpfige Selektionskommission den Leistungstest nach Weihnachten als Referenz nahm. «Es war allen Teams im Selektionskonzept klar kommuniziert, dass dieser Tag X ausschlaggebend ist. Und auch, wann welche zusätzlichen Kriterien zum Tragen kommen», sagt Swiss-Sliding-Sportchefin Marina Gilardoni. Diese anderen Kriterien sind Pilotenwünsche oder basieren darauf, wer im Viererbob mit wem harmoniert.

Gefühlt gabs so offenbar bei jedem Argument ein Gegenargument – doch warum am Ende der bei den Leistungstests nun nur der zehntschnellste Zweier-Anschieber, Tim Annen (21), im olympischen Zweier-Rennen am Start stand und mit Güntert der Tag-X-Schnellste zu Hause sitzt, ist von aussen schwer verständlich. Die offizielle Begründung im Fall von Güntert: Er sei zwar pfeilschnell, aber gerade beim Viererbob benötige er als Neuling einfach mehr Praxis.

Dass zwei der elf Olympiaanschieber private Verbindungen zu Personen in der Selektionskommission haben, trug nicht gerade zur Entspannung bei. Gilardoni: «Diese Personen sind jeweils in den Ausstand getreten, das Vorgehen war mit Swiss Olympic abgesprochen.»

Beim Verband scheint nach den explosiven Wochen allerdings die Einsicht einzukehren, dass das Vorgehen vor Cortina nicht exemplarisch sein sollte für die Zukunft. Gilardoni: «Es braucht eine Analyse. Wir sind bereit, uns zu hinterfragen.»

Für Güntert, Schläpfer und Mariani kommen diese Aussagen wohl zu spät: Alle drei werden dem Vernehmen nach dem Eiskanal den Rücken kehren.

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