Enrico Maassen ganz offen
So brachte er FCSG-Knipser zum Weinen

Der Trainer des FC St. Gallen erzählt, was geschehen musste, damit seine Familie im Cup-Halbfinal in Yverdon dabei sein darf. Und er erklärt, was ihn besonders freut an seinem Team.
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Florian RazReporter Fussball

Enrico Maassen, im Cup muss man sich für die nächste Runde qualifizieren. Bei Ihnen gibt es aber auch Qualifikationsspiele für die Familie, damit sie an Spiele kommen darf?
Ja, das habe ich tatsächlich so gesagt (schmunzelt). Sie waren früher in höherer Frequenz hier. Aber als wir im Dezember zu Hause gegen Zürich verloren haben, habe ich gesagt: Na ja, vielleicht ist es besser, wenn wir mal etwas warten, weil so viele wichtige Spiele anstehen. Aber mein Sohn ist wirklich fussballinteressiert und hat arg gedrängelt. Da haben wir über Ostern gegen den FCZ nochmals einen Testlauf gemacht. 

Heisst: Ihre Familie darf zum Cup-Halbfinal nach Yverdon?
Ja. Der Test war ja zum Glück erfolgreich (lacht).

Sie arbeiten in St. Gallen, Ihre Frau und Ihre zwei Kinder leben in Augsburg. Ist das nicht sehr hart?
Doch. Es ist das erste Mal, dass ich getrennt bin von meiner Familie. Bislang sind wir alle Stationen gemeinsam gegangen. Aber irgendwann kommt der Moment, in dem die Kinder zur Schule gehen. Das Umfeld, das wir uns geschaffen haben, ist wirklich gut. Und wenn du jedes Mal neu beginnen musst, ist das nicht einfach für die Familie.

Also haben Sie viele Videocalls mit den Kindern?
Ja, Gott sei Dank gibt es Videocalls. Das passiert mehrfach am Tag und nimmt einem das Gefühl, dass man weit weg voneinander lebt. Von unserer Haustür in Augsburg ins Stadion fahre ich zwei Stunden. Von meiner Wohnung in Rorschacherberg nach Augsburg etwas weniger. Das ist handlebar. Wir haben uns eingegroovt.

Dass sich Ihre Familie erst für die Partie in Yverdon qualifizieren musste, zeigt, wie viel Gewicht das Spiel hat.
Auch die anderen Spiele sind wichtig, sonst hätte die Familie ja eher kommen dürfen (lächelt). Aber klar: Es ist ein Do-or-Die-Spiel (alles oder nichts, Red.). Wir spielen jetzt im Pokal mit der Chance auf ein Finalspiel. Ich habe den Jungs zum Start in die Trainingswoche gesagt, dass da ein bisschen mehr kommt in Sachen Anspannung, Aufregung und Aufmerksamkeit von aussen. Das ist okay, das dürfen wir zulassen. Das haben wir uns erarbeitet. Wichtig ist, dass wir uns auf das konzentrieren, was uns bislang erfolgreich gemacht hat.

Maassen stellt sich Cup-Quiz vor Halbfinal
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«Das wollen wir verhindern»:Maassen stellt sich Cup-Quiz vor Halbfinal

Können Sie etwas mit diesen Aussagen des Augsburg-Trainers Manuel Baum anfangen? «Früher hätte ich gegen die Bayern versucht, zu beweisen, dass man was richtig Cooles machen kann.» Und: «Hätte ich früher ein Fussballbuch geschrieben, hätte es 200 Seiten gehabt. Heute wären es vielleicht fünf.»
Ja. Es geht nicht immer darum, das Rad neu zu erfinden. Das Schwierige im Fussball ist, das Einfache zusammen gut zu machen. Wir haben eine klare Idee als Team. Und dennoch soll bei uns jeder seine Persönlichkeit und individuellen Stärken auf den Platz bringen. Ich glaube, Einfachheit kann genauso schön sein wie das Komplexe.

