Darum gehts
- Schweizer Curlerinnen spielen am Sonntag Olympia-Final gegen Schweden in Cortina
- Schweiz gewann 10 der letzten 12 Duelle gegen Schweden
- 21. Medaille für die Schweiz bei Winterspielen 2026 bereits gesichert
Zwei grosse Schweizer Sport-Karrieren sind eigentlich schon gekrönt, noch bevor der erste Stein im Olympia-Final gegen Schweden gespielt ist. Die langersehnte erste Olympia-Medaille für das Team von Skip Silvana Tirinzoni (46) ist fix. «Jetzt wollen wir Gold gewinnen», sagt Alina Pätz (35) glücklich nach dem Halbfinal.
Tirinzoni und Pätz sind mit ihren diversen WM-Titeln längst schon Curling-Legenden, doch mit dieser verflixten Olympia-Medaille wollte es vor Cortina einfach nie klappen. «Ich habe ein gutes Leben auch ohne eine Olympiamedaille», sagte Pätz zwar vor dieser Saison, «aber Gold zu gewinnen, wäre natürlich enorm befriedigend.»
Die Curlerinnen können diese Schweizer Rekord-Winterspiele endgültig krönen. Sie holen am Sonntag die 21. Medaille, das sind sechs mehr als jemals zuvor für die Schweiz. Und mit Olympiasieg Nummer 7 in Mailand/Cortina wäre auch der Goldrekord von Sotschi 2014 und Peking 2022 eingestellt.
Das Team stammt aus der ganzen Schweiz
Unser Curling-Team greift nach Gold. Für die Zürcherin Tirinzoni, die einst ihren Bank-Job an den Nagel hängte und für den grossen Olympia-Traum Curling-Profi wurde. Für Zürcherin und Wahl-Berner Oberländerin Pätz, die mit Bronze-Curler Sven Michel (37) liiert ist, Betriebsökonomie studiert hat und nach diversen Jobs in der Sport-Branche nun Ernährungsberatung im Fitnesscenter von Schwingerkönig Matthias Glarner in Wilderswil BE macht.
Für Bernerin Carole Howald (32), die im Team für gute Stimmung zuständig ist, in Biel mit ihrer Schwester in einer WG lebt, Sportwissenschaften studierte und eine Ausbildung zum Personal Health Coach macht. Für Engadinerin und Wahl-Sempacherin Selina Witschonke (27), die als Kind das Instrument Marimbaphon spielte und heute als Teilzeitstudentin an der Fachhochschule in Chur Sportmanagement studiert.
Vier Frauen haben Silber auf sicher und träumen vom Gold. Das Quartett liegt, im Curling alles andere als normal, altersmässig erheblich auseinander. Zwischen Tirinzoni und Witschonke liegt eine ganze Generation. «Wir sind fast eine Familie. Ich kenne die Teamkolleginnen besser als meine Schwester», sagte Tirinzoni einst. Und Pätz schildert in einem kanadischen Curling-Podcast, dass Witschonke manchmal Generationsnachhilfe braucht: «Wenn Silvana und ich über Filme oder Musik unserer Jugend reden, sagen Selina die Namen nichts. Aber das sorgt oft für lustige Momente. Selina im Team zu haben, hält Silvana und mich jung.»
Gegen Finalgegner Schweden gabs 2022 bittere Olympia-Pille
Jetzt steht für die Tirinzoni-Equipe die Tür zum Olympia-Triumph offen, vielleicht sogar offener als einst insgeheim erträumt. Denn man trifft im Final als Weltnummer 2 nicht auf die Weltnummer 1 aus Kanada, sondern auf Schweden um Skip Anna Hasselborg (37). Aber: auch das Duell gegen die Weltnummer 12 ist ein ultimatives Gipfeltreffen. Hasselborg ist Olympiasiegerin 2018 und gewann 2022 gegen die Schweiz Olympia-Bronze, es war die bitterste Niederlage in Tirinzonis Karriere.
