Darum gehts
Stollen statt Rennvelo-Schuhe. Gras statt Asphalt. Ein Tor von 7,32 mal 2,44 Metern statt der Ziellinie. Und vor allem: Ball statt Velo. Stefan Bissegger (27) kehrt zurück in seine Fussballzeit. Bis 16 spielte er beim FC Weinfelden. Die Gütti – die Anlage Güttingersreuti – kennt er genau. Und er sagt: «Von zehn Penaltys treffe ich fünf.» Kühn. Denn im Tor steht Valentin Diener, Goalie der 3. Mannschaft. Trifft Bissegger wirklich die Hälfte? Oder scheitert er? Dazu später.
Bissegger ist die grösste Schweizer Hoffnung für Paris–Roubaix. Eigentlich die einzige. Stefan Küng fehlt verletzt. Viermal fuhr Bissegger durch die «Hölle des Nordens». Noch nie war er so gut wie 2025: Rang 7. Vor allem im 2,4 Kilometer langen Wald von Arenberg hielt er mit den Besten mit.
Die Besten? Das sind Tadej Pogacar (27), das slowenische Ausnahmetalent – er gewann viermal die Tour de France und jedes Monument ausser Paris–Roubaix. Und Mathieu van der Poel (30). Der Niederländer siegte im Vélodrome von Roubaix (Fr) zuletzt dreimal. «Sie können selbst mit einem Defekt gewinnen. Unglaublich», sagt Bissegger.
2025 fehlte ihm das Glück. Kurz nach dem Arenberg-Wald hatte er einen Platten. Der Sieg war weg. Trotzdem überraschte er viele. «Ich habe gezeigt, was in diesem Bissegger drinsteckt. Und ich bin überzeugt, dass ich es diesmal aufs Podest schaffen kann. Mit Glück liegt sogar der Sieg drin.»
Ein Parasit war schlimmer als die Hirnerschütterung
Göttin Fortuna war zuletzt nicht an Bisseggers Seite. Sein letzter Sieg liegt zweieinhalb Jahre zurück, der letzte in der World Tour gar vier Jahre. «Ich bin kein Überflieger», sagt er selbst. Verletzungen bremsen ihn immer wieder aus. Nach seinem starken Paris–Roubaix 2025 stürzte er beim Start der Tour de France verhängnisvoll. Der Kopf knallte mit voller Wucht auf den Asphalt. Hirnerschütterung, Tour-Aus am ersten Tag.
Der Kopf machte nach drei Wochen wieder gut mit, doch Bissegger war nicht aus dem Schneider. Er hatte heftigen Durchfall, schlief nur zwei Stunden am Stück, fühlte sich schlapp. «Ein Parasit. Vielleicht hatte ich ihn schon vor der Tour aufgeschnappt. Erst eine Entwurmung brachte Linderung.»
Rasenmähen? «Fand ich nicht schlimm. Im Gegenteil»
Zurück zum Fussball. Sein Spitzname «Muni» passte auch hier. «Ich war ein robuster Verteidiger, Rechtsfuss. Ich stand meist richtig. Andere waren schneller, aber ich setzte den Körper gut ein.» Zehn Tore habe er geschossen. «Vielleicht auch fünfzehn», sagt er und lacht. Spiele im Fernsehen schaute sich Bissegger nur selten an, lieber war er draussen.
Panini-Bilder sammelte er trotzdem. Weil seine Familie finanziell nicht auf Rosen gebettet war, verdiente er sich das Geld dafür anders. «Beim Rasenmähen in der Nachbarschaft. Schlimm fand ich das nicht. Im Gegenteil. Ich habe gelernt, dass einem nicht alles mühelos in den Schoss fällt.»
Einen Fussballstar bewunderte Bissegger allerdings: Cristiano Ronaldo (41, Por). «Was er zeigte, war stark. Und dass er mit über 40 noch immer so fit ist, imponiert mir. Geld hat er ja genug, er könnte aufhören. Aber der Fussball ist und bleibt seine Leidenschaft.»
Mit 40 wird Bissegger kaum noch Velo-Profi sein. «Mit 35 ist es wohl an der Zeit, etwas anderes zu tun», sagt er. Acht Jahre dauert es noch bis dahin. Der Fokus gilt derzeit nur Paris–Roubaix. «Wenn jemand sagt, dass er dieses Rennen liebt, verstehe ich das nicht. Es sind brutale Schmerzen, die auf uns zukommen. Wenn es im Wald von Arenberg knallt und du mittendrin bist, musst du froh sein, lebend rauszukommen.»
Er möge die Kopfsteinpflaster keineswegs. Sie würden ihm aber liegen, so Bissegger. «Du darfst nicht ständig in die Löcher zwischen den Steinen fahren. Sonst zermürbt dich das. Ich habe den Instinkt, das nicht zu tun.» Tatsächlich stürzte Bissegger bei Paris–Roubaix noch nie – eine Seltenheit.
Breitere Pneu, weniger Druck – alles für die Kontrolle
Bissegger fühlt sich gut. Mindestens so stark wie vor einem Jahr. Daan Hoole (27, Ho) und er sind die Leader des Decathlon-Teams. «Wobei Helfer hier nicht so entscheidend sind, weil alles so chaotisch ist», so Bissegger. Das Material sollte passen. Auch die Reifen. Vorne 35-Millimeter-Reifen, hinten 32. Normal sind 28. Gepumpt werden 3 statt 4 Bar Luft.
Alles für mehr Kontrolle. «Velos und Fahrer – alles ist bei Paris–Roubaix am Limit. Das ist wohl auch der Grund, warum die Fans dieses Rennen so mögen. Man weiss nie, was passiert.»
Und die Penaltys? Bissegger macht rasch deutlich, dass immer noch Fussball-Talent in ihm schlummert. Mal trifft er hoch, dann flach. Zuweilen fehlen aber auch Präzision und Härte. Er trifft fünf von zehn – so, wie vorausgesagt. «Hier brauche ich andere Muskeln. Vielleicht spiele ich nach meiner Karriere wieder im Klub. In der Plauschgruppe.»