Die Erlösung: Enrico Maassen jubelt über den 2:1-Siegtreffer gegen den FC Basel im Cup-Viertelfinal.
Foto: Philipp Kresnik/freshfocus

Wissen Sie, warum ich im Zusammenhang mit Ihnen an diese Zitate gedacht habe?
Weil Sie die Art, wie wir spielen, von aussen vielleicht so interpretieren. Aber das mit den 200 Seiten … Wenn du als Trainer beginnst und immer höher kommst, definierst du dich extrem über Inhalte. Aber es ist ganz wichtig, dass man nicht nur über Spielzüge nachdenkt und taktische Themen. Es geht auch darum, das Grosse und Ganze im Blick zu haben. In der Kabine zu sein und mit den Jungs zu sprechen. Sich zu überlegen: Wie schaffen wir es, dass die Mannschaft am Wochenende energetisch auf dem höchsten Level ist? Wie können wir über die ganze Saison eine Story aufbauen?

Und welche Story erzählen Sie in dieser Saison mit dem FC St. Gallen?
Die bleibt in unserer Gruppe. Aber natürlich geht es um die Schlagworte Verbundenheit, Energie und Intensität. Und wie wir miteinander umgehen. Ich möchte empathisch mit meinem Team und meinem Staff sein und dennoch klar. Darunter verstehe ich, dass wir eine Kultur schaffen, in der wir ehrlich miteinander umgehen und positive wie negative Dinge ansprechen. Auch, wenn es mal direkt ist und wehtut.

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«Das habe ich in dieser Form noch nie erlebt.» Enrico Maassen über seine Zeit beim FC St. Gallen.
Foto: Thomas Meier

Verstehen Sie, was ein Schweizer meint, wenn er sagt: Du, ich fände es noch gut, wenn du den Ball vielleicht ein bisschen weiter nach links spielen würdest, wenn es dir nichts ausmacht?
(Wartet ab.) 

Das ist eigentlich ein Befehl: Spiel nach links!
Ah, okay. Da musste ich mich tatsächlich etwas herantasten. Da hat mich Sportchef Roger Stilz aber auch wirklich gut darauf vorbereitet. Dass die deutsche Art, direkt zu sprechen, manchmal so wahrgenommen wird, als würde man jemanden überfahren. Ich glaube, da haben wir uns relativ schnell angenähert.

«Im Winter haben Klarheit und Fokus gefehlt. Aber jetzt ist er wieder bei voller Stärke.» Enrico Maassen über Überflieger Alessandro Vogt.
Foto: keystone-sda.ch

Stürmer Alessandro Vogt soll Ihretwegen geweint haben.
Ich glaube, es war hilfreich für Ale, dass er diese Phase noch bei uns mitgenommen hat. Im ersten Halbjahr ist er ja richtig geflogen. Auch da war nicht alles gut, aber wir haben immer an ihm festgehalten. Wir haben gesagt: Komm, du musst spielen, du musst durch diese Täler, wir helfen dir dabei. Trotzdem haben bei ihm in der Wintervorbereitung in Spanien einfach die Klarheit und der Fokus gefehlt. Und das habe ich ihm immer wieder gespiegelt. Ale ist mir ans Herz gewachsen. Er ist ein ganz toller Junge. Aber ich habe ihm gesagt: Hier mache nur ich etwas Druck. Wenn du auf die nächste Stufe gehst, kommt der Druck ganz anders – noch dazu von allen Seiten. Und es hat ja ganz gut funktioniert. Er ist wieder bei voller Stärke.

