Darum gehts
- In Engelberg OW stürzte eine Gondel ab, eine Frau starb
- Ursache könnte ein Versagen der Seilbahnklemme gewesen sein
- 2012 wurden Klemmen von 52 Seilbahnen als sicherheitskritisch eingestuft
Die Bilder des Unglücks in Engelberg OW sind erschreckend: Eine abgestürzte Gondel donnert den Hang hinunter, überschlägt sich dabei mehrfach. Die Gondel hatte sich bei starkem Wind bei einer Seilbahn im Skigebiet gelöst.
Am Nachmittag dann die traurige Gewissheit: Der Unfall hat eine Person das Leben gekostet. Opfer ist eine 61-jährige Frau aus der Region.
Wie kann es im Seilbahnland Schweiz zu solch einem Unfall kommen?
Norbert Patt, CEO Titlis Bergbahnen, erklärte an der Pressekonferenz kurz nach dem Unglück ein Bauteil, das beim Unfall eine wichtige Rolle gespielt hat: die Klemme. Der Titlis-CEO sagt: «Die Gondel ist mit einer sogenannten Klemme am Seil befestigt, und diese Klemme hat sich gelöst. Über die genaue Ursache und die Hintergründe können wir momentan jedoch noch keine Angaben machen.»
Die Klemme öffnet und schliesst sich bei jeder Ein- und Ausfahrt der Gondel in die Station. Sie kuppelt die Gondel am Förderseil fest. Entsprechend gut überwacht ist der Vorgang.
Es gab schon öfter Probleme
Doch die Klemme ist auch ein Bauteil, das bei Seilbahn-Unglücken in der Vergangenheit immer wieder eine unrühmliche Rolle spielte.
Im Jahr 2021 stellte die Schweizerische Sicherheitsuntersuchungsstelle (Sust) den Klemmen von 52 Bahnen im Land ein schlechtes Zeugnis aus. Das Magazin «Saldo» berichtete über den Fall. Die Klemmen der betroffenen Bahnen würden nur schlecht schliessen, hiess es. Die Sust sprach die Empfehlung aus, dass die Bahnen nicht mehr fahren dürften, solange die Klammern nur schlecht schliessen. Die Bahnen sollten beim Bundesamt für Verkehr Nachweise über die Funktion der Klammern erbringen.
Das Bundesamt für Verkehr reagierte damals zurückhaltend. Das Amt sah in erster Linie die Bahnen in der Pflicht: «Die Verantwortung für einen sicheren Betrieb der Seilbahnen trägt grundsätzlich der Betreiber.»
Mehrere Seilbahnen vermeldeten, sie würden sich an neue Sicherheitshinweise von Doppelmayr Garaventa halten, die Klemmen seien daher sicher. Auch die Titlis Bergbahnen verwenden Klemmen dieses Herstellers.
Immer wieder Unfälle
Defekte Klemmen führten immer wieder zu Unfällen. Im Januar 2024 kam es wegen Problemen mit der Klemme zu einem Unfall in Visperterminen VS, wie der «Walliser Bote» damals berichtete. Ein Sessel eines Sessellifts rutschte ab und knallte in den vorderen Sessel. Zwei Personen wurden verletzt. Wegen des Vorfalls mussten 88 Sessellifte überprüft werden.
Auch in Österreich sorgten defekte Klemmen schon für schwere Unfälle. 2023 löste sich deswegen ein Sessel im Zillertal. Eine Familie wurde dabei teils schwer verletzt.
Am 11. Februar 2016 stürzte ein leerer Vierersessel am Flumserberg ab. Verletzt wurde niemand. Die Sust schrieb in ihrem Abschlussbericht: «Der Absturz des Sessels ist auf ein Klemmversagen der Klemme zurückzuführen.»
Schwachpunkt Klemme
Warum sich im Fall der Titlis Bergbahnen die Gondel vom Seil gelöst hat, kann auch Seilbahnexperte Reto Canale im Moment nicht mit Sicherheit sagen. Er hält aber fest: «Die Klemme ist ein zentrales Teil einer Seilbahn und eines, das stark beansprucht wird.»
Konkret: «Solche Kuppelvorgänge kommen pro Tag in der Schweiz millionenfach vor. Normalerweise hat man das auch gut im Griff», sagt der Experte. «Theoretisch wäre es möglich, dass eine Klemme bricht. Das ist aber sehr unwahrscheinlich», so Canale.
Hat das Prüfsystem versagt?
Er sieht ein mögliches Problem eher beim Kuppelvorgang. «Nach jedem Kuppelvorgang prüft ein System, ob die Klemmkraft passt. Das heisst, es wird gemessen, ob die Gondel fest mit dem Förderseil verbunden ist», sagt er. Merkt das System, dass die Klemme nicht richtig zu ist, stoppt die Bahn sofort.
Funktioniert dieses Prüfsystem aber nicht richtig, kann es sein, dass eine Gondel die Station verlässt, die nur ungenügend mit dem Seil verbunden ist. «Theoretisch könnte es sein, dass diese sogenannte Klemmenkraftprüfung in Engelberg nicht korrekt funktioniert hat», sagt der Experte. Denkbar wäre aber auch, dass die Gondel an einer Stütze angehängt hat und deshalb die Klemme vom Seil gerissen wurde.
Grundsätzlich stellt Canale dem System ein gutes Zeugnis aus. «Aber bei jeder Seilbahnfahrt gibt es ein Restrisiko und es ist natürlich sehr tragisch, wenn ein Systemversagen ein Menschenleben fordert», fügt er hinzu.
Was genau in Engelberg passiert ist, muss nun die Untersuchung der Sust zeigen. Deren Experten waren nach Blick-Informationen am Mittwoch bereits vor Ort. Die Klemme der abgestürzten Gondel wurde ebenfalls abtransportiert.