Arzt warnt dennoch vor Risiko
Wie ein Prothesen-Detail Vonns Kritiker verstummen lässt

Lindsey Vonn verblüfft die Sportwelt. Es gab viele Kritiker bei ihrem Comeback. Auch Sonja Nef und Bruno Kernen gehörten dazu. Aber: Sie gingen von einer falschen Annahme aus. Ein Arzt warnt trotzdem.
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Darum gehts

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Mathias GermannReporter Sport

Sie gingen wegen ihrer Knie durch die Hölle. Deshalb hatten Sonja Nef und Bruno Kernen grosse Bedenken, als Lindsey Vonn (41) im November 2024 nach fünfjähriger Pause und mehreren Operationen ihr Comeback ankündigte. Beide Schweizer Skilegenden sind 53, beide haben ein künstliches Kniegelenk.

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Bruno Kernen gehörte zu den Kritikern bei Vonns Comeback. Nun rudert er zurück.
Foto: Sven Thomann

«Damals kursierte die falsche Information, Lindsey habe eine Vollprothese – so wie wir», sagt der Lauberhorn-Sieger von 2003. «Tatsächlich hat sie nur eine Teilprothese. Hätte ich das gewusst, hätte ich mich anders geäussert.» Sein Arzt habe ihm erklärt, dass ein Sturz mit Vollprothese katastrophal enden könne – zum Beispiel mit einer Versteifung des Gelenks. «Nur darum hatte ich Bedenken. Lindseys Comeback fand ich nie schlecht. Ich bin sogar der Meinung, dass es viel mehr ältere Skifahrer geben sollte.»

Nef denkt gleich. «Einige Sportgrössen der Vergangenheit griffen Lindsey heftig an. Ich tat es auch. So wie Bruno ging ich von einer Vollprothese aus. Dennoch hätte ich ihr auch mit einer Teilprothese solche Leistungen nicht zugetraut. Sie fährt sensationell, das beeindruckt mich sehr.»

Was ihr Kernen zutraut? «Olympiagold»

Ein Blick auf Vonns Operation erklärt die Unterschiede. Im April fräste ein Roboter drei Millimeter Knochen an der Aussenseite des Oberschenkels ab. Ein Arzt setzte dort eine Titankappe auf, fixierte auf dem Schienbeinplateau eine Titanplatte und presste die Stifte der Implantate in den Knochenzement. Bei einer Vollprothese wären nicht nur eine, sondern beide Gelenkflächen durch künstliche Gleitflächen ersetzt worden.

So oder so: Kernen ist von Vonns Rückkehr beeindruckt. Sie stand in vier von fünf Rennen auf dem Podest, in St. Moritz GR gewann sie eine Abfahrt. Vonn führt im Abfahrtsweltcup. «Sie steht extrem stabil auf den Ski. Die Verpflichtung von Aksel Svindal (42) als Coach war klug. Sie wirkt deutlich gefestigter als im letzten Winter.» Der Managing Director des Skiwachs-Herstellers Toko traut ihr noch mehr zu. Wie viel? «Olympiagold.» 

Genau das ist Vonns Ziel. In Cortina auf der Tofana gewann sie zwölf Mal. «Lindsey ist eine Ausnahmeathletin», sagt Nef. «Sie verschiebt Grenzen und zeigt, dass man mit 35 nicht aufhören muss.» Für die Riesenslalom-Weltmeisterin von 2001 ist Vonn ein Vorbild – für Kinder und Jugendliche in allen Sportarten.

Vonn nahm viele Mühen auf sich

Nef gibt zu, dass Vonns Leistungen sie überraschen – auch wenn diese «nur» eine Teilprothese im Knie hat. «Ein Podestplatz auf einer Gleit-Abfahrt, das traute ich ihr zu. Mehr aber nicht.» Bereits Vonns zweiter Platz beim Super-G von Sun Valley (USA) im letzten Winter beeindruckte Nef sehr. «Das war ein extrem schwieriger Kurs und sie hat ihn genial gemeistert. Für mich ist etwas anderes noch genialer als ihre Leistungen auf den Ski.» 

Was meint sie damit? «Dass Lindsey in diesem Alter im Sommer und Herbst ein enormes Trainingspensum absolviert, auch konditionell. Diese Energie hätte ich nie gehabt. Sie zeigt, was Wille und Leidenschaft bewirken. Davor ziehe ich den Hut.»

Chefarzt warnt: «Implantatbruch möglich»

Rolf Hess, Chefarzt Orthopädie im Spital Thun, bleibt vorsichtig. «Wenn es zu einem komplexen Knochenbruch um die Prothese kommt, besteht das Risiko, dass trotz Revision eine erhebliche funktionelle Einschränkung im Alltag resultiert.»

Bei Vonn sei dieses Risiko etwas kleiner, da sie nur eine Teilprothese habe. «Das Problem ist aber, ob eine Knieprothese auf die Dauer den grössten physikalischen Belastungen gewachsen ist. Eine frühe Lockerung oder gar ein Implantatbruch ist durchaus möglich, wenn vielleicht auch erst in einigen Jahren.» 

Hess stellt klar: «Letztlich ist es ihre Entscheidung, was sie mit ihrem Leben machen möchte. Wenn alles so gut klappt, umso besser.»

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