Super-Boss Jurendic über turbulenten SFV-Start
«Wir müssen uns fragen: Sind wir bequem geworden?»

Er ist der neue starke Mann im Schweizer Fussball: Marinko Jurendic (48). Der Chief Sports Officer des SFV sagt, wie er die Zusammenarbeit mit Murat Yakin sieht, wie er die Doppelbürger-Thematik einschätzt und wo der Verband besser werden muss.
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Blick: Herr Jurendic, Sie sind noch keinen Monat im Amt, jetzt gibt es den ersten Wirbel. Haben Sie sich Ihren Start so turbulent vorgestellt?
Marinko Jurendic: Wer gedacht hätte, dass dieses Amt ein ruhiges wäre… (schmunzelt). Im Fussball passiert immer etwas, manchmal auch sehr schnell. Nicht nur für mich ist entscheidend, dass man ruhig bleibt, sich ein vollständiges Bild macht, besonnen agiert und die Dinge direkt miteinander bespricht. Ich lege grossen Wert auf die Betonung miteinander. Genauso gehe ich auch diese Situationen an.

Seit Mitte August neuer starker Mann im Schweizer Fussball: Marinko Jurendic.
Foto: TOTO MARTI

Noah Okafor ist diese Woche unter grossem Getöse aus der Nationalmannschaft zurückgetreten. Was ist hier schiefgelaufen?
Grundsätzlich möchte ich festhalten, dass es nicht meine Herangehensweise ist, via Öffentlichkeit Dinge auszutragen. Konkret zum Fall Noah Okafor: Wir waren alle überrascht, vom Zeitpunkt und von der Art und Weise der Kommunikation enttäuscht. Aber man muss wissen, dass ein grosser Teil der Vorgeschichte vor meiner Zeit beim SFV liegt. Für mich ist wichtig, dass wir solche Themen intern besprechen und daraus unsere Schlüsse ziehen.

Das ist Marinko Jurendic

1977 im damaligen Jugoslawien geboren, lebte Marinko Jurendic die ersten neun Jahre bei seiner Grossmutter, ehe er mit seinem älteren Bruder zu den Eltern und dem jüngeren Bruder in die Zentralschweiz nachzog. Er war Spieler bei Cham, Luzern, Kriens, Winterthur und Thun. Später Trainer bei Aarau und Kriens und der U21 des FC Zürich. Im August 2020 wurde er FCZ-Sportchef. In seiner Amtszeit wurde der FC Zürich 2022 Schweizer Meister. Im Sommer 2023 nahm Jurendic das Angebot des FC Augsburg an und wurde Sportdirektor beim Bundesligisten. Dort wurde er 2025 trotz eines Transferplus von 45 Mio. Euro innert zwei Jahren überraschend freigestellt, als die Augsburger die sportliche Führung austauschten.

Der Schweizer Marinko Jurendic, seit 1. August Sportdirektor beim FC Augsburg in der 1. Bundesliga.
DUKAS

1977 im damaligen Jugoslawien geboren, lebte Marinko Jurendic die ersten neun Jahre bei seiner Grossmutter, ehe er mit seinem älteren Bruder zu den Eltern und dem jüngeren Bruder in die Zentralschweiz nachzog. Er war Spieler bei Cham, Luzern, Kriens, Winterthur und Thun. Später Trainer bei Aarau und Kriens und der U21 des FC Zürich. Im August 2020 wurde er FCZ-Sportchef. In seiner Amtszeit wurde der FC Zürich 2022 Schweizer Meister. Im Sommer 2023 nahm Jurendic das Angebot des FC Augsburg an und wurde Sportdirektor beim Bundesligisten. Dort wurde er 2025 trotz eines Transferplus von 45 Mio. Euro innert zwei Jahren überraschend freigestellt, als die Augsburger die sportliche Führung austauschten.

Welche Rolle haben Sie im Fall Okafor eingenommen?
Es steht mir nicht zu, eine Rolle einzunehmen, die ich nicht hatte. Wie schon erwähnt, hatte diese Angelegenheit lange vor meinem Amtsantritt begonnen. Seit meinem Beginn beim SFV spreche ich mit den Menschen und versuche, die Dinge genau zu verstehen. Das gehört zu meiner Aufgabe.

