Darum gehts
Blick: Thun steckt in einer überraschenden Ausgangslage. Packt der Aufsteiger die Meisterchance am Schopf?
Andres Gerber: Diese Chance ist nicht bloss überraschend, sondern sehr überraschend. Klar, dass wir uns mittlerweile auch solche Gedanken machen. Es ist noch ein weiter Weg. Aber wir müssen nicht so tun, als wären wir in jedem Spiel der Aussenseiter und hätten keinen Druck. Von solchen Dingen halte ich nichts. Wenn du nach 20 Runden Erster bist, kannst du am Schluss auch Erster sein.
Ist der Titel nun das Ziel?
Wir bluffen nicht. Deshalb sagen wir auch nicht, dass wir Schweizer Meister werden. Aber dass es ein Ziel ist, wenn du in der Winterpause Erster bist, ist naheliegend und aus meiner Sicht nicht überheblich. Ich glaube, das verstehen alle.
Wie sehen Sie es bezüglich Verstärkungen?
Wir würden nie einen Spieler holen, von dem wir zwar denken, dass er für uns zehn Tore schiesst, wir aber im Gegenzug riskieren, dass wegen ihm die Teamchemie kaputt geht. Vielmehr sind wir im üblichen Prozess und versuchen, unser Kader zu optimieren. Das ist jedes Jahr das ähnliche bei jedem Klub, aber auch von Seite Spieler und Berater. Aber einfach einen Spieler obendraufsetzen werden wir wahrscheinlich nicht.
Obwohl Thun ja ein relativ schmales Kader hat…
Im Vergleich zu den meisten anderen ist es schmal. Aber wir haben lieber weniger Spieler im Kader, dafür ist jeder ein bisschen näher an Einsatzchancen dran. Jeder ist wichtig und hat seine Rolle im Team. Wir behalten die Nerven, schenken der Mannschaft Vertrauen und wollen unseren Spielern, die es super gemacht haben, nicht einfach einen Neuen vor die Nase setzen. Das könnte sehr kontraproduktiv sein. Denn überspitzt gesagt: Selbst wenn wir einen Lewandowski holen würden, garantiert uns das nicht, Schweizer Meister zu werden. Das kann dir auch alles durcheinanderbringen, hier sind wir sehr sensibel. Höchstens vielleicht mit Kane… Nein, lassen wir das. (lacht)
Er ist das Aushängeschild und hat in 23 ununterbrochenen Jahren im Klub schon fast alles erlebt: Captain, Karriereende, Interimstrainer, Sportchef, Präsident. Von Champions League bis Challenge League. Aufstiege, Abstiege, Existenzkämpfe. Andres Gerber (52) ist in Belp aufgewachsen, spielte vor seiner Thun-Zeit als Mittelfeldspieler bei YB, Lausanne und GC. Er lebt mit seiner Familie in Oppligen und hat zwei Kinder. Sein Sohn Noé ist aktuell Scout beim FC Sion.
Er ist das Aushängeschild und hat in 23 ununterbrochenen Jahren im Klub schon fast alles erlebt: Captain, Karriereende, Interimstrainer, Sportchef, Präsident. Von Champions League bis Challenge League. Aufstiege, Abstiege, Existenzkämpfe. Andres Gerber (52) ist in Belp aufgewachsen, spielte vor seiner Thun-Zeit als Mittelfeldspieler bei YB, Lausanne und GC. Er lebt mit seiner Familie in Oppligen und hat zwei Kinder. Sein Sohn Noé ist aktuell Scout beim FC Sion.
Und trotzdem hat Thun in der Hinrunde davon profitiert, wenige Verletzte und Abwesende zu haben, abgesehen von der Grippewelle im Dezember. Ist die Verletzungshexe das grösste Risiko für die Rückrunde?
Nein, das würde ich nicht sagen. Von Verletzungen verschont zu bleiben, ist ja auch nicht nur Glück. Das wird von unterschiedlichen Faktoren beeinflusst. Und das Team hat in der besagten Grippewelle mit vielen Erkrankten bewiesen, dass es sehr ausgeglichen ist. Es hat auch ohne Schlüsselfiguren gut gespielt. Bei längeren verletzungsbedingten Ausfällen müssten wir allenfalls reagieren.
Das Verletzungsrisiko verringern, indem man das Kader verstärkt – ist diese Logik sogar falsch?
Genau, das halte ich für einen Trugschluss. Ein grösseres Kader senkt das Verletzungsrisiko nicht automatisch. Im Gegenteil: Es kann mehr unzufriedene Spieler geben und Unruhe. Dann hast du vielleicht schlechte Energie, Gift in der Kabine, auf dem Trainingsplatz. Berater, die Druck machen. Unzählige Dinge. Also: Möglichst simpel bleiben. Aber das ist gar nicht so einfach, weil von aussen viele Erwartungen da sind.
Vor zwei Jahren ging Thun fast konkurs. Wie steht der Klub finanziell jetzt da?
Ich habe sicher keine schlaflosen Nächte mehr. Seien wir realistisch: Fast jeder Klub in der Schweiz macht strukturell ein Defizit. Auch wir, aber wir sind mittlerweile relativ stabil und steuern eng. Manche sagen, man solle immer nur das ausgeben, was man hat. Aber kann ein Profifussballklub so den Super-League-Betrieb aufrechterhalten? Manchmal braucht es gezielte, kontrollierte Investitionen, damit man einerseits konkurrenzfähig bleibt und andererseits Transfererlöse generieren kann – auch um für Zuschauer und Sponsoren attraktiv zu sein. Bei Sicherheit, Unterhalt, Administration, Ticketing und Catering sind die Sparmöglichkeiten beschränkt.
