Es ist ungewöhnlich, dass man bei einem Interviewtermin auf Murat Yakin warten muss. In diesem Fall hat der Nati-Trainer eine gute Begründung: Sein Koffer ist vor dem Zusammenzug nicht mit ihm nach Belek geflogen, der Nati-Trainer muss notfallmässig Kleidung kaufen. Deshalb trifft Blick den 52-Jährigen am Tag vor dem Nati-Zusammenzug in einem der grossen Einkaufszentren in Belek, dem Land of Legends. Laufend wird Yakin von Touristen angesprochen oder posiert für Selfies.
Murat Yakin, über welches Problem von Ihnen sollen wir zuerst sprechen? Granit Xhaka und das gefälschte Impfzertifikat? Doppelbürger? Noah Okafor? Oder der fehlende Koffer?
Nach all diesen Jahren im Fussballbusiness und als Nati-Trainer bin ich stürmische Zeiten gewohnt. Ich denke nie in Problemen, sondern immer in Lösungen.
Die Lösung bei Ihrem Captain ist, dass er zu Hause bleibt. Sie hatten trotz des Verfahrens bis am Sonntagabend mit ihm gerechnet. Wie beurteilen Sie die Entwicklung des Wochenendes und seine Entscheidung?
Granit hat eingesehen, dass er einen Fehler gemacht hat. Es tut ihm leid und er hat für sein Verhalten öffentlich die Verantwortung übernommen. Mit seiner Abwesenheit bei diesem Nati-Zusammenzug will er in dieser Phase der lauten und kontroversen öffentlichen Diskussion die Mannschaft schützen, damit sich diese voll und ganz auf die wichtigen Spiele in der Nations League konzentrieren kann. Aus sportlicher Sicht ist es natürlich sehr schade, dass ich auf ihn verzichten muss. Aber er und wir waren uns einig, dass es in diesem Moment die richtige Entscheidung ist.
Haben Sie direkt mit Granit Xhaka darüber gesprochen? Wie geht er mit der Situation um?
Granit und ich stehen immer im Austausch. Er ist sehr reflektiert, klar, denkt und handelt zum Wohle des Teams. Das schätze ich sehr.
Er hat die Straftat der Urkundenfälschung in seinem Statement zugegeben. Hat Granit Xhaka mit diesem Hintergrund eine Zukunft in der Nati – und vor allem als Captain, der nochmals an anderen Werten gemessen wird?
Unser Präsident hat sich dazu schon geäussert, dass der SFV nach den vier Länderspielen die Situation mit Granit besprechen will. Und ich bin überzeugt, dass wir eine gute Lösung für alle finden werden.
Granit Xhaka polarisierte bereits während der WM. Für einige Mitspieler soll er im persönlichen Umgang zu kritisch gewesen sein.
Granit will um jeden Preis gewinnen. Man spürt ihn täglich bei der Nati, damit niemand von uns nachlässt. Das gilt sowohl für Mitspieler als auch für den Staff. Es ist möglich, dass das nicht immer alle gleich gut vertragen. Ich lerne im Austausch mit Granit ebenfalls immer wieder neu dazu.
Und wenn es zu kritisch wird mit Mitspielern?
Es gibt Momente, da kann er nicht die Faust im Sack machen, sondern macht jedem immer klar, wenn er mehr erwartet, auch von sich selbst. Vielleicht ist das ja genau auch mit ein Grund, wieso die Nati mit ihm als Leader über die Jahre immer so erfolgreich gewesen ist. Und wenn es mal zu viel war, können die Spieler das untereinander klären. Mit Granit kann man immer reden.
Die Abwesenheit Xhakas ist die grosse Chance für Ardon Jashari, dass er sich endlich in mehreren Spielen auf seiner Position präsentieren kann.
Unabhängig von der Thematik mit Granit halte ich extrem viel von Ardon. Seine Trainingsleistungen bei der WM haben mir imponiert und auch sein Wille, sich in den Dienst der Mannschaft zu stellen. Ich bin fest davon überzeugt, dass Ardon den Charakter und die Fähigkeiten hat, um ein Führungsspieler in der Nati zu sein.
Jashari ist Teil der jungen Generation, die in diesem Zusammenzug nochmals grösser wird. Wie schätzen Sie die Neulinge Winsley Boteli, Sascha Britschgi und Zachary Athekame ein?
Alle drei machen mir grosse Freude. Sie haben in den letzten Monaten enorme Schritte gemacht und sich für die Nati empfohlen. Sie haben alle Qualität und bringen eine erfrischende Unbekümmertheit mit, wie es auch schon Johan Manzambi getan hat.
Neben Xhaka ist auch Breel Embolo zuerst nicht dabei, gesperrt für das kommende Spiel. Kann Winsley Boteli Ihrem Stürmer Nummer 1 Konkurrenz machen?
Winsley würde in seiner aktuellen Verfassung vom Parkplatz ausserhalb des Stadions Tore schiessen (lacht). Wenn er diese Form in der Nati bestätigen kann, haben wir eine weitere sehr gute Option auf der Stürmerposition.
