Darum gehts
- 33 Mietparteien in Zumikon ZH verlieren Ende März 2027 ihre Wohnungen
- Familien finden nichts Vergleichbares in der Umgebung
- Rundum entstehen neue, teure Miet- oder Eigentumswohnungen
In Zumikon ZH, etwa 200 Meter oberhalb des rechten Zürichseeufers, hat sich der Nebel an diesem kalten Mittwochmorgen gerade gelichtet. Die Sonne scheint über dem Zürcher Nobelwohnort und macht die vielen Bauprofile und Kräne sichtbar. Zwischen Dorfstrasse und Farlifangstrasse ragen sie in den Himmel.
Vier Überbauungen sollen hier abgerissen werden. 33 Mietparteien haben im September die Leerkündigung erhalten. Spätestens in etwas mehr als einem Jahr, Ende März 2027, müssen alle raus. Etwas Neues soll entstehen – im Namen der Verdichtung. Sind die Liegenschaften einmal abgerissen, gibt es dort fast doppelt so viele Mietwohnungen wie bisher.
Der Preis für die Verdichtung: Zahlreiche Familien, Einheimische, Seniorinnen und Senioren verlieren ihr Zuhause. Viele von ihnen wissen nicht, wohin. Blick führte etliche Gespräche mit Betroffenen. Alle wollen reden, den Namen aber nicht veröffentlicht sehen. «Für Familien ist hier nichts mehr zu finden», sagt Andreas M.* (45). Er wohnt mit Partnerin und Kindern seit sechs Jahren in einer der betroffenen Liegenschaften. Für die 6-Zimmer-Wohnung mit Hobbyraum bezahlen sie rund 3200 Franken, ohne Nebenkosten. «Es ist illusorisch zu glauben, dass wir in Zumikon noch einmal etwas Vergleichbares finden», sagt M.
Eigentümer will Baupotenzial realisieren
Die vier Liegenschaften stammen aus den 60er-Jahren. Sie gehören der Zürcher Anlagestiftung Assetimmo. Laut dem Verwalter Privera haben «viele Bauteile ihre Lebensdauer erreicht oder überschritten». Nach eingehender Prüfung der Bausubstanz sei die Hauseigentümerin zum Schluss gekommen, dass eine Sanierung nicht nachhaltig umgesetzt werden könne. Deshalb werden die Gebäude durch Neubauten ersetzt. «Mit diesen kann auch das bauliche Potenzial realisiert werden», so Privera auf Anfrage von Blick.
Für die Betroffenen sind diese Aussagen unverständlich. Die Wohnungen seien zwar nicht neu, aber noch gut in Schuss. «Auch das Bad und die Küche sind in einem guten Zustand», sagt eine Anwohnerin, die anonym bleiben möchte.
Einheimische werden verdrängt
Familienvater M. ist in Zumikon aufgewachsen. Seine Kinder gehen hier zur Schule. Die Familie will in der Gemeinde bleiben. «Wir sind hier verwurzelt, die Kinder haben hier ihre Hobbys, ihre Freunde», sagt M. Er und seine Frau arbeiten in Zürich. «Schon das zweite Mal stellt eine Leerkündigung unser Leben auf den Kopf», klagt er. «Es ist verrückt. Wir verdienen ja nicht schlecht – und trotzdem können wir uns hier nichts mehr leisten.»
Einige der betroffenen Mietparteien haben andernorts bereits etwas Neues gefunden und sind ausgezogen. «Für Familien ist das deutlich schwieriger», sagt M.
Zum einen, weil nur wenige Wohnungen mit 5,5 oder mehr Zimmern ausgeschrieben sind. Zum anderen, weil die Mietpreise für grössere Wohnungen oft das Budget der Familie sprengen. Ein weiteres Problem: «Um uns herum wird zwar überall gebaut, doch es entstehen fast nur Eigentumswohnungen», sagt M.
Nur wer Geld hat, kann bleiben
Bezahlbarer Wohnraum für Familien? Fehlanzeige. Das zeigt der Blick auf die Baustelle direkt neben der Wohnsiedlung. 14 Eigentumswohnungen sind dort im Bau. Kosten: 4 Millionen Franken für eine 5,5-Zimmer-Wohnung mit 205 Quadratmeter Wohnraum. Das macht 19'460 Franken pro Quadratmeter. Hinter dem Neubauprojekt steckt der Zürcher Luxusimmobilienentwickler Xania. Dessen Geschäftsmodell: Der Entwickler kauft in die Jahre gekommene Immobilien an bester Lage, um sie zu hochpreisigen Wohnungen der Extraklasse umzubauen.
Was hier entsteht, ist Wohnraum für vermögende Familien und Expats. Geringverdiener und der Mittelstand müssen weichen. Wie hoch die Mieten der neuen Überbauung sein werden, ist laut Privera noch nicht bekannt. Sicher ist: höher als die aktuellen. Denn der neue Mietzins werde dem orts- und quartierüblichen Niveau angepasst.
M. sucht seit vier Monaten nach einer neuen Bleibe. Mit wenig Erfolg: «Bis jetzt konnten wir uns auf eine Wohnung bewerben», sagt der Familienvater. Eine Rückmeldung haben sie nie erhalten. Die Leerkündigung will das Paar anfechten. Der Termin vor der Schlichtungsbehörde steht bereits. Aber M. macht sich keine grossen Hoffnungen. «Wir können vielleicht etwas mehr Zeit rausholen, mehr nicht.»
* Name geändert