Brigitte O’Dell (68) bekam kurz nach dem Einzug das Kündigungsschreiben
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Sie ist erst gerade eingezogen:«Meine Wut ist grenzenlos»

Wieder Leerkündigungen in Niederweningen ZH – 58 Haushalte betroffen
«Hier werden Träume kaputtgemacht»

Tränen und Wut in Niederweningen ZH: 58 Mietparteien müssen bis September 2027 ihre Wohnungen verlassen. Die Eigentümer planen Abriss und Neubau. Die Bewohner fühlen sich überrumpelt und klagen über zerstörte Existenzen.
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Ihre Häuser sollen abgerissen werden, die Bewohner wollen sich wehren: Spontan versammeln sich fünf Mietparteien und berichten über ihre Zukunftsängste.
Foto: Facebook

Darum gehts

KI-generiert, redaktionell geprüft
  • In Niederweningen ZH verlieren 58 Mietparteien bis 2027 ihre Wohnungen
  • Geplante Neubaumassnahme schafft 40 Prozent mehr Wohnraum, sorgt aber für Protest
  • 94 neue Wohnungen sollen entstehen, bisher sieben Mehrfamilienhäuser mit 58 Einheiten
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Sebastian BabicReporter Blick

Tränen, Protest und Zukunftsängste. Eine ganze Siedlung in Niederweningen ZH befindet sich im Ausnahmezustand. Erst vergangenen Freitag erfuhren die 58 Mietparteien, dass sie sich nächstes Jahr ein neues Zuhause suchen müssen.

Blick geht kurz nach der Hiobsbotschaft vor Ort und trifft auf Rentner und Familien, Alteingesessene und Neumieter, Schweizer und Ausländer. Während der Gespräche fliessen Tränen. «Wir haben das ganze Wochenende lang geweint», sagen mehrere Bewohner, als Blick sie antrifft. 

Alle sind überrumpelt von der Nachricht. Der Schock sitzt tief. Doch die Menschen planen nun Protest.

Auch Daniel Brugger (63), ein kantiger Mann mit klarer Meinung, ist den Tränen nah. «Gott sei Dank, seid ihr hier», entfährt es ihm, als der Blick-Reporter sich vorstellt. Nach 40 Jahren in seiner Wohnung heisst es nun: «Raus!» Bis September 2027 müssen er und seine Frau die Wohnung verlassen. Hier verbrachte er zwei Drittel seines Lebens.

Daniel Brugger (63) wohnt seit 40 Jahren in der Wohnung
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Nach 40 Jahren muss er raus:«Jetzt haben sie alles kaputtgemacht»

«Hier ist mein Zuhause. Ich zog 1987 ein, kurz nach der Fertigstellung der Häuser», erzählt er. Damals war er Mitte 20.

Vom Arbeiterquartier zum Familientraum

In den vergangenen vier Jahrzehnten hat sich die Überbauung verändert. Ursprünglich als Siedlung für die Arbeiter der Landmaschinenfirma Bucher-Guyer (heute: Bucher Industries) gebaut, haben sich die sieben Mehrfamilienhäuser am Binzacherweg zu einer lebendigen Familiensiedlung entwickelt. Die Mieten sind bezahlbar, Kinder bevölkern die Freiflächen zwischen den Häusern. Ein kleines Utopia im Zürcher Unterland.

Doch damit soll bald Schluss sein. Die Eigentümerschaft, die HIG Anlagestiftung für Handel Industrie und Gewerbe, plant einen Abriss mit Neubau. Die sieben Mehrfamilienhäuser sollen weichen. Statt bisher 58 sollen laut dem Plan der Eigentümer 94 neue Wohnungen entstehen.

Eine Sanierung lohne sich nicht, schreibt die Eigentümerschaft in ihrem Brief an die Mieter. Gegenüber Blick erklärt die Stiftung: «Die Entscheidung fiel nach umfassender Abwägung aller Aspekte zugunsten eines Neubaus, da damit rund 40 Prozent zusätzlicher Wohnraum realisiert werden können. Damit leisten wir einen substanziellen Beitrag zur Linderung der Wohnungsnot.»

Bewohner wurden überrumpelt

Was in dieser Antwort nicht berücksichtigt wird: Die Wohnungsnot, die die Menschen nun individuell erwartet. Viele Bewohner, mit denen Blick redet, wissen nicht, wohin. Familien sorgen sich, dass ihre Kinder aus dem gewohnten Umfeld gerissen werden. Die Eigentümer versprechen: «Bewohner, die nach dem Neubau wieder in der Siedlung leben möchten, erhalten Vorrang bei der Neuvergabe der Wohnungen.» Ob sie sich die neuen Mieten leisten können, ist aber mehr als ungewiss.

Mit dem Abschied hat sich die Bewohnerschaft noch nicht abgefunden. Spontan versammeln sich am Sonntagnachmittag rund zehn Personen aus der Nachbarschaft vor Bruggers Sitzplatz. Familien, Pensionierte und frisch Zugezogene gleichermassen: Alle fühlen sie sich überrumpelt.

Geschichte wiederholt sich

Brigitte O’Dell (68) hatte vor wenigen Monaten bereits in Regensdorf ZH eine Leerkündigung erlebt. Dann zog sie nach Niederweningen, wo sie jetzt schon wieder gehen muss: «Ich bin erst vor vier Monaten hier an die Strasse eingezogen.»

Jetzt fängt für O'Dell alles wieder von vorne an: «Ich mag nicht mehr umziehen. Es ist mir zu viel.» Im Gegensatz zur letzten Kündigung habe sie diese völlig unvermittelt getroffen: «Beim letzten Mal in Regensdorf gab es persönliche Gespräche und eine humane Übergangszeit von mehr als zwei Jahren.» Die aktuelle Verwaltung habe sie getäuscht, als sie hier einzog: «Hätte ich gewusst, dass auch dieses Haus abgerissen wird, hätte ich nie zugesagt.»

Brugger fühlt sich angelogen

Es ist gar noch nicht so lange her, dass für drei Häuser auf der gegenüberliegenden Strassenseite Leerkündigungen ausgeprochen wurden, auch damals berichtete Blick. Fast zeitgleich fanden Bohrungen statt, wie Brugger erzählt.

Als Brugger nachfragte, weshalb gebohrt werde, wurde er beschwichtigt. «Die Arbeiter sagten, es gehe um Altlasten und Grundwasser.» Zu diesem Zeitpunkt sei er das erste Mal hellhörig geworden. Angelogen hätten sie ihn, sagt er unumwunden: «Man hatte nie vor, diese Häuser zu erhalten.»

Ohnehin: Es sei seit 1987 nichts mehr an der Struktur der Häuser gemacht worden: «Zuerst jahrzehntelang nichts machen und dann abreissen. Man hat uns wie Zitronen ausgepresst, nur um noch ein bisschen mehr Gewinn zu machen.»

Die Zukunft ist bei allen Bewohnern noch ungewiss: «Die Wunden sind noch zu frisch. Viele haben den ganzen Freitag und Samstag geweint, weil sie sich Sorgen machen, wie es weitergeht», sagt Bruggers Partnerin: «Hier werden Träume kaputtgemacht – und unseres ist nur eines von 58 weiteren Schicksalen.»

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