Wann haben Sie entdeckt, dass die Schweiz nicht nur das Land der hohen Berge, sondern offenbar auch der hohen Bälle ist?
Dass die Schweiz eine intensive Liga ist, ist klar. Und natürlich kannst du Pressing mit hohen Bällen überspielen. Wir haben im letzten Jahr richtig viel und gut gezockt. Aber wir kamen zu selten in den Strafraum. Also wollten wir vertikaler werden. Wir spielen ja nicht nur den langen Ball, wir haben auch andere Facetten. Aber ja, es geht um viel Vertikalität, Pressing, Gegenpressing. Es ist unfassbar schwer, sich als Gegner diesem Spiel zu entziehen. Wir gehören zu den Teams, die sich die meisten Chancen erarbeiten, die die meisten Ballberührungen im gegnerischen Strafraum haben.

Um auf Augsburg-Trainer Baum zurückzukommen: Ich glaube, Sie verzichten in dieser Saison bewusst auf Dinge, die Sie noch cool finden würden.
Man muss als Trainer verstehen, wie der eigene Klub funktioniert. Wie funktionieren die Fans und die Region, wie die Liga? Wir hatten letzte Saison einen Probelauf unter Extrembedingungen mit 53 Spielen. Wir hatten grossartige Auftritte, aber auch welche zum Vergessen. St. Gallen definiert sich über Pressing-Fussball, die Menschen erwarten das. Dann brauchst du aber auch ein Kader, das genügend belastbar ist.

Keine guten Erinnerungen an Yverdon. Im Februar 2025 verliert Maassen mit St. Gallen 0:1, im Mai gibt es bloss ein 1:1.
Foto: keystone-sda.ch

Entsprechend haben Sie Ihr Team im Sommer angepasst.
Ja, wir haben Spieler verpflichtet, die physisch noch stärker sind und häufiger sprinten können. Ich glaube, wir haben auch viel mehr gemeinschaftliche Interessen in der Mannschaft als noch im Jahr zuvor. Wir sind in Momenten, in denen es schwierig wird, viel enger zusammen. Wir haben einfach eine gute Rollenverteilung mit Anführern und hungrigen Spielern. Dazu ganz viel Identität, weil wir viele eigene Talente haben. Da ist in unserer Nachwuchsabteilung etwas entstanden. Der Glaube: Hey, wir haben tatsächlich die Chance, es nach oben zu schaffen!

Etwas, was nicht in allen Schweizer Klubs der Fall ist.
Ich habe das in dieser Form tatsächlich noch nie erlebt. Du holst Junge hoch. und die funktionieren alle sofort. Im ersten Jahr war es Corsin Konietzke, der sich dann leider schwerer verletzt hat und jetzt etwas Zeit braucht. Im zweiten Jahr haben es neben Cyrill May und Alessandro Vogt noch weitere geschafft. Die Jungen, die hochkommen, sehen ihre Kumpels, die schon da sind. Das macht es ihnen leichter, den Anschluss zu finden. Und wir haben gute Anführer, die diesen Jungen vertrauen und ihnen Halt geben.

Sie sollen nach gewonnenen Spielen ein Ritual haben, um den Zusammenhalt zu fördern. Etwas mit einem Foto?
Wir machen verschiedene Dinge. Eines davon ist ein Siegerfoto vor den Fans mit dem kompletten Team, dem Staff, allen Betreuern. Und dann darf der Spielerrat am ersten Trainingstag der Woche zwei Spieler bestimmen und begründen, warum sie es verdient haben, dieses Foto aufzuhängen. Einer nagelt, der andere hängt das Bild auf. Es ist ein Riesengaudi. Das sind die kleinen Dinge, die den Zusammenhalt fördern. Und da spürt man auch, dass wir gute Anführer mit Fingerspitzengefühl haben.

Ein Foto vor den eigenen Fans gehört zum St. Galler Siegesritual. Danach dürfen es zwei Spieler aufhängen, die es besonders verdient haben.
Foto: Claudio Thoma/freshfocus

Weil es ja auch schwierig werden könnte, wenn immer dieselben Spieler die Ehre bekommen.
Es ist gut, wenn du als Trainer siehst, dass der Mannschaftsrat nicht einfach so entscheidet. Die machen sich Gedanken. Wer ist vielleicht gerade in einer nicht so guten Phase, und es täte ihm gut, wenn er drankäme? Oder wen brauchen wir in der nahen Zukunft auf dem Feld? Aus so kleinen Dingen kann man viel mitnehmen.

