Darum gehts
Johan Eliasch (54) stellt sich erneut der Wahl zum FIS-Präsidenten. In zahlreichen Mitgliedsverbänden wird derzeit intensiv über die künftige Ausrichtung der FIS diskutiert. Beim FIS-Kongress am 11. Juni in Belgrad entscheiden die stimmberechtigten Mitgliedsverbände über die künftige Führung des Weltverbands.
Auch innerhalb des Ski- und Snowboardumfelds wird über die künftige Ausrichtung der FIS diskutiert. Im Mittelpunkt steht dabei die Frage, wer die FIS in den kommenden Jahren führen und weiterentwickeln soll.
Einer der Kandidaten ist Alexander Ospelt. Der 58-jährige Rechtsanwalt aus Liechtenstein entschied sich nach Gesprächen im internationalen Ski- und Snowboardumfeld für eine Kandidatur. «Ich habe mir diesen Schritt sorgfältig überlegt und bin überzeugt, dass ich mit meiner Erfahrung einen Beitrag zur Weiterentwicklung der FIS leisten kann.»
Wir treffen Ospelt in seiner Kanzlei in Liechtenstein. Er wirkt entspannt, freundlich, gut gelaunt. Sein Bewerbungsdossier trägt den Titel «Building Bridges». Brücken bauen – genau das will er als Präsident. Zwischen Verbänden, Veranstaltern und Athleten.
Immer wieder spricht Ospelt vom «Produkt Schneesport». Aus seiner Sicht sollte die Weiterentwicklung des Schneesports wieder stärker im Mittelpunkt stehen. «Wir müssen den Sport gemeinsam so gestalten, dass er für Athleten, Verbände, Veranstalter, Medienpartner und Fans attraktiv bleibt und dadurch auch bestmöglich präsentiert und vermarktet werden kann.»
Saisonstart in Südamerika ist eine Option
Zu den Alpinen hat Ospelt klare Meinungen. Rennen in einer Skihalle im Nahen Osten? «Sehe ich aktuell auf Weltcup-Stufe weniger, auf unteren Stufen aber durchaus.» Einen Saisonstart in Argentinien oder Chile kann er sich unter bestimmten Umständen vorstellen. «Im Herbst trainieren ohnehin alle dort.» Ein ausgeglichener Kalender mit gleich vielen Rennen pro Disziplin? «Wünschenswert. Vor allem brauchen wir einen Kalender über vier oder fünf Jahre. Das schafft Sicherheit.»
In Asien sieht er vor allem für Snowboard und Ski Freestyle noch mehr Potenzial. «Wir haben grossartige Athleten aus China, Japan, Korea und weiteren asiatischen Ländern. Wir müssen die Nationalen Verbände dabei unterstützen, diese Sportarten in ihren Ländern weiterzuentwickeln.»
Ospelt betont, das seien vorerst Ideen. «Ich will eine FIS, in der alle auf Augenhöhe diskutieren und wir gemeinsam mit allen Stakeholdern gute und nachhaltige Lösungen finden.»
Jedes Jahr eine WM – ausser in Olympiajahren
Auch bei der Vermarktung und beim Fernsehen hat er konkrete Vorstellungen. «Das TV-Produkt muss attraktiver werden und die Athletinnen und Athleten müssen besser inszeniert werden. Die Startfelder müssen tendenziell eher kleiner werden, damit die Stars mehr Airtime bekommen. Das geht aber nur, wenn man gleichzeitig die zweite Liga, den Continental Cup, stärkt und ein durchlässiges System aufbaut.» Zudem plädiert er für City-Events. «Die Klassiker wie Lauberhorn und Kitzbühel bleiben zentral. Aber warum sollten wir mit Slaloms nicht wieder in die Städte gehen? So bringen wir die Stars zu den Leuten.»
Eine kleine Revolution hat Ospelt ebenfalls als Idee im Kopf: jährliche Weltmeisterschaften – ausser in Olympiajahren. Eine Verwässerung fürchtet er nicht, wenn es richtig aufgesetzt wird. Auch den Weltcup sieht er dadurch nicht geschwächt. Dadurch gäbe es die Möglichkeit, Weltmeisterschaften wieder in anderen Regionen auszutragen. Auch Nordamerika, Asien oder kleinere Länder wie Andorra kämen dafür infrage.
Viele seiner Ideen bleiben bewusst offen. Oft spricht Ospelt weniger über konkrete Entscheide als über Prozesse: Dinge «anschauen», «hinterfragen», «mit allen sprechen». Das passt zu seinem Führungsstil. Er sieht sich nicht als Alleinentscheider, sondern als Vermittler.
Geprägt hat ihn wohl auch seine Herkunft. Wer aus Liechtenstein komme, übernehme früh Verantwortung und denke international, sagt er. Tatsächlich bewegt sich Ospelt seit Jahren zwischen Politik, Wirtschaft und Sport. Er studierte Rechtswissenschaften an der Universität St. Gallen und Europarecht an der Université libre de Bruxelles. 1993 war er bei der Ständigen Vertretung Liechtensteins bei den Vereinten Nationen in New York tätig, bevor er 1997 seine eigene Kanzlei gründete.
Mit Clooney auf dem Golfplatz
Sportlich war Ospelt nie Spitzenathlet. Er arbeitete als Skilehrer und Klubtrainer, spricht offen von «zu wenig Talent» für eine grosse Karriere. Acht Jahre lang führte er den Liechtensteiner Skiverband als Präsident. 2014 half er Abfahrer Patrick Küng aus der Patsche. Küng fand keinen Kopfsponsor mehr und war verzweifelt. Ospelt trommelte Freunde zusammen und sammelte Geld. Küng fuhr mit dem Schriftzug «Küng & Friends» zu WM-Gold in der Abfahrt.
Heute verfolgt Ospelt den Wintersport als Funktionär und begeisterter Zuschauer. Besonders fasziniert ihn der Langlauf. «Ich habe elfmal den Engadiner beendet.» Auch Skispringen und Biathlon nennt er als Beispiele für gelungen inszenierte Sportarten. Ospelt tritt unkompliziert auf.
Im Gespräch erzählt er bereitwillig Anekdoten: von einer Begegnung mit George Clooney auf einem Golfplatz («Dabei kann ich gar nicht Golf spielen») oder davon, wie er in Sotschi mit seinem Grossonkel Lebensmittel für das Liechtensteiner Team organisierte. «Die Würste sind genial.» Und an der WM 2017 in St. Moritz? «Da feierten wir im Liechtensteiner Haus bis morgens um sieben mit den Athleten. Danach musste ich selbst zusperren», erzählt Ospelt lachend.
Feiern? Arbeiten!
Vielleicht passt genau das zu seiner Kandidatur. Ospelt wirkt weder wie der klassische Verbandsfunktionär noch wie ein Revolutionär. Eher wie jemand, der überzeugt ist: Der Skisport braucht neue Ideen. Auch wenn noch offen ist, wie viele sich tatsächlich umsetzen lassen.
Bleibt die letzte Frage: Was würde Ospelt als Erstes tun, wenn er am 11. Juni tatsächlich gewählt würde? Keine Rede von Feier oder Champagner. «Ich würde sofort loslegen. Mit allen sprechen, zuhören und gemeinsam die nächsten Schritte zur Weiterentwicklung der FIS angehen.»