Darum gehts
- Wegen einer Leerkündigung in Richterswil müssen rund 50 Menschen ihr Zuhause bis Ende September 2027 verlassen
- Viele der Betroffenen kämpfen gegen die Kündigungen, unterstützt vom Mieterinnen- und Mieterverband Zürich
- Eine ETH-Studie von 2025 zeigt: Bis zu 50 % müssen nach einer Leerkündigung ihre Gemeinde verlassen
Als Hans Stierli (85) in seine Wohnung an der Bächlistrasse in Richterswil ZH einzog, trat er auf den Balkon und blickte über den Zürichsee zur gegenüberliegenden Küste. «Es war wie in den Ferien», erinnert er sich. So schön erschien ihm die Aussicht. Jetzt, 60 Jahre später, sitzt er in der Küche seiner Nachbarin Heidi Hasler (71) und fragt sich, wie es weitergeht. «Ich kann kaum mehr richtig einschlafen. Immer ist die Frage da: Was kommt nachher?»
Niemand lebt länger in der Überbauung als er und seine Frau Ruth Stierli (81). Die Häuser wurden 1965 gebaut, ein Jahr später zog das Ehepaar ein. Die Siedlung liegt an einem grünen Hang oberhalb des Dorfkerns. Von den Balkonen aus reicht der Blick über den See bis zu den Bergen. Rund 50 Menschen wohnen in den 20 Wohnungen – vor allem Seniorinnen und Senioren. Ende September 2027 müssen sie alle ihr Zuhause verlassen.
Kündigung angefochten
Eigentümerin der Liegenschaft ist die Fundamenta Group Investment Foundation. Sie plant eine umfassende Totalsanierung und hat allen Mietparteien gekündigt. Die Zuger Anlagestiftung ist auch für weitere Leerkündigungen verantwortlich, kürzlich etwa in Zürich-Witikon.
«Denen geht es nicht um die Menschen», sagt Heidi Hasler. Sie lebt seit 1979 in der Überbauung und wohnt nach den Stierlis am zweitlängsten hier zur Miete. «Es geht nur um den Profit.»
In Haslers Küche haben sich an diesem Nachmittag neben den Stierlis auch Katharina Gubler (71) und Dorothea Leisi (78) versammelt. Gemeinsam mit weiteren Nachbarinnen und Nachbarn kämpfen sie gegen die Leerkündigung. Fast alle Mietparteien der Bächlistrasse haben diese angefochten. Unterstützung erhalten sie vom Mieterinnen- und Mieterverband Zürich.
85 Quadratmeter für 1554 Franken
Die Bewohnerinnen und Bewohner der Bächlistrasse wissen, dass sie zu Bedingungen wohnen, die am Zürichsee immer seltener werden. Katharina Gubler etwa bezahlt für ihre 85 Quadratmeter grosse 4,5-Zimmer-Wohnung 1554 Franken. «Dass ich so schön wohnen darf, ist ein Privileg», sagt sie.
Für die Rentnerin ist ein Wegzug aus Richterswil kaum vorstellbar. Hier leben ihre Tochter und ihre Enkelkinder, die sie regelmässig betreut. Sie ist fest im Dorfleben integriert, ist Mitglied im Ruderklub und in einer Gruppe für betreuende Angehörige. «Richterswil ist ein tolles Dorf. Viele Leute engagieren sich, es hat viele Vereine und einen starken Zusammenhalt.»
Auch Dorothea Leisi, die seit zehn Jahren hier lebt, möchte bleiben. «Es sind schöne Wohnungen, es fehlt an nichts», sagt die 78-Jährige. Zwar habe sie sich bereits nach etwas Kleinerem umgesehen. Fündig geworden sei sie aber nicht. «Jede Wohnung, die infrage kommt, ist teurer.» Hinzu komme, dass Vermieter ältere Bewerber oft gar nicht erst berücksichtigen würden.
Finden keine neue Wohnung
Diese Erfahrung haben auch die Stierlis gemacht. Kürzlich besichtigten sie eine 3½-Zimmer-Wohnung in Richterswil für rund 2600 Franken im Monat. Trotz des hohen Mietzinses reichten sie eine Bewerbung ein – und erhielten eine Absage. «Mit über 80 bekommt man keine Wohnung mehr», sagt Ruth Stierli. «Man ist einfach zu alt.»
