Christian Marti trägt seine Förster-Kleidung, in der Hand eine Schüssel. «Meine Frau hat gesagt, ich könnte ja Teig für Schlangenbrot machen», erzählt er mit einem Schmunzeln. Auch Cervelats hat der ZSC-Verteidiger und Olympiafahrer dabei. Am Feuer im Waldstück seiner Familie in Oberembrach ZH spitzt er Äste dafür zu, macht Feuer, setzt einen Topf Wasser für Tee auf. Reden kann man mit dem Sympathieträger über alles, auch den frühen Verlust seines Vaters Ueli. Dieser Wald erinnert den 32-Jährigen besonders an seinen Papa. Marti ist ein offener und direkter Mensch. Seine Lacher sind so erfrischend und ansteckend. Die bekommt man bei diesen aussergewöhnlichen Fragen öfter zu hören.
Blick: Was bedeutet Ihnen die Natur?
Christian Marti: Mein Waldstück setze ich nicht gleich mit der Natur, ich habe einfach Heimatgefühle hier. Aber ich komme nicht hierher, weil ich nach Natur lechze. Naturfreunde sind für mich Wanderer, die die Berge lieben, oder Taucher das Wasser. Ich bin gerne draussen und kann mir auch vorstellen, nach meiner Spielerkarriere draussen zu arbeiten, aber vielleicht nicht tagtäglich und so körperlich wie beispielsweise ein Forstwart.
Sie sind aber gelernter Forstwart.
Ja, weil ich als Kind immer hier im Wald war. Ich ging in der Schule zu den Förstern zum Schnuppern und habe mich hier im Dorf beworben. Es war praktisch neben dem Hockey und machte als 15-Jähriger Sinn für mich. Holz als Baustoff mag ich sehr. Metall hat auch seine Berechtigung, aber Holz ist einfach wärmer.
Was bedeutet Ihnen dieser Wald? Ist er eine Erinnerung an Ihren verstorbenen Vater Ueli?
Ja, und wie. Diese Jahreszeit ist ja die Holzer-Zeit. Da sind wir jeweils morgens in unseren Wald, zogen mit dem Traktor die Stämme, am Mittag kochte er etwas Kleines im Bauwagen. Das sind schöne Kindheitserinnerungen. Meine Familie trifft sich regelmässig hier. Am Karfreitag ist Brauch, dass wir hier Ostereier färben und für die Kinder die Osternester verstecken.
Wie hat Sie dieser Verlust mit 14 geprägt?
Mein Vater war sehr präsent für mich, auch im Hockey. Er half immer als Betreuer, war stets dabei. Das fiel plötzlich alles weg. Meine Mutter musste beide Rollen einnehmen. Sie wird das so gut gemacht haben, darum erinnere ich mich vielleicht nicht, ob und wie mich das damals beeinflusst hat.
Unterhalten Sie sich in Gedanken manchmal mit ihm?
Ja, wenn ich mich auf ein Spiel einstelle, mich motiviere, dann mache ich das oft zusammen mit ihm, denke «komm, wir beide schaffen das». Wenns dann gut gelaufen ist, ob beim ZSC oder in der Nati, bedanke ich mich auch bei ihm. Zum Beispiel an der letzten Weltmeisterschaft. Das Hockey war unsere Verbindung. Manche Spieler schreiben die Namen oder Initialen ihrer Kinder auf die Stöcke, bei mir ist es der meines Vaters.
Welche Werte haben Sie von Ihren Eltern mitbekommen?
Meine Eltern haben mir Bodenständigkeit vorgelebt. Dass man arbeiten muss. Meine Mutter hätte Grund genug gehabt, zu jammern, aber sie tat es nie. Dass das Leben nicht immer fair ist und man sich arrangieren oder das Beste daraus machen muss.
Welche geben Sie Ihren Kindern mit auf den Weg?
Wenn ihnen etwas nicht passt, dass sie es sagen und nicht einfach hinnehmen oder jammern. Zum Beispiel, wenn sie in der Schule, im Kindergarten oder draussen beim Spielen Probleme haben mit anderen Kindern. Dann sollen sie das uns erzählen oder dem anderen Kind direkt sagen. Sie sollen anständig und respektvoll sein.
Schätzen Sie die Zeit mit Ihren Kindern anders, weil Sie Ihren Papa früh verloren haben?
Ich nehme vielleicht gewisse Dinge anders wahr. Ich versuche, ein Vater zu sein, der ihnen viel Liebe schenkt, sie umarmt. Sie sollen merken, dass ich nicht nur der Spieler bin. Es dreht sich so viel ums Hockey, ich und sie werden darauf angesprochen. Für sie möchte ich aber der Papi sein, an dessen Schulter sie sich anlehnen und zu dem sie immer kommen dürfen. Sie sollen spüren, dass ich sie liebe.