Doch seit Peking 2022 hat Hasselborg gegen unser Topteam einen schweren Stand. Gerade an den grossen Turnieren seither in den entscheidenden Partien hat Schweden keinen Stich mehr. In den letzten zwölf Begegnungen gewann die Tirinzoni-Equipe zehn Mal gegen die Schwedinnen – und auch im Allzeit-Head-to-Head seit 2007 liegt Tirinzoni 38:28 vorne.
Das wäre gegen Angstgegner Kanada mit Skip Rachel Homan (36) ganz anders gewesen – im ewigen Direktduell führt Homan klar mit 32:11 und hat den Schweizerinnen in den letzten zwei WM-Finals den Meister gezeigt.
Schweiz gegen Schweden – ein Sieg fehlt noch für den ersten Olympiasieg, seit die Männer um Curling-Legende Patrick Hürlimann (62) 1998 in Nagano triumphiert haben. Hürlimann ist zuversichtlich, dass er am Sonntag eine Nachfolgerin kriegt. «Ich schätze die Siegchance auf 60 Prozent», sagt der Zuger zu Blick, «wenn man die Resultate dieser Saison betrachtet, ist Team Schweiz zu favorisieren. Die Schwedinnen haben allerdings den Vorteil des letzten Steins im 1. End. Deshalb wird die Partie völlig offen sein.»
Tirinzoni, Pätz und Co. sind in den letzten Jahren regelrechte Final-Routiniers geworden. Seit 2019 fand kein WM-Final (keine Ausgabe 2020 wegen Corona) mehr ohne die Schweizerinnen statt. Vier WM-Titel in Folge sind historisch, ebenso Wahnsinnsrekord im Frauen-Curling sind die 40 turnierübergreifenden Siege in Folge bei der WM. «Diese Marken waren gar nie ein Ziel, sie sind auch für mich unglaublich», sagt Tirinzoni damals.
Pätz und Tirinzoni waren früher Konkurrentinnen
Bei der Zürcherin ist relativ klar auszumachen, wann sie den Turbo ganz in die Weltspitze gezündet hat. Als sie 2019 ihren lukrativen 50-Prozent-Job als Projektleiterin bei der Migros Bank aufgab und Profi wurde. Weil das in der Schweiz als Curling-Spielerin finanziell ein Abenteuer ist, zog sie aus Spargründen in Zürich mit einer Kollegin in eine WG. Das Timing war suboptimal: Kaum Profi, kam Corona mit vielen Turnierabsagen. Über diese unverhoffte Phase der einkommenslosen Phase rettete sich Tirinzoni mit ihren Ersparnissen.
Der zweite Erfolgsfaktor: Die Super-Fusion 2018 der beiden Teams von Tirinzoni und Pätz zu einer Schweizer Allstar-Equipe. Die beiden waren Rivalinnen, haben sich gegenseitig Startplätze und Medaillen weggeschnappt.
Neu beim CC Aarau unter einem Dach, teilten sich die beiden Granden des Schweizer Curlings die Aufgaben so auf, wie sie bis heute erfolgreich aufgeteilt sind. Tirinzoni ist zwar Skip, spielt aber als Third (zweitletzte Spielerin), kann sich so mehr auf die Taktik konzentrieren und überlässt der nervenstarken Pätz die letzten Steine.
Die entscheidenden Steine von Pätz haben der Schweizer Curling-Szene schon viel Freude gemacht. Sie hält einen Rekord, weil sie ihre sechs WM-Titel mit drei verschiedenen Teams eingefahren hat. Ihre glanzvolle Karriere bringt Pätz auch im Curling-Mutterland viel Respekt ein. Es gibt in Kanada nicht wenige Experten, die Pätz sogar als beste Spielerin der Welt bezeichnen. Oder ist es doch die Kanadierin Rachel Homan, die in Cortina nun mit immerhin Bronze auch endlich ihre erste Olympia-Medaille holte? Olympiasieger Hürlimann zu dieser Frage: «Pätz und Homan sind sicher über die letzten Jahre die besten Spielerinnen. Technisch ist Homan stärker, aber Pätz ist mental besser. Man darf aber Hasselborg nicht vergessen!»
Was die Schwedin kann, werden wir nun am Sonntag im Final gegen die Schweiz sehen.