Der frühere Bundesligamanager (Augsburg) ist wieder zurück in der Schweiz.
Foto: TOTO MARTI

Ebenfalls zu reden gibt die Doppelbürger-Thematik mit dem Fall des Cagliari-Talents Alessandro Romano (20), der sich nach Blick-Infos für das italienische Nationalteam entschieden hat. Bei Sions Topskorer Winsley Boteli machte der Kongo Druck, ehe er sich für die Schweiz entschied.
Man muss dieses Thema differenziert betrachten. Zunächst ist es eine Auszeichnung für die geleistete Arbeit aller Beteiligten im Schweizer Fussball, dass sich unser A-Team in den vergangenen Jahren der internationalen Spitze angenähert hat, was bedeutet, dass wir viel Qualität in unserem A-Team haben. Tatsache ist auch, dass es einen zunehmend intensiven Wettbewerb um die besten Talente gibt, der immer früher beginnt. Und in der Schweiz gibt es viele junge Talente mit internationalem Potenzial. Hinzu kommt, dass die Anzahl Spieler, die im Besitz von zwei oder mehr Pässen sind, aktuell bei unseren Nationalteams der Männer bei zirka 75 Prozent ist. Solche Fakten stellen uns vor Herausforderungen, für die es Lösungen braucht.

Romanos Entscheid muss dem SFV wehtun. Die Italiener schwärmen in den höchsten Tönen von ihm.
Natürlich tut uns ein solcher Entscheid weh. Alessandro Romano ist ein aussergewöhnlich interessanter Spieler, ein Stratege, ballsicher, mit toller Übersicht und er hat alle SFV-Junioren-Auswahlen durchlaufen. Wir müssen seine Entscheidung respektieren. Das ist auch immer ein Ergebnis einer Entwicklung. Aber für mich geht es weniger darum, rückwärts zu schauen. Entscheidend ist, dass wir für die Zukunft schnell daraus lernen, gerade bezüglich Spielern, die schon in jungen Jahren ins Ausland wechseln. Und wie schon erwähnt, werde ich das mit Argusaugen machen.

Ist die Durchlässigkeit zur A-Nati hoch genug?
Ich sagte im Klubfussball immer: Wir können das beste Talentmanagement haben, wenn die Durchlässigkeit an der Spitze nicht vorhanden ist, haben wir ein Problem. So schafft man Glaubwürdigkeit. Mit ein, zwei, drei Jungen mehr im Kader – kippt das Resultat deswegen? Es gilt immer die Balance zwischen kurzfristigem Erfolg und langfristiger Spielerentwicklung zu wahren. Wir müssen da hinkommen, dass alle eine klare Orientierung und ein gemeinsames Verständnis haben und dies auch konsequent in die Umsetzung bringen.

Er verantwortet nun den Sport beim Schweizerischen Fussballverband.
Foto: TOTO MARTI

Wer entscheidet das? Der Nationalcoach?
Der sportliche Entscheid über Aufstellung und Nominierung ist der exklusive Bereich des Nationaltrainers. Ich muss gleichwohl mit Murat Yakin und aktuell noch Pierluigi Tami besprechen können, wie die Planung der Nati genau ausschaut. Im Fussball sind wir permanent in einem Wandel. Den müssen wir managen und dabei das Team und Staff auf hohem Level halten. Das ist womöglich die grösste Herausforderung überhaupt. Ich führe aktuell verschiedene Gespräche, um möglichst schnell ein Gefühl zu bekommen, wo wir stehen, um meine Meinung einzubringen, wo die Situation es erfordert.

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Der SFV ist ein grosser Tanker, der aber ziemlich beweglich und attraktiv ist.
Marinko Jurendic
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Sie hätten bei der City-Group unterschreiben oder in der Bundesliga bleiben können. Warum sind Sie trotzdem beim SFV gelandet?
Solche Themen möchte ich aus Respekt nicht öffentlich kommentieren. Der Schweizer Fussball und das Land haben mir in meinem bisherigen Leben sehr viel gegeben. Jetzt hat sich die Möglichkeit ergeben, etwas zurückzugeben und meine Erfahrungen, die ich in den letzten Jahren in unterschiedlichen Funktionen und Organisationen in der Schweiz und in Deutschland machen konnte, für unser Fussballland einzubringen. Am Ende geht es um die Menschen, mit denen man zusammenarbeitet, für die man ein Gefühl entwickelt. Kann ich mit ihnen zusammenarbeiten, kann ich mit ihnen etwas bewegen? Peter Knäbel ist so ein Beispiel. Vor Jahren haben wir schon mal im SFV zusammengearbeitet. Da war sofort wieder Vertrautheit. Es gab auch andere interessante Anfragen, sogar verlockende Angebote. Aber meine Zeit in Augsburg ohne meine Familie hat mich auch geprägt. Als sich die Möglichkeit mit dem SFV abzeichnete, war für mich schnell klar, dass ich ein Teil davon sein möchte, die nächste Phase in der Entwicklung des Schweizer Fussballs mitzugestalten.