Christian Marti spielt seit 2016 für die ZSC Lions. Der Verteidiger ist seither auch Stammspieler der Schweizer Nati und hat mit ihr zweimal WM-Silber gewonnen (2025, 2024). Als Stimmungsmacher verliest er dort vor Spielen jeweils die Startaufstellung. Der dreifache Meister mit Zürich (2018, 2024, 2025) und CHL-Sieger (2025) gewinnt mit seiner bodenständigen Art Sympathien. Der 32-Jährige ist Vater von zwei Kindern, er lebt mit seiner Frau Tenzin (37), Tochter Uma (9) und Sohn Dion (5) in Oberembrach ZH, wo Martis Familie zwei Hektare Wald ihr Eigen nennt.
Christian Marti spielt seit 2016 für die ZSC Lions. Der Verteidiger ist seither auch Stammspieler der Schweizer Nati und hat mit ihr zweimal WM-Silber gewonnen (2025, 2024). Als Stimmungsmacher verliest er dort vor Spielen jeweils die Startaufstellung. Der dreifache Meister mit Zürich (2018, 2024, 2025) und CHL-Sieger (2025) gewinnt mit seiner bodenständigen Art Sympathien. Der 32-Jährige ist Vater von zwei Kindern, er lebt mit seiner Frau Tenzin (37), Tochter Uma (9) und Sohn Dion (5) in Oberembrach ZH, wo Martis Familie zwei Hektare Wald ihr Eigen nennt.
Was ist das grösste Geschenk im Leben?
Freiheit, dass ich tun kann, was ich möchte. Wie gut es uns als Familie geht. Was ich erleben darf als Hockeyspieler. Das sind ein paar Geschenke (lacht), mein Leben macht mich glücklich.
Wie bringt man Sie zum Lachen?
Mit guten Witzen. Mich bringt man schnell zum Lachen, ich bin ein lustiger Kerl und bringe auch gern die anderen zum Lachen. Ich denke jeweils, das gelingt mir mit meinen Sprüchen, aber oft gesteht man mir, dass sie nur lachen, weil ich über meine eigenen Sprüche so lachen muss. Aber das ist mir egal.
Warum lassen Sie Ihren Emotionen so gern freien Lauf?
Das habe ich vielleicht von meiner Mutter, sie hat ab und zu auch solche Lachanfälle, und nur sie findet es lustig. Ich bin generell offen und direkt, trage das Herz auf der Zunge. Wenn mich etwas stört, sage ich das auch direkt. Ich verstelle mich nicht.
Sind Sie ein Romantiker?
Nein. Aber eher noch als meine Frau. Ich bin schlecht darin, ihr meine Wertschätzung zu zeigen. Dafür schäme ich mich beinahe, je länger desto mehr.
Womit könnten Sie Ihre Frau denn überraschen?
Das ist genau das Problem. Ich weiss es nicht, sonst würde ich es ja tun (lacht). Keine Ahnung, etwas organisieren vielleicht, mit ihr wegfahren. Das ärgert mich jetzt gerade, dass ich darin so schlecht bin.
Was denken Sie, ist das Wichtigste in jeder Beziehung?
Ehrlichkeit und Offenheit.
Warum sind Sie bei Mitspielern beliebt?
Ich weiss nicht, ob ich das bin (grinst), ist das so?
Sie verlesen in der Nati jeweils die Startaufstellung in der Garderobe, daher denke ich schon.
Das war die Idee von Fischi (Nati-Trainer Patrick Fischer, die Red.), da können mich alle anderen auch einen Idioten finden. Aber im Ernst, vielleicht weiss man bei mir einfach immer, woran man ist.
Und bei Trainern?
Einmal hatte ich einen Trainer, bei dem spürte ich, dass der mich nicht mag. Meistens schätzen Coaches aber, das sie wissen, was sie auf dem Eis von mir erwarten können und bekommen. Beliebt ist vielleicht nicht das richtige Wort dafür.
Was würden Sie im heutigen Eishockey ändern?
Manchmal wäre es angenehmer, könnte man normal mit den Schiedsrichtern sprechen. Und dass mehr Emotionen zugelassen werden. Oft habe ich das Gefühl, dass sie sofort abgestellt werden, sobald sie etwas hochkochen. Das klingt jetzt blöd, aber was ich mich schon gefragt habe: Braucht es diesen Handshake überhaupt nach jedem Match? Muss ich wirklich jedem die Hand schütteln, nachdem wir vorher gegeneinander spielten?
Wie ist es, Fans zu haben, die ein Trikot mit Ihrem Namen tragen?
Dadurch, dass ich schon länger beim ZSC spiele, gibt es vielleicht ein paar damit. Aber Stürmer, die Tore schiessen, haben sicher mehr Fans als ich als Verteidiger. Wenn ich dann einen sehe mit meinem Leibchen, kann ich es fast nicht glauben, denn ja, es ist schon ein geiles Gefühl. Als ich plötzlich auf der Strasse erkannt wurde, war das auch speziell.
Wem haben Sie mal so richtig die Meinung gesagt?
