Darum gehts
Wie wichtig ist die Präsidentschaftswahl?
Sehr wichtig. In Belgrad geht es um die Zukunft des Wintersports. Amtsinhaber Johan Eliasch (64) will nach vier Jahren im Amt wiedergewählt werden. Doch der schwedisch-britische Milliardär steht stark in der Kritik. Viele halten ihn für untragbar. Weil ihn weder Schweden noch Grossbritannien unterstützt, kandidiert er neu für Georgien.
Wer sind Eliaschs Konkurrenten?
Inzwischen stellt sich eher die Frage: Wer ist noch sein Konkurrent? Drei Kandidaten zogen ihre Bewerbung in den vergangenen Wochen zurück, zuletzt die Britin Victoria Gosling. Übrig bleibt der Liechtensteiner Alexander Ospelt (58). Der Anwalt war Präsident des Liechtensteinischen Skiverbands und gehört seit Jahren dem FIS-Kongress an.
Wie läuft die Wahl ab?
Sie findet im Rahmen des FIS-Kongresses statt. Da nur noch zwei Kandidaten antreten, ist das Verfahren einfach: Wer mehr Stimmen erhält, gewinnt. 141 Verbände sind stimmberechtigt. Grosse Verbände wie die Schweiz oder Österreich verfügen über drei Stimmen, mittlere wie Lettland über zwei und kleinere wie Pakistan über eine.
Wer wird gewinnen?
ÖSV-Generalsekretär Christian Scherrer ist überzeugt: Ospelt. «Eliasch wird nicht wiedergewählt», sagte er dem «Standard». Zwar haben sich alle grossen Wintersportnationen gegen Eliasch gestellt. Doch auch die vielen kleinen Verbände können die Wahl entscheiden. Eliasch pflegt ihre Interessen intensiver als viele seiner Vorgänger. Ex-Swiss-Ski-Direktor Josef Zenhäusern war einst bei der FIS zuständig für die «Small Nations» und meint: «Ich wäre nicht überrascht, wenn Eliasch im Amt bleiben würde. Ich vermute, dass alle kleinen Verbände – auch die asiatischen – für ihn stimmen werden.» Heisst: Der Ausgang ist offen.
Was wird Eliasch vorgeworfen?
Die Liste der Vorwürfe ist lang. Gegner werfen ihm mangelnde Kommunikation und Transparenz vor. Er gelte als wenig kritikfähig und nehme Verbände sowie andere Interessengruppen nicht ernst. Besonders heikel ist die Finanzlage. Das Vermögen der FIS soll während seiner Amtszeit von 130 auf 43 Millionen geschrumpft sein. Swiss-Ski-Co-CEO Diego Züger warnt: «Wenn wir so weitermachen, fahren wir mit 180 km/h gegen eine Wand.» Unter Eliasch stieg die Zahl der FIS-Vollzeitstellen von 41 auf 97. Die Preisgelder erhöhten sich dagegen kaum – trotz entsprechender Versprechen. Ebenso kritisch wird seine Doppelrolle gesehen: Er ist auch Vorstandsvorsitzender des Skiherstellers Head und damit eigentlich befangen.
Warum trat FIS-CEO Urs Lehmann zurück?
Als Präsident von Swiss-Ski führte Urs Lehmann den Verband an die Spitze des alpinen Skisports. 2022 trat er gegen Eliasch an, verlor die Wahl jedoch auch deshalb, weil Österreich ihn nicht unterstützte. In den folgenden Jahren gerieten Lehmann und Eliasch immer wieder aneinander. Umso überraschender war Lehmanns Ernennung zum FIS-CEO im Sommer 2025. Heute ist klar: Die beiden konnten ihre Differenzen nicht überwinden. Lehmann räumte öffentlich ein, dass die finanzielle Lage des Weltverbands schlecht sei. Damit stellte er sich gegen Eliasch. Vor einer Woche trat er zurück. Sollte Ospelt gewinnen, könnte Lehmann zur FIS zurückkehren – möglicherweise erneut als CEO.
Wie denkt Marco Odermatt?
«Ich habe mir vor ein paar Jahren sehr viel von ihm erhofft. Weil er neu in dieses System gekommen ist, anders denkt und als Unternehmer die Weltwirtschaft sehr gut versteht», sagte Odermatt zu Blick. Heute fällt sein Urteil deutlich kritischer aus: «In den letzten Jahren ist nicht viel vorwärtsgegangen. Auch ich habe von Insidern erfahren, dass sich die FIS finanziell alles andere als positiv entwickelt hat. Deshalb bleibt aus meiner Sicht nur ein Wechsel an der Spitze.»
Denken andere Athleten ähnlich?
Wohl die allermeisten. Mikaela Shiffrin meint, Athleten würden oft nicht ernst genommen: «Wenn wir versuchen, über die richtigen Kanäle zu kommunizieren, erhalten wir umständliche Antworten und falsche Versprechen. Vieles von dem, was die derzeitige Führung versprochen hat, wird nicht umgesetzt.» Loïc Meillard sagt: «Mit Eliasch als Person habe ich kein Problem. Aber als Präsident hat er viele Versprechen nicht eingehalten. Deshalb wünsche ich mir einen Präsidenten, der weniger an sich und mehr an den Skisport denkt.»
Wie tickt Gegenkandidat Ospelt?
Sein Programm trägt den Titel «Building Bridges». Ospelt will Brücken bauen – zwischen Verbänden, Veranstaltern und Athleten. Damit verkörpert er den Gegenentwurf zu Eliasch. Er bringt neue Ideen ins Spiel: einen Saisonstart im alpinen Skisport in Südamerika, jährliche Weltmeisterschaften und einen langfristig planbaren Rennkalender. Noch seien das lediglich Denkanstösse, betont Ospelt. Sein Ziel beschreibt er so: «Ich will eine FIS, in der alle auf Augenhöhe diskutieren und gemeinsam nachhaltige Lösungen entwickeln.»
Was passiert, wenn Eliasch gewinnt?
Ein Sieg Eliaschs könnte den Wintersport erschüttern. Die grossen Skinationen haben bereits angekündigt, gemeinsam mit weiteren Verbänden eigene Wege zu prüfen. Traditionsrennen wie Wengen, Adelboden, Kitzbühel, Val d’Isère oder Bormio könnten dann ausserhalb der FIS in einer neuen Organisation stattfinden. Das käme einem Bruch im internationalen Skisport gleich.