Das Unverständnis über die Kündigungen ist bei den Betroffenen auch deshalb gross, weil die Häuser bereits einmal umfassend erneuert wurden. 1994 wurden Küchen, Badezimmer, Fenster und Balkone saniert. Damals konnten die Mietenden während der Renovationsarbeiten in ihren Wohnungen bleiben.
Für die Bewohnerinnen und Bewohner stellt sich deshalb die Frage, ob eine Totalsanierung mit Leerkündigung tatsächlich notwendig ist. «Das Haus schaut picobello aus», sagt Gubler. «Es fehlt an nichts.»
Sanierung in bewohntem Zustand unmöglich
Die Fundamenta Group Investment Foundation schreibt auf Anfrage, dass die Erneuerungsmassnahmen in den 90er-Jahren die Nutzungsdauer der Gebäude verlängert und die Wohnqualität verbessert hätten. Die nun geplante Sanierung sei mit den früheren Erneuerungsmassnahmen jedoch nicht vergleichbar.
Geplant sei eine umfassende Modernisierung. Erneuert werden sollen unter anderem Heizung, Leitungen, Elektro- und Sanitärinstallationen. Zudem sind energetische Verbesserungen, eine Photovoltaikanlage, Arbeiten am Dach sowie zusätzliche Balkone vorgesehen. Laut Fundamenta würden die Eingriffe so weit gehen, dass eine Sanierung im bewohnten Zustand weder «sachgerecht noch zumutbar» sei.
Laut Baugesuch investiert die Fundamenta rund fünf Millionen Franken in den Umbau. Die Frage, in welchem Preissegment die sanierten Wohnungen sich bewegen werden, liess sie unbeantwortet.
Verdrängung in Zürichsee-Region
Die Betroffenen hoffen trotz Kündigung auf Verhandlungen. Mit den Eigentümern, aber auch mit der Gemeinde. Viele von ihnen haben sich bereits für eine Genossenschaftssiedlung in Richterswil für Menschen über 60 Jahre angemeldet. Doch diese soll voraussichtlich erst 2030 fertiggestellt werden. Deshalb wollen sie vor allem eines: mehr Zeit.
Der Fall an der Bächlistrasse ist kein Einzelfall. Eine ETH-Studie von 2025 zeigt, dass in den Zürichsee-Gemeinden besonders viele Menschen von Verdrängung betroffen sind. Zudem müssen laut der Studie bis zur Hälfte der von Leerkündigungen Betroffenen ihre Gemeinde verlassen, weil sie vor Ort keine bezahlbare Wohnung mehr findet.
Dem Mieterinnen- und Mieterverband Zürich bereitet diese Entwicklung Sorgen. Der Verband, der mit der kantonalen Wohnschutz-Initiative, über die am 14. Juni abgestimmt wird, gegen Leerkündigungen vorgehen will, weist darauf hin, dass viele Wohnhäuser in den Seegemeinden aus der Zeit vor 1990 stammen. In Richterswil, Stäfa, Männedorf und Meilen machen sie laut Verbandsangaben mehr als ein Fünftel aus, in Wädenswil, Thalwil und Zollikon sogar mindestens 30 Prozent. Der Verband befürchtet deshalb, dass es bei zahlreichen dieser Liegenschaften in den kommenden Jahren zu ähnlichen Sanierungen und Leerkündigungen kommen könnte.
Die Kündigung hat die Menschen an der Bächlistrasse enger zusammengebracht. Früher habe man vor allem die Nachbarn im eigenen Haus gekannt, sagt Katharina Gubler. Heute würden sich die Bewohnerinnen und Bewohner der gesamten Überbauung austauschen und einander bei der Wohnungssuche unterstützen. Trotz der widrigen Umstände werden sie bald zusammen den Geburtstag einer Nachbarin feiern.
«Das ist eigentlich das einzige Gute an dieser Geschichte», sagt Gubler. «Wir sind zu einer Schicksalsgemeinschaft geworden.» Eine, die jetzt auseinandergerissen wird.