Der SFV ist ein grosser Tanker, da brauchen Veränderungen Zeit. Wochen wie die aktuelle sind nicht unbedingt üblich. Wie kommen Sie nach dem dynamischen Alltag in der Bundesliga damit klar?
Der SFV ist zwar ein grosser Tanker, der aber ziemlich beweglich und auch attraktiv ist (lacht). Unser Arbeitsalltag ist dynamisch und auch herausfordernd. Natürlich vollkommen anders, als im Daily-Bundesliga-Business. Aber schauen Sie nur auf die nächsten Wochen. In der Nations League ist viel Dynamik drin, in den WM-Playoffs der Frauen ebenso, in der U21 auch. Dazu gibt es Langzeitprojekte, die man etwas beschleunigen kann, Unklarheiten beseitigen. Man kann gezielt Impulse setzen.

Treffen auf dem Zürcher Helvetiaplatz: Jurendic, Blick-Sportchef Gisi, Blick-Sportreporter Schoch (v.r.).
Foto: TOTO MARTI

Ihr Job ist neu. Es gibt eine Reihe von Dossiers und Sie haben viel Einfluss darauf und Spielraum. Und Sie haben Präsident Knäbel als Sparringpartner, dem Sie direkt unterstellt sind.
Lassen Sie mich zu Präsident Peter Knäbel etwas sagen. Peter ist der Zeit fast immer etwas voraus. Nur ein Beispiel: wenn aktuell jeder vom A-Nationalteam schwärmt und der einhellige Tenor ist, alles sei super und genial, denkt Peter schon weiter, visionärisch. Stopp, wir haben Themen, die nicht alle sehen, die aber auf uns zukommen werden. Dann müssen wir uns alle fragen, wo wir eine falsche Abzweigung genommen haben.

Knäbel hat in seinem Wahlkampf die Probleme im Schweizer Nachwuchs thematisiert. Ist das eine der falschen Abzweigungen?
Das ist exakt eines solcher Themen, die wir uns ganz genau anschauen müssen. Wir galten in den letzten drei Jahrzehnten als Vorbild in der Nachwuchsförderung. Es wird immer noch vieles gut gemacht. Aber genau jetzt müssen wir uns fragen: Ist gut für uns noch gut genug? Oder geht statt gut auch sehr gut? Sind wir immer noch konsequent genug und arbeiten wir mit Leidenschaft an den Details? Sind wir in manchen Bereichen bequem geworden? Müssen wir gewisse Dinge überdenken? Sicherlich sind das unbequeme Fragen und auch unangenehme Themen. Aber es geht mir immer um unseren Fussball und es geht mir darum, dass wir unsere Möglichkeiten und Potenziale ausreizen. Dieser Aufgabe habe ich mich verschrieben.

Jurendic wurde mit dem FC Zürich Schweizer Meister.
Foto: TOTO MARTI

Wie stark und schnell wird man Sie spüren?
Die entscheidende Frage ist: Kann ich allem und allen gerecht werden? Genau das waren meine Gedankengänge, bevor ich unterschrieben habe. Wir müssen uns genau überlegen, wie wir zusammen mit dem Zentralvorstand, der die strategische Hoheit im Schweizer Fussball hat, effiziente Strukturen und Strategien definieren. Oder vereinfacht gesagt: Die besten Leute müssen am richtigen Ort sein. Ich werde kein Verwalter sein, gewisse Diskussionen lasse ich nicht einfach laufen, sondern greife ein, wo es notwendig ist. Aktivität statt Passivität. Und ich spüre und bekomme es in den vielen Gesprächen mit den Mitarbeitern mit, dass nicht nur die Leidenschaft und das Engagement gross sind, sondern auch die Bereitschaft.

Das Nationalteam hat bei zwei Endrunden in Serie den Viertelfinal erreicht. Plant der SFV ein Angebot zur vorzeitigen Vertragsverlängerung von Nati-Trainer Murat Yakin?
Mit Murat habe ich einen sehr offenen und ehrlichen Austausch und es haben auch erste Gespräche zu diesem Thema stattgefunden. Murat leistet sehr gute Arbeit und trägt, zusammen mit seinem Staff, der eine geschlossene Einheit darstellt, die sportliche Verantwortung für die A-Nationalmannschaft. Es steht ausser Frage, dass wir aktuell eine stabile Situation haben und die Nati derzeit unser Land auch emotionalisiert hat.

