Warum bei Sanierung alle Mieter rauswerfen?
Sie lebt auf einer Baustelle, statt auf der Strasse zu stehen

Ein Wohnblock in Zürich-Wollishofen wurde in den letzten fünf Jahren etappenweise saniert. Statt alle Mietparteien rauszuwerfen, liess die Verwalterin sie darin wohnen. Wie das geht, und warum die Eigentümerinnen sich in der Verantwortung sehen. Blick war vor Ort.
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Foto: Raphaël Dupain

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Es ist ein sonniger, warmer Frühlingsmorgen Anfang März. Während in den Vorgärten der umliegenden Wohnhäuser die ersten Krokusse und Tulpen aus dem Boden schiessen, ist es rund um den Wohnblock an der Studackerstrasse in Zürich-Wollishofen karg. Noch spriesst hier nichts aus der Erde – der einst üppige Garten rund um den Sitzplatz des Wohnhauses wurde letzten Herbst dem Erdboden gleichgemacht. Die Sanierungsarbeiten am Haus haben Spuren hinterlassen. Nicht nur am Gebäude selbst. Auch bei den Mieterinnen und Mietern. «Der Dreck und Staub von der Baustelle war teilweise überall», sagt die Mieterin Ursina Kuster (48).

Am Wohnblock mit Baujahr 1930 musste in den letzten fünf Jahren einiges gemacht werden. Er bekam ein neues Dach, eine Solaranlage und eine Erdsondenheizung. Zudem haben die Eigentümerinnen die Wärmedämmung verbessert und die zentrale Warmwasserverteilung erneuert. Die Besitzer der Liegenschaft, eine Erbengemeinschaft, haben sich bewusst dazu entschieden, diese Arbeiten in bewohntem Zustand vorzunehmen.

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«Wer Wohnraum besitzt und vermietet, trägt eine soziale und ökologische Verantwortung», sagt Olivia Romanelli, die die Liegenschaft für die Erbengemeinschaft verwaltet.
Foto: Raphaël Dupain

Für die Mieterinnen und Mieter heisst das: Anders als aktuell vielerorts in Zürich wurden hier keine Leerkündigungen ausgesprochen. Alle Bewohnerinnen und Bewohner – insgesamt sind es acht Parteien – dürfen bleiben.

«Wir sind sehr froh, dass wir hier bleiben können»
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Mieterin Ursina Kuster:«Wir sind sehr froh, dass wir hier bleiben können»

«Lärm war ohrenbetäubend»

Eine davon ist Kuster. Die Lehrerin und Schulleiterin lebt mit ihrem Mann seit neun Jahren in der Liegenschaft beim Wollishoferplatz. Sie hat die Sanierungsarbeiten hautnah mitbekommen. «Der Lärm war teilweise ohrenbetäubend», sagt Kuster zu den Bohrungen, die für die Erdsondenheizung durchgeführt werden mussten.

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«Der Lärm war teilweise ohrenbetäubend», sagt die Anwohnerin Ursina Kuster (47) zu den Bohrungen für die Erdsondenheizung ihrer Liegenschaft.
Foto: Raphaël Dupain

«Als die Solaranlage installiert wurde, hatten wir vor dem Fenster ein Baugerüst, das uns viel Tageslicht nahm», so Kuster. Auch der ständige Staub und Dreck an den Scheiben und auf dem Balkon machten Kuster zuweilen zu schaffen. «Das alles nahmen wir jedoch gerne in Kauf, weil wir dafür hier wohnen bleiben durften», sagt Kuster.

Leerkündigung wird zum Standard

Der Mieterin ist bewusst, dass das Vorgehen der Eigentümerschaft – in diesem Fall eine Erbengemeinschaft – ein Ausnahmefall ist. Der gängige Weg, eine Liegenschaft zu sanieren, ist ein anderer: Gerade in der Stadt Zürich ist die Leerkündigung zum Standard geworden. Das heisst: Alle Mieter müssen raus. So auch im Hausteil direkt neben Kuster, der ebenfalls saniert wird, aber von einem anderen Besitzer. Der Hausteil steht leer, acht Mietparteien mussten ihr Zuhause verlassen.

Eine Leerkündigung hat für die Eigentümerschaft viele Vorteile. Statt einer Sanierung in Etappen kann sie eine Totalsanierung auf einen Schlag vornehmen. Das spart Zeit und Geld. Der andere, grosse Vorteil: Bei der Neuvermietung der Wohnungen können die Vermieter mit dem Mietzins rauf.

«Wer Wohnraum besitzt, trägt soziale Verantwortung»

Olivia Romanelli (51), die die Liegenschaft für die Erbengemeinschaft verwaltet, erklärt, warum sie anders vorgeht als die meisten. «Wer Wohnraum besitzt und vermietet, trägt eine soziale und ökologische Verantwortung», sagt Romanelli, die auch im Vorstand von Casafair ist. Der Verband macht sich für umweltbewusste und faire Eigentümerinnen und Eigentümer stark. «Die Eigentümerinnen wollten eine Leerkündigung ganz bewusst umgehen.»

Viele der Mieterinnen und Mieter seien schon seit Jahrzehnten im Haus – eine Anwohnerin sogar schon seit 60 Jahren. «Sie bezahlt einen entsprechend tiefen Mietzins», so Romanelli. Nur bei einem Mieterwechsel habe man die Miete jeweils etwas nach oben angepasst.

Mietzins steigt leicht

Dieses Jahr werden die teils sehr tiefen Mieten deshalb erstmals leicht nach oben angepasst. Für die Sanierungsarbeiten der letzten fünf Jahre hat die Erbengemeinschaft rund eine halbe Million Franken investiert. «Es ist an der Zeit, dass wir eine Kostenmiete berechnen», sagt Romanelli. Das heisst: Die Mieteinnahmen müssen die anfallenden Kosten für den Unterhalt und die Finanzierung des Hauses decken. Es geht dabei also nicht um Profitmaximierung.

«Wir haben dafür mit den einzelnen Mietparteien das Gespräch gesucht», sagt Romanelli. Die Mietzinserhöhung ist vor allem für jene einschneidend, die schon länger im Haus sind. «Wir finden eine Lösung, auch für Anwohner mit kleinem Budget», so Romanelli.

Kuster bezahlt die Mieterhöhung gerne – sie will noch so lange wie möglich hier wohnen bleiben. Sie weiss: «Einen Vermieter, der seine soziale Verantwortung wahrnimmt, findet man nicht so schnell wieder.»

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