Darum gehts
- Eine Seilbahngondel stürzte am Mittwoch in Engelberg ab
- Untersuchungen zeigen mögliche Kollision mit Mast
- Windspitzen erreichten an exponierten Lagen in der Region bis zu 130 km/h
Nach dem Seilbahn-Unglück in Engelberg OW sitzt der Schock tief. Eine 61-jährige Frau aus der Region verlor beim Absturz einer Seilbahngondel am Titlis ihr Leben. Noch ist unklar, wie es zum tragischen Unfall kam.
Verschiedene Faktoren könnten das Unglück beeinflusst haben, die Theorien gehen auseinander.
Die Klemme
An der Pressekonferenz am Mittwoch hatte Norbert Patt, CEO der Titlis Bergbahnen, noch gesagt, dass die Klemme der Gondel beim Unfall eine wichtige Rolle gespielt habe. Das Bauteil befestigt die Gondel am Seil. Doch bei dem Unglück in Engelberg löste sich laut Patt eben diese Klemme. Mittlerweile sehen die Titlis Bergbahnen die mögliche Ursache bei den Wetterverhältnissen, wie Mediensprecher Fabian Appenzeller am Freitag gegenüber Blick erklärt.
Was genau mit der Klemme passiert ist, untersucht die Schweizerische Sicherheitsuntersuchungsstelle (Sust) nun. Wie Untersuchungsleiter Philippe Thürler am Freitag gegenüber Blick bestätigt, sei die Spurensicherung nun abgeschlossen. «Jetzt werden die Daten der Bahnsteuerung, der Windmessungsanlage und die Videoaufzeichnungen ausgewertet. Auch die Klemme und die Aufhängung der Gondel werden nun zerlegt und analysiert.» Die Sust ermittle dabei in alle Richtungen.
Doch es gibt bereits eine Entwarnung: Im Fall von Engelberg geht die Sust nicht von einem systematischen Problem beim betroffenen Klemmentyp aus. So entdeckte die Sust im Jahr 2021 mangelhaft schliessende Klemmen bei 52 Bahnen in der Schweiz. Doch die nun verunglückte Gondel sei mit einem anderen, neueren Klemmentyp befestigt gewesen, so Thürler.
Deshalb sieht die Sust auch keinen Anlass für Sofortmassnahmen in Bezug auf den nun verunglückten Seilbahntyp. Die Seilbahnanlage am Titlis wird nicht generell geschlossen, abgesehen von der Strecke Trübsee-Stand laufen alle Bahnen im Normalbetrieb. Auch die Gondelbahn von Engelberg zum Gebiet Trübsee fährt im Normalbetrieb. Laut Angaben auf der Webseite handelt es sich um das gleiche Modell mit Baujahr 2015 wie das der verunglückten Gondel.
Stürmischer Ostwind
Bis zu 130 km/h sollen die Windspitzen in der Region an exponierten Lagen laut Meteo Schweiz am Mittwochvormittag erreicht haben. An exponierten Stellen, etwa an den Seilbahnstützen, messen Sensoren die aktuelle Windstärke sowie die Windrichtung, erklärte Claudio Tscharner, Inhaber einer Firma für Seilbahnsteuerungen, gegenüber Blick. Die Bediener entscheiden dann, inwiefern die Bahn noch fahren darf.
Das bestätigte auch Fabian Appenzeller von Titlis Bergbahnen gegenüber Blick: «Ab 40 km/h spricht man in der Regel von einer Windwarnung, bei höheren Geschwindigkeiten (je nach Anlage ca. 60 km/h und mehr) von einem Windalarm. Die genauen Werte sind anlagenspezifisch.»
Die Windstärke sei jedoch für die Region nicht aussergewöhnlich hoch gewesen, meinte Roger Perret, Meteorologe bei Meteo News, zu Blick. Doch: Aussergewöhnlich sei eher, dass der stürmische Wind von Osten gekommen sei. «Solch stürmischer Ostwind ist seltener, wir haben viel häufiger stürmischen Westwind», sagte er.
Den Einfluss der Wetterverhältnisse untersucht die Sust auch. Die Sust geht in Anbetracht der Spuren von einem Zusammenstoss zwischen der Klemme und der Rollenbatterie an einem Mast aus. Das Seil wird über diese Rollen geführt. Der Grund für den Zusammenstoss wird laut Thürler jedoch noch untersucht.
Arno Inauen, der CEO von Garaventa, der Herstellerin der Gondeln, gab gegenüber Blick jedoch bereits eine Tendenz ab: «Nach aktuellem Kenntnisstand wurde das betroffene Fahrzeug durch eine unerwartet kräftige Böe so stark ausgelenkt, dass es mit einer Stütze kollidierte und in der Folge vom Seil gerissen wurde.» Auch die Titlis Bergbahnen kommunizieren am Freitag diese Darstellung.
Betriebsablauf
Neben den Wetterverhältnissen behandeln die Untersuchungen der Sust auch die Betriebsabläufe. Der Verwaltungsratspräsident der Titlis Bergbahnen und FDP-Ständerat, Hans Wicki, erklärte gegenüber Blick, dass sich die Mitarbeiter wegen des starken Windes am Mittwochmorgen entschieden, die Bahn abzustellen. Zum Zeitpunkt des Unfalls waren bereits keine Passagiere mehr in den Gondeln aufwärts gefahren.
In gedrosselter Geschwindigkeit wurden die Gondeln in Sicherheit gebracht und abgehängt. Ausgerechnet während dieses Vorgangs sei es zum Unfall gekommen, so Wicki. Die Mitarbeitenden hätten aber nach dem aktuellen Kenntnisstand richtig gehandelt, sagte der Verwaltungsratspräsident.
Doch wie steht es um Betriebskontrollen? Das BAV überwacht Unternehmen mit einer Bundeskonzession «risikoorientiert und stichprobenartig», hiess es auf Blick-Anfrage. Betriebskontrollen würden jedoch nur zusätzlich bei einzelnen Anlagen durchgeführt. Bei den Titlis-Bergbahnen sei dies zuletzt 2024 bei einer Anlage geschehen – «aber nicht bei derjenigen, bei welcher am Mittwoch der Unfall passiert ist».