Darum gehts
Sind wirklich schon 17 Jahre vergangen? Fabian Cancellara (45) steht mitten auf der Papiermühlestrasse vor dem Wankdorfstadion. Genau dort gewann er am 21. Juni 2009 die Tour de Suisse – als bislang letzter Schweizer. «Ich würde sehr gerne abgelöst werden», sagt der Berner.
Doch in diesem Jahr dürfte sich sein Wunsch kaum erfüllen. Erstens, weil Tadej Pogacar (27, Slo) am Start steht. Der Superstar gilt als einer der Besten der Radsportgeschichte. Zweitens, weil die Schweizer derzeit wohl zu schwach sind.
Letzteres will Cancellara als Chef von Tudor Pro Cycling ändern. «Wir möchten nicht nur unser Team, sondern den Schweizer Radsport insgesamt voranbringen. Und wer weiss: Vielleicht gewinnt eines Tages wieder ein Einheimischer die Tour de Suisse.»
«Das soll nicht arrogant klingen, aber ...»
Cancellara lebt nicht in der Vergangenheit. «Wer sich für meine Erfolge interessiert, findet alles auf Wikipedia.» Dort stehen unter anderem: vier WM-Titel, Olympiagold, je drei Siege bei Paris–Roubaix und der Flandern-Rundfahrt sowie einer bei Mailand–Sanremo. «Aber die Tour de Suisse zu gewinnen, daheim in Bern, vor Zehntausenden Zuschauern – das war mein speziellster Sieg.»
Dann beginnt Cancellara doch zu erzählen. Wie er sich am Morgen vor dem abschliessenden Zeitfahren fühlte, als spiele alles in einem Film. Wie die Zuschauer schon während der Einrollrunde ausflippten. Wie ruhig er trotz der Favoritenrolle blieb. «Ich war der Stärkste. Das wusste ich. Es soll nicht arrogant klingen, aber an diesem Tag konnte mir niemand gefährlich werden.»
Keiner hatte ihm das zugetraut
Die Bilder laufen noch heute vor seinem inneren Auge ab. «Die Hölle war los. Der Aargauerstalden wurde zu einer kleinen Alpe d’Huez. Obwohl ich mit Vollgas hochfuhr, erkannte ich im Menschenmeer mehrere Gesichter. Es war, als würde ich in Zeitlupe fahren – völlig verrückt. Das hatte ich noch nie erlebt.»
Der Berner gewann souverän – auch die Gesamtwertung. Auf der Zielgeraden richtete er sich auf, genoss den Applaus und die Umarmung von Ehefrau Stefanie und Tochter Giuliana. Cancellara hatte es geschafft.
Dabei hatten viele behauptet, er werde die Tour de Suisse nie gewinnen: zu gross, zu schwer, chancenlos in den Bergen. So lautete das Verdikt. «Die ganz langen Anstiege fehlten damals. Aber ich musste mich trotzdem etwa nach Crans-Montana hochquälen», erzählt er.
Motor und Doping: Kritiker warfen ihm viel vor
Und der enorme Druck? Der habe ihn nicht belastet, sagt Cancellara. Eine Woche zuvor habe schliesslich kaum jemand an seinen Toursieg geglaubt. «Ich selbst auch nicht», sagt er und lacht. «Aber ich hatte nie Mühe mit hohen Erwartungen. Druck wurde für mich zu Energie.»
Auch die Kritiker liessen Cancellara in der Regel kalt. «Bei manchen war es immer dasselbe: Wenn ich gut war, hatte ich einen Motor im Rahmen versteckt. Wenn ich überragend war, war ich gedopt. Und wenn ich schlecht war, hatte ich angeblich Depressionen.» Die Gerüchte und Spekulationen belasteten ihn zwar, «aber ich habe gelernt, mit ihnen umzugehen».
Cancellara pfiff auf das Blick-Trikot
Übrigens: Das legendäre Jubelbild seiner Zieleinfahrt hätte es fast nicht gegeben. Eigentlich hätte Cancellara das grüne Trikot des Punktbesten tragen müssen. «Blick sponserte es. Aber ich wollte im Trikot des Schweizer Zeitfahrmeisters fahren. Das weisse Kreuz auf rotem Grund war einfach schöner», sagt er und schmunzelt. «Die Busse danach war mir egal.»