Nicht mehr in der Offensive dabei ist Noah Okafor. Er will unter Ihnen nicht mehr in der Nati spielen, hat happige Vorwürfe gegen Sie erhoben in einem Social-Media-Post.
Er war in den Wochen vor der WM verletzt, konnte im März-Zusammenzug nicht mitspielen. Hinzu kommt die ganze Historie rund um die EM 2024, und doch habe ich ihm die Chance gegeben.
Es scheint, als würde die Seite Okafor es nicht so sehen, als ob Noah eine echte Chance bekommen hätte. Beispielsweise wirft er Ihnen eine Überreaktion vor beim Flaschenwurf in der 94. Minute gegen Algerien.
Es war eine von mehreren Szenen, in denen er nicht kollektiv mitverteidigt hatte. Das geht für mich nicht. In meinen taktischen Überlegungen hat jeder Spieler eine klare Rolle auch in der defensiven Phase, die ich in der Umsetzung bei ihm nicht gesehen habe. Wir haben offensichtlich unterschiedliche Auffassungen von Defensivarbeit. Für mich ist das Kapitel nun geschlossen.
Hatten Sie Kenntnis vom Vorfall an Noah Okafors Geburtstagsparty im Fischers Fritz vor dem Zusammenzug?
Ja, der Inhaber hatte mich kontaktiert und ich habe damals geholfen, die Situation zu schlichten.
Aktuell ebenfalls nicht dabei und heiss diskutiert wurde der Name Alessandro Romano. Er hat sich für Italien entschieden. Wie fest haben Sie um ihn gekämpft?
Ich wollte ihn nie zu etwas überreden. Ich bin aber zu ihm nach Sardinien gereist, um ihm einen möglichen Weg in der Nati aufzuzeigen. Als ich in Cagliari angekommen bin, spürte ich, dass er für Italien spielen will. Immerhin habe ich ihn zum Nachdenken gebracht. Ich finde nicht, dass wir etwas anders hätten machen können, das hat Alessandro ja auch so gesagt. Sein Herz gehört Italien.
Ihre Reise nach Sardinien war allerdings spät. Zu spät? Es gibt Stimmen, die sagen, der Verband habe bei Romano verschlafen.
Wir haben Alessandro für alle U-Mannschaften nominiert, gefördert, in unserem SFV-Footuro-Talentförderprogramm mitausgebildet und in insgesamt 34 U-Länderspielen eingesetzt. Was hat denn der italienische Verband für ihn gemacht? Wir können Doppelbürger nicht bevorzugt behandeln gegenüber Spielern, die «nur» den Schweizer Pass haben. Das wäre unfair.
In anderen Ländern bemüht sich der A-Nati-Trainer schon früher um Talente. Am Ende des Tages wollen viele Spieler Sie sehen, hören und Ihre Pläne kennen.
Die Hauptaufgabe von mir als Nati-Trainer ist es, Spiele mit meinem Team zu gewinnen. Darauf liegt mein Fokus. Wir haben als Verband eine Strategie, wie wir mit den zahlreichen Doppelbürgern in den U-Mannschaften planen und umgehen. Das ist eine Teamarbeit.
Andere Länder blockieren Ihre Talente auch mit Aufgeboten.
Das ist nicht unser Stil und entspricht nicht unseren Werten. Wir bieten keine Spieler auf und gewähren ihnen Einsätze, nur um sie früh zu blockieren. Wir nominieren Spieler, welche im Klub Leistung zeigen und bei denen wir eine Perspektive sehen. Am Schluss muss man das Fifa-Reglement mit dem möglichen Nationenwechsel bis zum A-Nationalteam hinterfragen und überdenken. Verbände sollten sich grundsätzlich auf die Ausbildung von Talenten fokussieren, nicht aufs Abwerben.
Marinko Jurendic ist neu Teil der Führungsspitze des Verbands. Wie ist der Austausch?
Wir kennen uns sehr lange, haben zusammen die Trainerausbildung absolviert. Wir haben seit seiner Ernennung viele lange und offene Gespräche geführt. Unsere Türen sind gegenseitig und immer offen. Er kommt zu Meetings, schaut sich alles an, um sich ein Bild zu machen.
Jurendic wäre auch Ihr Ansprechpartner für einen neuen Vertrag. Viele Nationaltrainer wurden in diesem Sommer mit langen Laufzeiten ausgestattet. Sie haben nun noch zwei Jahre.
Mein erster Nati-Vertrag 2021 lief für drei Monate, deshalb bringt mich das nicht aus der Ruhe (lacht). Das Entscheidende ist nicht die Zahl auf dem Vertrag, sondern eine gemeinsame Vision.
Und Sie und Marinko Jurendic haben die gleiche Vision?
Wir haben bereits erste Gespräche geführt, bei denen auch Präsident Peter Knäbel involviert ist. Die Perspektive heisst EM 2028 und WM 2030, für die wir wieder viele junge Spieler integrieren und zu einem neuen starken Team formen werden. Dafür ist ein langfristiger Plan sicher von Vorteil.
Die Fragen zur Abwesenheit von Granit Xhaka und seinem Geständnis in den sozialen Medien wurden im Anschluss an das Interview nachgereicht und beantwortet.
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