Darum gehts
- Schiedsrichter João Pinheiro zeigt Breel Embolo im WM-Viertelfinal gegen Argentinien Gelb-Rot
- VAR korrigiert nach «Mistaken Identity» und ahndet Embolo wegen Schwalbe
- Regelwerk ermöglicht Korrektur, doch Experten kritisieren Anwendung und Interpretation
Es ist die Szene, die den WM-Viertelfinal zwischen der Schweiz und Argentinien komplett auf den Kopf stellt. Zunächst sieht Leandro Paredes (32) nach einem Foul an Breel Embolo (29) die Gelbe Karte. Dann meldet sich der VAR: Referee João Pinheiro habe den falschen Spieler verwarnt.
Nach dem Videostudium kommt der portugiesische Schiri tatsächlich zum Schluss, dass eine sogenannte «Mistaken Identity» vorliegt. Er bewertet die Szene nun völlig anders. Statt eines Fouls von Paredes erkennt er eine Schwalbe von Embolo. Die Konsequenz: Der Nati-Stürmer sieht seine zweite Gelbe Karte und fliegt mit Gelb-Rot vom Platz.
Das sagt das Regelbuch
Doch durfte Pinheiro das überhaupt? Blick konsultiert das Regelwerk. Und tatsächlich: Seit dieser Weltmeisterschaft gehört folgender Punkt zu den überprüfbaren Entscheidungen:
«Eine Verwechslung der Identität, wenn der Schiedsrichter zwar eine Gelbe oder Rote Karte zeigt, aber eindeutig den falschen Spieler einer der beiden Mannschaften für das betreffende Vergehen bestraft. Das eigentliche Vergehen selbst darf – ausser im Zusammenhang mit einer solchen Identitätsverwechslung – nicht überprüft werden.»
Ein vergleichbarer Fall ereignete sich an dieser WM bereits in der Gruppenphase. Im Auftaktspiel zwischen den USA und Paraguay zeigte Schiedsrichter Danny Makkelie zunächst US-Verteidiger Tim Ream die Gelbe Karte. Nach Intervention des VAR korrigierte er seinen Entscheid, wertete die Szene als Schwalbe und verwarnte stattdessen Paraguays Miguel Almirón.
Ein Schiri-Experte ist nicht einverstanden
Nun hat sich ein solcher Fall wiederholt – allerdings mit deutlich gravierenderen Folgen. Denn diesmal führte die Korrektur zu einem Platzverweis.
Für die beiden Schiedsrichter-Experten Sascha Amhof (SRF) und Lutz Wagner (ARD-Sportschau) ist der VAR-Eingriff korrekt. «Es soll nicht der falsche Spieler Gelb bekommen. In der Konsequenz war es dann auch richtig, die Schwalbe entsprechend zu ahnden und Embolo vom Platz zu stellen», sagt der ehemalige Bundesliga-Schiedsrichter.
Ganz anders sieht das Manuel Gräfe. Der frühere deutsche Topschiedsrichter schreibt auf X von einer «lächerlichen Gelb-Roten Karte» gegen Embolo. Sein Hauptkritikpunkt: «Das eigentliche Problem besteht darin, dass das VAR-Protokoll eine solche Korrektur wegen einer Spielerverwechslung (Mistaken Identity) gar nicht vorsieht.»
Das Bittere aus Schweizer Sicht
Genau hier liegt der Knackpunkt. Der Wortlaut des Regelwerks lässt Interpretationsspielraum. Handelt es sich überhaupt noch um eine blosse Identitätsverwechslung, wenn der Schiedsrichter seine ursprüngliche Bewertung – Foul von Paredes – komplett verwirft und stattdessen auf eine Schwalbe von Embolo entscheidet?
Eine Frage, welche die Fifa zumindest für die WM geklärt hat. Sowohl vor Turnierbeginn als auch nach dem Fall Almirón kommunizierte der Weltfussballverband, dass diese Auslegung vorgesehen sei.
Die Diskussion, wie der Begriff «Mistaken Identity» künftig ausgelegt wird, dürfte aber dennoch wieder aufflammen. Die Frage, ob er auch in Fällen zum Tragen kommt, in denen der Schiedsrichter eine Szene zunächst falsch beurteilt und deshalb den falschen Spieler verwarnt hat, könnte den Fussball noch eine Weile beschäftigen.
Besonders bitter aus Schweizer Sicht: Hätte Pinheiro zunächst lediglich auf Freistoss entschieden und Paredes nicht verwarnt, hätte die Szene nicht noch einmal vom VAR begutachtet werden können. Damit wäre Embolo auch nicht von einer Gelben Karte und damit auch nicht von Gelb-Rot bedroht gewesen. Der Viertelfinal hätte womöglich einen ganz anderen Verlauf genommen. Zumal das Momentum voll auf der Seite der Nati war.
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