Riskieren ihre Gesundheit
Sind die Ski-Stars Vonn und Brignone wirklich Vorbilder?

Lindsey Vonn und Federica Brignone zählen zu den Grossen im Skisport. Ihre Erfolge sind unbestritten. Aber: Ist ihr Weg dorthin nachahmenswert?
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Lindsey Vonn gibt zu reden. Der US-Superstar anlässlich des traditionellen Wey-Fasnachtsumzugs in der Stadt Luzern. Ist die 41-Jährige ein Vorbild?
Foto: keystone-sda.ch

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Mathias GermannReporter Sport

Kehrt Lindsey Vonn (41) noch einmal zurück? Zwei Monate nach ihrem schweren Sturz bei der Olympia-Abfahrt lässt sie die Frage offen. «Ich sage euch Bescheid, wenn ich mich entschieden habe», erklärte sie kürzlich. Vorschriften will sie keine. «Ich entscheide selbst. Vielleicht fahre ich wieder Rennen, vielleicht nicht.»

Vonn erlitt in Cortina (It) einen komplexen Schienbeinbruch im linken Bein. «Alles war zertrümmert», sagt sie. Nie habe sie eine extremere und schmerzvollere Verletzung erlitten, so die Powerfrau aus den USA. «Sie haben beide Seiten des Beins aufgeschnitten wie ein Filet, um es atmen zu lassen. Der Arzt hat mein Bein vor einer Amputation gerettet.»

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Das lässt selbst hartgesottene Beobachter erschaudern. Vonn musste ihre Karriere schon 2019 beenden – wegen unerträglicher Schmerzen. Fast sechs Jahre später kehrte sie mit Teilprothese im rechten Knie zurück. Ihr Ziel: Olympia-Gold. Der Traum zerbrach nach einem starken Comeback abrupt.

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Vonn ist die erfolgreichste Speedfahrerin der Geschichte. 84 Weltcupsiege, vier grosse Kristallkugeln, 16 kleine, dazu Olympia- und WM-Gold. Sie steht für Kampfgeist und Offenheit. Doch ihr Kurs stösst auch auf Kritik. Vonn hatte kurz zuvor in Crans-Montana VS einen Kreuzbandriss erlitten, liess sich aber nicht von einem Start abbringen. Als sie das beschädigte Bein in Cortina noch mehr zertrümmerte, war für viele klar: Sie hatte den Bogen überspannt.

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Heroischer Kampf oder blinde Sturheit? Gesunde Offenheit oder Selbstdarstellung? Die Meinungen gehen auseinander. Ähnlich bei Federica Brignone (35). Zehn Monate nach einem Totalschaden im linken Bein kämpfte sie sich zurück und gewann zweimal Olympia-Gold. «Mein Schienbein ist schief, es hat ein Loch. Zwei Monate konnte ich es nicht beugen. Ob ich je wieder Tennis spiele, weiss ich nicht», sagte sie danach gegenüber «La Repubblica».

Für Jasmine Flury (32), Abfahrtsweltmeisterin von 2023, sind Vonn und Brignone Ausnahmeathletinnen – auf und neben der Piste. «Ich finde es extrem bewundernswert, wie schnell sich Fede zurückgekämpft hat. Ich arbeite selbst seit zwei Jahren an meinem Comeback und verlor zwischendurch die Freude. Von aussen schien es, als liesse sie sich einzig von dem Gedanken an Olympische Spiele in ihrem Heimatland tragen.»

Es scheint, als wären Vonn, Brignone, aber auch Sofia Goggia (33, It) Athletinnen, für die das Wort Schmerzgrenze fast keine Bedeutung hat. «Am Start geht jede Athletin anders mit ihrer Situation um. Wenngleich wir uns alle der Risiken bewusst sind, riskiert nicht jede gleich viel. Das ist wohl Typsache, ich selbst bin nicht der extreme Typ», so Flury. Sie vermutet, dass dies auch eine Mentalitätsfrage sei.

Schweizer Weg ist von mehr Vorsicht geprägt

Die Sportwissenschaftlerin Natalie Barker-Ruchti, Expertin für Ethik im Sport bei Swiss Olympic, sieht es ähnlich. «In den USA steht oft der American Dream über allem. Das kann im Sport auch die Gesundheit riskieren.» Immerhin entscheiden Athleten dort meist selbst. «Es gibt Länder, in denen Athleten und Athletinnen weniger Selbstbestimmung haben – gerade Kinder und Jugendliche. Sie können für Erfolg instrumentalisiert werden.»

Was vorbildlich ist, verändert sich kontinuierlich und ist auch Sache der Kultur einer Sportart und eines Landes. In der Schweiz gilt für jeden Verband das Ethik-Statut. Dieses verpflichtet unter anderem zu Professionalität, Integrität und einem gesunden und respektvollen Sport. «Niemand soll sich fahrlässig schädigen», so Barker-Ruchti. Konflikte bleiben. «Spannungsfelder gibt es – auch weil unterschiedliche Ansichten aufeinandertreffen. Aber letztlich trägt die Organisation, in der ein Sportler seine Arbeit ausführt, eine Verantwortung.»

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Swiss-Ski nimmt das Thema ernst. «Leider ist es eine Tatsache, dass im Verlauf einer Saison rund ein Fünftel unserer gut 300 Kaderathletinnen und Kaderathleten aufgrund von Verletzungen und Krankheiten zumindest temporär nicht einsatzfähig ist», sagt Walter Reusser, Co-CEO Sport. «Wir haben uns zum Ziel gesetzt, diesen Wert und damit das Wohl unserer Athletinnen und Athleten in den kommenden Jahren deutlich zu verbessern.»

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Um dieses Ziel zu erreichen, fasst Swiss-Ski das Thema Gesundheit künftig breiter. Ab Juni wird die Abteilung «Health & Performance» gegründet, unter deren Dach Sportmedizin und Sportwissenschaft künftig noch besser verzahnt werden sollen. «Wir wollen uns noch umfassender um die physische und mentale Gesundheit, und damit auch um die Leistungsfähigkeit unserer Athletinnen und Athleten kümmern», so Reusser.

Suter: «Irgendwann zahlt man den Preis»

Zurück zu Vonn und Brignone. Elias Vogel, Geschäftsführer von Sport Union Schweiz, sieht beide Seiten. «Disziplin, Wille und mentale Stärke machen Vonn und Brignone zu Vorbildern – auch im Breitensport.» Doch er warnt: «Der Umgang mit Verletzungen lässt sich nicht einfach kopieren.» Spitzensportler und Spitzensportlerinnen trügen Verantwortung, sagt Vogel. «Ohne Breitensport kein Spitzensport.» Wer auf Starts verzichtet oder früh aufhört, um gesund zu bleiben, handle vorbildlich. «Langfristige Gesundheit ist nachhaltig und verantwortungsvoll.»

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Das Schlusswort gehört Corinne Suter (31), Weltmeisterin und Olympiasiegerin. Auch sie kämpfte sich nach Verletzungen zurück – mit Geduld. «Skifahren ist riskant. Es kann immer etwas passieren. Wer ständig über dem Limit fährt, zahlt irgendwann den Preis. Entscheidend ist, dass man realistisch einschätzt, was man sich zutraut.»

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