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Auch bei Murat haben wir grosse Planungssicherheit.
Marinko Jurendic
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Reicht das?
Wir haben Gespräche geführt und wir haben gemeinsam einen klaren Fahrplan vereinbart. In den letzten Wochen haben wir wichtige Voraussetzungen geschaffen für eine weiterhin erfolgreiche Arbeit, Prioritäten und Pendenzen geregelt inklusive wichtiger Personalien im Stab. Der Head of Performance (Eduardo Parra Garcia, d. Red.) ist gebunden und wichtig. Murat kann in Ruhe arbeiten, die entsprechenden Leute sind da.

Sie legen sich also noch nicht fest.
Den SFV hat immer ausgezeichnet, dass auf der Trainerposition – seit Köbi Kuhn – grosse Kontinuität und Stabilität herrscht. Auch bei Murat haben wir grosse Planungssicherheit. Und den Prozess haben wir, wie bereits erwähnt, gemeinsam festgelegt.

Andere Nationen beschäftigen hauptamtliche Standard-Coaches. Bei der Nati fällt diese Aufgabe dem Goalietrainer zu. Ist das zeitgemäss?
Eine Veränderung vorzunehmen, nur damit wir dann sagen können, wir haben eine Veränderung vorgenommen? Warum stellen wir uns hier nicht vielmehr die Frage: Warum können wir einem Kollegen, der bereits im Staff ist, nicht die Möglichkeit schaffen, sich weiterzubilden und das Wissen in diesem wichtigen Bereich auszubauen? Warum fördern und fordern wir nicht unsere eigenen Mitarbeiter, damit diese den nächsten Schritt machen können? Das erfolgreiche Elfmeterschiessen an der WM 2026 war ein wunderbares Beispiel dafür, wie das möglich ist – und darum geht es doch!

Nun soll er den Schweizer Fussball voranbringen.
Foto: TOTO MARTI

Wie soll die Nati künftig mit Daten arbeiten?
Es stellt sich immer die Frage nach der Sinnhaftigkeit. Nur ein Beispiel: Bei meiner letzten Station, beim FC Augsburg, hatten wir mehrere Sportdatenanalysten. Das brauchen wir auch beim SFV und hier haben wir auch Optimierungspotenzial, auch vor dem Hintergrund der rasanten Entwicklungen in diesem relevanten Zukunftsthema – und gerade auch mit dem hervorragenden Know-how, das es in der Schweiz im Tech-Bereich gibt.

Eine Ehrenrunde wird Nati-Direktor Pierluigi Tami einlegen – er bleibt bis Ende Nations League. Warum?
Es geht nicht um Ehrenrunden, sondern um unsere Ambitionen. Pier hat einen wesentlichen Anteil an der erfolgreichen Entwicklung unseres A-Teams in den vergangenen Jahren. Diese Konstellation wollen wir aufrechterhalten, und Pier hat sich sofort bereit erklärt, um unser kurzfristiges Ziel zu erreichen und den Übergang zu vereinfachen. Wir haben so die nötige Zeit, um in aller Ruhe und vor allem präzise herausarbeiten zu können, welches Profil diese Position in Zukunft und mit der Neuorganisation erfordert respektive welche Rollen und Aufgaben es um die Nati herum noch zu besetzen gilt.

Pläne und Haltungen? Hat er. Aber er setzt nichts um, damit etwas umgesetzt ist.
Foto: TOTO MARTI

Wann kennen wir den Nachfolger Tamis? Im Winter?
Möglich, ja und das streben wir an. Die Personalie ist wichtig und wir werden sie gewichten. Aber noch wichtiger ist, wie bereits erwähnt, genau zu bestimmen, welche Kompetenzen der Schweizer Fussball auf einer solchen Position überhaupt braucht. In diesem Prozess befinden wir uns gerade.

Diego Benaglio ist bereits bei der U21 engagiert. Ist er ein Kandidat?
Einzelne Namen möchte ich nicht in der Öffentlichkeit kommentieren. Was mir wichtig ist: Unser Anspruch muss sein, die besten Leute beim SFV zu haben, auf und neben dem Platz. Wir vertreten die Schweiz und schaffen Vertrauen und Glaubwürdigkeit für das, was wir tun.

Noch näher dran an der Schweizer Nati

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