Wie will man es schaffen, mehr einzunehmen?
Dafür müssen wir eben investieren, mit einer klar begrenzten Risikobereitschaft. Es ist dabei enorm wertvoll, dass wir ein Umfeld haben, das uns unterstützt. Nicht grenzenlos, was ich sehr gut finde, weil man sonst zu schnell zu viel Geld ausgeben würde.
Aber wie sieht die Lösung denn aus? Klubretter und Grossaktionär Beat Fahrni wird bestimmt auch nicht bereit sein, jedes Jahr von neuem so viel Geld reinzustecken (es waren in zwei Jahren schon mehrere Millionen, die Red.).
Im Moment profitieren wir davon, dass wir im sportlichen Bereich auf den bestehenden, langfristigen Strukturen Erfolg haben. So ersparen wir uns im Vergleich zu anderen Klubs viele Kosten. Jetzt wird sichtbar, wie sich dadurch die Mannschaft entwickelt hat. Man kann zehn Spieler aufzählen, bei denen der Marktwert von fast null gestiegen ist – teils in einen Millionenbereich.
Es geht also darum, mehr Transfererlöse zu generieren?
Im Profifussball gibt es heutzutage fast nur diese Richtung. Um das zu schaffen, muss man gute Trainer haben und die richtigen Spieler finden, die das Potenzial haben. Diese müssen sich hier wohlfühlen. Dahinter folgt ein riesiger Rattenschwanz. Aber man kann nicht einfach einen Spieler holen und ihn ein Jahr später für fünf Millionen verkaufen. Das ist zu einfach gedacht
Um mittelfristig eine schwarze Null zu schreiben, sind Transfererlöse zwingend?
Plus minus ja. Jetzt haben wir eine gewisse finanzielle Stabilität. Gefährlich ist es, wenn du kein Geld hast, keine Absicherung und so ins Risiko gehen musst, um über die Runden zu kommen. Das war jahrelang bis zu einem gewissen Grad der Fall. Heute riskieren wir dosiert mit einem finanziellen Rückhalt, was unglaublich wertvoll ist. Transfererlöse sind das eine, das andere sind Zuschauereinnahmen.
Eine sogenannte Institution aus der Region, die sich immer noch anonym hält, besitzt fast ein Viertel der Anteile am Klub. Wie stark redet sie mit? Was ist eigentlich ihr Anliegen?
Sie redet praktisch nicht mit. Ihr Anliegen ist, dass der FC Thun bleibt, wie er ist. Das ist schön. Sie sind nicht übermütig, sondern verlässlich. Ihr Engagement wird nicht durch die Tabellensituation beeinflusst. Das gibt mir ein gutes Gefühl. Wenn Leute kämen, die Geld geben würden mit dem Anspruch, dass sie steil nach oben wollen, dann wäre ich wahrscheinlich der Falsche hier. So etwas muss kein Unglück sein, aber das würde eine vollständige Umkrempelung im Klub nach sich ziehen.
Aus der Aussensicht kann es nach wie vor beunruhigend wirken, dass Beat Fahrni und der anonyme Grossaktionär zusammen über 50 Prozent am Klub besitzen.
Das kann man so sehen. Aber viel lieber so, als dass es uns gar nicht mehr gibt. Immerhin ist es nicht nur eine Partei, die die Mehrheit hat. Das wäre ein riesiges Klumpenrisiko. Die Situation, die wir im Moment haben, ist stabil und verlässlich. Wir können planen, haben Ruhe. Wobei sich natürlich immer alles schnell ändern kann.
Viele verstehen nicht, warum man nicht einfach sagen kann, wer der anonyme Grossaktionär ist.
Ich werde nur wenig darauf angesprochen. Es ist der Wunsch der Institution im Hintergrund zu bleiben. Den respektieren wir und sind für die Unterstützung sehr dankbar.
Trotz Märchen-Saison gab es im Dezember Gegenwind von den Fans. Sie veranstalteten einen Stimmungsboykott, richteten einen kritischen Banner an den Klub, der besagte, dass man «hinter den Gläsern Geister sehe». Was können Sie dazu sagen?
Mittlerweile hat es eine Aussprache mit den Fanverantwortlichen gegeben. Die war gut und konkret.
Waren es klassische Themen wie der Umgang mit der Polizei?
Ja, es geht auch darum, dass unsere Kurve wächst. Das ist sehr positiv, hat aber auch seine Herausforderungen. Man muss einfach zusammen sprechen.
Mannschaft | SP | TD | PT | ||
|---|---|---|---|---|---|
1 | FC Thun | 20 | 18 | 43 | |
2 | FC St. Gallen | 19 | 16 | 37 | |
3 | FC Lugano | 20 | 8 | 36 | |
4 | FC Basel | 20 | 8 | 33 | |
5 | FC Sion | 20 | 6 | 31 | |
6 | BSC Young Boys | 20 | -2 | 29 | |
7 | FC Lausanne-Sport | 20 | 3 | 27 | |
8 | FC Zürich | 20 | -7 | 25 | |
9 | FC Luzern | 20 | -3 | 21 | |
10 | Servette FC | 20 | -7 | 21 | |
11 | Grasshopper Club Zürich | 20 | -11 | 17 | |
12 | FC Winterthur | 19 | -29 | 10 |

