Darum gehts
- Marlen Reusser (34) reist zur Rad-WM nach Montreal, Kanada
- Trotz Problemen dieses Jahr: Reusser bleibt motiviert und sieht Potenzial
- Beim Zeitfahren am 20. September: 35. Geburtstag und WM-Auftakt
Fünf Journalisten warten in einer kleinen Lounge beim Check-in 1 am Zürcher Flughafen. Reihe 101, ganz hinten. Es ist gemütlich. Dann kommt Marlen Reusser (34). Gut gelaunt. Das Gepäck ist aufgegeben, das Flugticket nach Kanada auf dem Handy gespeichert.
Der grösste Schweizer Gold-Trumpf an der Rad-WM in Montreal begrüsst alle, setzt sich und bekommt vom Medienverantwortlichen eine Flasche Mineralwasser gereicht. «Das ist nett», sagt sie. Reusser dreht am Verschluss. Das Wasser spritzt unkontrolliert heraus – auf das Polster, auf ihre Hose. «Das ist doch nicht nett», sagt sie lachend. Dann fragt sie: «Hast du die Flasche geschüttelt?»
Die Wasserpanne ist schnell vergessen. Im Vergleich zu dem, was Reusser an der Tour de France erlebt hat, ist sie eine Lappalie. Dort gewann sie eine Etappe und trug drei Tage das Leadertrikot. Dann begann der Albtraum. Reusser wurde abgehängt, stürzte, ihr Körper sagte Stopp – wie schon beim Giro im Frühling. Rang 14 am Ende. «Ich fahre schon so lange Velo, trainiere so hart, gebe so viel und bin so gut. Trotzdem ist immer irgendetwas. Ich frage mich: Was ist eigentlich mein Problem? Was müssen wir tun? Es ist extrem frustrierend», sagte sie.
«Da war ich am Boden, komplett entleert»
Ein Monat ist seither vergangen. Hat sie das Rätsel gelöst? «Es gibt kein Handbuch dafür», sagt Reusser. Heisst: Nein. Aber sie ist der Lösung nähergekommen. Ernährung, Training, Erholung, Rennen – alles hängt zusammen, alles spielt eine Rolle. Reusser spricht nicht gerne länger darüber. Sie hofft vor allem, dass die Kraftverteilung in ihren Beinen wieder stimmt. Bei der Tour waren es 45 Prozent links, 55 Prozent rechts. Fatal.
Ob sich das Verhältnis wieder normalisiert hat, wird sich erst im Zeitfahren am 20. September zeigen. Es ist der WM-Auftakt. An diesem Tag feiert Reusser ihren 35. Geburtstag. Also liegt die Frage nahe: Denkt sie langsam an Rücktritt? Immerhin sagt sie: «An der Tour hat es mir den Stecker gezogen.» Und: «Da war ich am Boden, komplett entleert.»
Doch die Antwort auf die Rücktrittsfrage fällt komplett anders aus. Die dreifache Tour-de-Suisse-Siegerin hat noch lange nicht genug. Sie ist nicht nur für die WM motiviert, sondern auch für die Zeit danach. «Ich hatte so viele Probleme in diesem Jahr und habe dennoch gezeigt, dass ich mit den Besten mithalte. Und sie auch schlagen kann, obwohl sie eine viel bessere Vorbereitung hatten.»
Reusser kennt die Punkte, an denen sie arbeiten muss. Ihren Zenit habe sie noch nicht erreicht. Im Gegenteil: Sie sieht noch viel Potenzial. «Das ist genau ein extremer Grund, um nicht zurückzutreten. Die Frage ist darum für mich komisch.»
Ein Kalenderspruch war Gold wert
Der vergangene Monat war trotzdem hart. «Es fiel mir schwer, wieder Schwung aufzunehmen.» Sie schaffte es. Ihr Motto: «Move your body and your mind will follow.» Bewege deinen Körper, und dein Geist wird folgen. «Ein Kalenderspruch, aber er hat gewirkt», sagt Reusser und lacht.
Sie reiste ins deutsche Friedrichshafen, testete ihr neues Velo und neue Positionen im Windkanal. Danach folgten immer härtere Trainings zu Hause in Andorra. Jetzt geht der Blick Richtung WM in Montreal. «Es wäre schon cool, meinen Zeitfahr-Titel zu verteidigen.» Früher sei das Zeitfahren eine Hassliebe gewesen. Inzwischen gehe der Trend eindeutig in Richtung Liebe. «Alles ist ziemlich spannend momentan.»
Reusser will brillieren – nicht nur im Zeitfahren, sondern auch im Mixed-Teamzeitfahren und im Strassenrennen. Der Gedanke an die Rennen macht sie glücklich.
Sicher ist: Reusser hat ihre Minikrise überwunden. Der Körper scheint wieder mitzuspielen. «Marlen, es ist bald Zeit fürs Boarding», sagt der Medienverantwortliche. Noch ein paar Fotos. Dann verabschiedet sich Reusser. Das verspritzte Wasser ist längst getrocknet.