Wenn man die Resultate in dieser Saison anschaut, die Daten wie die Pressingwerte und Ihre Vergangenheit in der 1. Bundesliga, dann müssten auf Ihrem Handy immer mal wieder Nummern mit der Vorwahl +49 aufleuchten.
Ja, ich habe viele Freunde in Deutschland. Die rufen mich tatsächlich immer wieder an (lacht).

Aber Ihr Ehrgeiz wird ja kaum in der Ostschweiz enden.
Ich habe immer gesagt, dass ich etwas prägen und menschlich und sportlich Spuren hinterlassen möchte. Ich bin sehr froh, dass ich Trainer dieses Klubs bin. Was in der Zukunft ist, weiss man nicht, und ich möchte auch nicht irgendwelchen Mist erzählen. Aber ich bin immer gut damit gefahren, nicht gleich aufs nächste Pferd zu springen, sondern auch zu schätzen, was man hat.

Persönlich: Enrico Maassen

Enrico Maassen kommt 1984 in Wismar in der damaligen DDR zur Welt. Als Fussballer schafft er es bis in die dritthöchste Liga des wiedervereinten Deutschlands. Er beendet seine Karriere nach mehreren schweren Knieverletzungen bereits mit 30 und wird Trainer in der vierten Liga.

Es ist der Beginn eines steilen Aufstiegs. Vier Jahre nach seinem Einstieg ins Trainergeschäft wird er beim SV Rödinghausen in der dritthöchsten Liga erstmals Profitrainer. 2020 übernimmt er die U23 von Borissia Dortmund. 2022 kommt er als Trainer des FC Augsburg bereits in der 1. Bundesliga an. Dort erlebt er im Oktober 2023 die erste Entlassung seiner Karriere.

Im Sommer 2024 übernimmt Maassen den FC St. Gallen, bei dem er einen Vertrag bis 2028 besitzt. Seine Frau und seine zwei Kinder wohnen weiterhin in Augsburg. Maassen besitzt ein Diplom als Sporttherapeut und hat eine Ausbildung als Sport- und Fitnesskaufmann.

Thomas Meier

Enrico Maassen kommt 1984 in Wismar in der damaligen DDR zur Welt. Als Fussballer schafft er es bis in die dritthöchste Liga des wiedervereinten Deutschlands. Er beendet seine Karriere nach mehreren schweren Knieverletzungen bereits mit 30 und wird Trainer in der vierten Liga.

Es ist der Beginn eines steilen Aufstiegs. Vier Jahre nach seinem Einstieg ins Trainergeschäft wird er beim SV Rödinghausen in der dritthöchsten Liga erstmals Profitrainer. 2020 übernimmt er die U23 von Borissia Dortmund. 2022 kommt er als Trainer des FC Augsburg bereits in der 1. Bundesliga an. Dort erlebt er im Oktober 2023 die erste Entlassung seiner Karriere.

Im Sommer 2024 übernimmt Maassen den FC St. Gallen, bei dem er einen Vertrag bis 2028 besitzt. Seine Frau und seine zwei Kinder wohnen weiterhin in Augsburg. Maassen besitzt ein Diplom als Sporttherapeut und hat eine Ausbildung als Sport- und Fitnesskaufmann.

Wissen Sie, welche Nationalität der einzige Trainer hatte, der bislang mit St. Gallen Cupsieger wurde?
Wenn Sie so fragen, müsste er wahrscheinlich auch Deutscher gewesen sein?

Ja. Albert Sing, Übername «der eiserne Deutsche». Was wäre ein guter Übername für Sie?
(Denkt kurz nach.) Sollten wir wirklich bald einen Titel gewinnen, wird euch sicher ein kreativer Übername einfallen.

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