Ich bin noch immer tief erschüttert, wie wohl alle, die das Todes-Drama um den 30-jährigen Fussballer und Familienvater Jesus de Miguel mitverfolgt haben. Ich leide und fühle mit der jungen Familie des Opfers und stelle mir vor, wie schwierig für sie das Leben nach diesem schrecklichen Verlust sein wird. Aber als ehemaliger Torhüter frage ich mich auch, wie es jetzt wohl dem Täter geht. Goalie Jesus Owono wird in die Hölle verwünscht, gehasst, zum Mörder abgestempelt, rassistisch beleidigt und bekommt Todesdrohungen. Das ist so sinnlos wie der Tod des Spielers selbst.
Owono ist ein 25-jähriger Kerl, der grosse Ambitionen, Träume und Ziele hegte. Er beschreibt sich selber als ehrgeizig, reaktionsschnell und risikofreudig. Sein sportliches Vorbild ist André ter Stegen, der deutsche Nationaltorhüter. Beim FC Andorra in der zweithöchsten spanischen Liga ist Owono zu einer Persönlichkeit gereift. Er will nicht nur auf der Linie die Bälle halten, sondern mitgestalten, das Spiel von hinten heraus prägen.
Damit erfüllt er die Anforderungen an einen modernen Goalie, dessen Spielstil sich in den letzten Jahrzehnten revolutioniert hat. In den Achtzigern und den Neunzigern musste der Schlussmann einfach Bälle halten. Aber den Sechzehner lieber nicht verlassen, sonst wäre er dem Libero auf die Füsse gestanden und es hätte einen Anpfiff vom Trainer gegeben. Dafür durfte er den Ball beim Befreiungsschlag auch mal unkontrolliert über das Tribünendach pfeffern. Dann gabs Lob vom Trainer.
Neuer revolutionierte das Torhüterspiel
Ein bisschen verloren stand er damals da. Als Letzter, als Einzelkämpfer hinter dem Team, im Offensivspiel bloss zuständig für die langen Bälle Richtung eigene Stürmer, die meistens im Niemandsland endeten. Und heute? Sind die Goalies die kompletten Spieler, das Herz jedes Teams. Die Anforderungen an sie sind riesig. Klar, sie müssen immer noch Bälle halten. Aber auch den Raum abdecken, den Spielzug einleiten, ständig anspielbar, dauernd auf Trab und technisch – links wie rechts – versiert sein, das Spiel dirigieren, das Tempo diktieren.
Bayern-Keeper Manuel Neuer ist ein Prototyp des modernen Torhüters. Er hat das Torhüterspiel weit über den Sechzehner hinaus ins Spielfeld verlagert. Kaum ein steiler Pass des Gegners, der nicht von Neuer abgefangen wird. Die anderen Goalies haben längst nachgezogen. Owono gehört zu den jungen Wilden, die gar noch risikofreudiger als Neuer agieren, den Spielraum noch weiter ausdehnen wollen. Er steht oft weit vor seinem Tor und versucht, möglichst jeden langen Pass zu erlaufen.
Doch den Ball perfekt zu berechnen, der nach einem langen Pass auf dich zuschiesst, ist verdammt schwierig. Und wenn sich ein Torhüter zum Sprint entscheidet, dann weiss er unterwegs nicht immer, ob er rechtzeitig ankommt. Keiner ist davor gefeit, zu spät zu kommen. Das erklärt wohl auch, warum Torhüter gerne durchziehen, auch ein Foul in Kauf nehmen – wenn man sich verschätzt, dann wenigstens nicht ein Gegentor verschulden. Als Trottel dazustehen, als Tor, ist für einen Goalie das Schlimmste, das will keiner.
Was geht jetzt in Owonos Kopf vor?
Das erklärt vielleicht auch die Reaktion von Owono, als er auf Höhe des Mittelkreises ungebremst und mit dem Knie voran Jesus de Miguel rammte. Ein ungestümer, unverantwortbarer Versuch mit schlimmstmöglichen Folgen. Erschwerend bei solchen Situationen kommt hinzu, dass sich sowohl Spieler wie Goalie voll auf den Ball fokussieren und nicht auf den Gegner, was die Wahrscheinlichkeit einer Kollision im höchsten Tempo erhöht.
Was geht jetzt im Kopf von Owono vor, nachdem er diesen fatalen Fehlentscheid getroffen hat? Wie verkraftet er den Hass und die Anfeindungen? Wie geht er mit den Schuldgefühlen um? Was tut er, wenn der nächste Ball auf ihn zukommt, läuft er ihm gewohnt entschlossen entgegen, oder hält ihn das Gewissen zurück? Wie kann ein so junger Mensch damit leben, wenn er einen anderen Menschen auf dem Gewissen hat? Kann er überhaupt noch weiterspielen? Und was geht künftig in den Köpfen der gegnerischen Stürmer vor, wenn sie Owono als Gegenspieler vor sich sehen?
Wie die Familie des Verstorbenen braucht auch Jesus Owono jetzt Unterstützung, damit er diese schwere Last tragen kann. Ihn beschimpfen und in die Hölle wünschen, das ist dann bloss ein nächstes Kapitel in diesem menschlichen Drama, bei dem es nur Verlierer gibt.
Patrick Mäder (61) war in den Achtzigern und Neunzigern Goalie bei Schaffhausen, Basel, Baden, Zürich und Winterthur. Seit 1997 ist der Soziologe Sportjournalist.