Mit Ausflippen meinen Sie? Ich weiss, wann ich es nicht gemacht habe und bereue es. Es ärgert mich immer mehr, wie wir Spieler in der Öffentlichkeit manchmal behandelt werden. Wenn man von uns erwartet, dass wir Pausenclowns sind, die die Leute unterhalten müssen. Wenn wir am Essen sind, haben wir gerne unsere Privatsphäre. Man kann anständig mit uns reden. Aber nur weil man beim Spiel war und einige Biere getrunken hat, muss man noch lange nicht das Gefühl haben, uns blöd ansprechen zu können und nach Stöcken zu fragen. Die sind übrigens auch für uns nicht gratis und jeder einzelne Stock kostet ein paar Hundert Franken. Dann werden sie noch fordernd. Diese Situation hatte ich kürzlich. Dann hörte ich noch, wie er mich beim Weggehen beschimpfte. Ich habe nichts entgegnet. Aber solchen Leuten würde auch mal gut tun, wenn man sie stellen würde.
Wer hat Sie in Ihrem Leben am meisten geprägt?
Das wird schon meine Frau sein. Seit ich 16 bin, bin ich mit ihr zusammen, also mein halbes Leben. Oh, da muss ich aufpassen, weil unsere Beziehung am Anfang geheim war. Sie ist vier Jahre älter als ich. Aber ich glaube, meine Schwiegereltern wissen das mittlerweile. Wir haben alles zusammen erlebt, sie war immer an meiner Seite.
Sind Sie ein Grübler?
Ich hinterfrage alles. Dann kann mich meine Frau aber jeweils rasch wieder beruhigen. Denn manches kann man sowieso nicht ändern. Ich habe das Glück, dass ich viel abgeben und mich aufs Hockey konzentrieren kann.
Worüber schütteln Sie im Alltag den Kopf?
Über vieles (grinst). Ich bezeichne mich schon als «Bünzli», vermutlich schüttle ich über Dinge den Kopf, wo andere Leute dann den Kopf schütteln müssen, dass ich das tue. Beim Autofahren zum Beispiel. Da kann ich mir übrigens gut vorstellen, dass man über mich den Kopf schüttelt. Manchmal schleiche ich dahin, wenn ich in Tagträumen versunken bin. Mich nerven Leute, die über Dinge jammern, aber dann nicht handeln.
Wenn Sie an Ihre Kindheit zurückdenken, was hat sich für die heutige Jugend zum Negativen verändert?
Wir sind ohne soziale Medien aufgewachsen. Influencer oder künstliche Intelligenz gabs ja gar nicht. Meine Kinder sind jetzt schon zu früh damit konfrontiert, das finde ich bitter. Im Gegensatz zu ihnen können Erwachsene einschätzen, was real und was fake ist.
Woran glauben Sie?
Meine Schwiegermutter ist Buddhistin, die glauben an Wiedergeburt. Ich bin nicht konvertiert, habe den Dalai Lama aber auch schon gesehen in Zürich. Irgendetwas Höheres wird es schon geben. Woran ich glaube, ist, dass man sich das Glück erarbeiten kann. Wenn man etwas erreichen möchte, darf man nicht das Gefühl haben, es passiert von alleine. Im Hockey braucht es manchmal etwas Glück, aber wenn man ein fauler Hund ist, hat man weniger Glück als einer, der hart dafür arbeitet.
Sind Sie nachtragend?
Ich versuche es nicht zu sein. Aber… mit jenem Fan werde ich das nächste Mal nicht mehr sprechen.
Sind Sie auf dem Eis eher verbissen oder unbeschwert?
Eher verbissen. Ich war nie so gut, als dass ich einfach ein bisschen Hockeyspielen kann, weil ich es geil finde. Ich kann nicht «kneble» so wie andere, die ihren Spielwitz rauslassen. Ich sehe mich als Hockey-Arbeiter. Für mich ist Hockey «Büez», aber das ist okay für mich.
Welcher Garderoben-Moment bleibt unvergessen?
Jeder nachdem wir Meister geworden sind. Wenn ich nur einen rauspicken müsste, dann vielleicht den, als ich als Junior zum ersten Mal in die Eins-Garderobe gelaufen bin und dort alle Stars sassen. Es gab aber auch schwierige Momente, wie bei Trainer-Entlassungen.
Haben Sie schon geweint in der Kabine?
Ja klar, nach dem letzten WM-Final in Stockholm zum Beispiel.
Welchen Rat würden Sie Ihrem jüngeren Ich geben?
Bitcoins kaufen (lacht lauthals). Keine Ahnung, im Nachhinein ist man immer gescheiter. Darum würde ich vor meinem Nordamerika-Wechsel in den Sommerferien nicht mehr Tennis spielen, denn dabei habe ich mir damals die Schulter kaputt gemacht.
Was würden Sie nie tun im Leben?
Eine Überlebenswoche alleine im Regenwald, das würde ich kaum überleben.


