Darum gehts
- 40 Menschen starben bei Brand in Bar «Le Constellation» Crans-Montana
- Lupo Guagliumi sucht verzweifelt nach seinen Freunden aus Mailand
- 119 Verletzte kämpfen um ihr Leben, Identifikation der Opfer läuft
Schweigend stehen die jungen Frauen und Männer um die Blumen und Kerzen am Boden. Die Hände ineinander gefaltet, pendelt ihr Blick zwischen der abgedeckten Bar «Le Constellation» und dem Meer aus Kerzen und Blumen. «Unsere Herzen sind mit euch», «Es tut mir so leid», «Mein tiefstes Beileid» schrieben die Trauernden am Freitag auf kleine Zettel und hängten sie an einen kleinen Tannenbaum im Topf. Ein Schal des FC Porto liegt am Boden.
Es ist der zweite Abend nach der Brand-Tragödie von Crans-Montana VS. Einige der Anwesenden kehren das erste Mal zurück. Zurück an den Ort, den sie in der Silvesternacht flüchtend verliessen. Heute ist klar: 40 Menschen starben im Feuer, über 119 Menschen wurden verletzt, viele kämpfen im Spital um ihr Leben. Wer sie sind und wo sie sind, ist Gegenstand der laufenden Identifikation durch die Behörden.
Am Kreisel, fünfzig Meter von der Bar «Le Constellation» entfernt, im Eingang zu einem Kleidergeschäft, steht ein Tisch mit Teelichtern und Zündhölzern. «Bedienen Sie sich», schrieb jemand. Mael-Sean Schmidt (17), sein Bruder und sein Cousin bedienen sich. Vorsichtig tragen sie das Kerzenlicht in einer Hand zum Strassenrand. In der anderen Hand tragen sie einen Drink.
Trauer im Schatten der Scheinwerfer
Die Party ist längst vorbei und wird so schnell nicht zurückkehren. Schmidt wuchs in Crans-Montana auf. Er verbrachte den Silvester mit Freunden bis kurz vor dem Inferno in der Brand-Bar, wechselte dann aber in den Mexikaner nebenan. Er sagt: «Ich fühle mich im Fiebertraum. Diese surreale Realität kann ich nicht verstehen.»
Was mit seinen Freunden passiert ist, wo sie sind und wie es ihnen geht, weiss der 17-Jährige noch nicht. Seine Gedanken um das Wohl seiner Freunde lässt ihn nicht schlafen, nicht essen – die Ungewissheit lähmt. Er sagt: «Zum Glück wird niemand von unserer Schule vermisst, aber viele Freunde… das bricht mir mein Herz.» Mael-Jean kämpft mit den Tränen, will sich abschotten, nicht daran denken, doch es fällt ihm schwer.
Junge Frauen aus Crans-Montana nehmen sich in den Arm, trösten sich. Sprechen können und wollen viele nicht. Ihre Tränen tropfen auf den Strassenboden.
Eigentlich wäre Hochsaison
Zu dieser Jahreszeit wären die Menschen im Dorf normalerweise euphorisch, ausgelassen. Um die Festtage steckt die Walliser Berggemeinde in der Hochsaison. Touristen aus der Schweiz und dem Ausland reisen fürs Skifahren, Feiern und Erholen hierhin. Die Strassen, Pisten und Restaurants sind dann gefüllt.
Laure (36) und ihr Partner Ken (35) verbringen Weihnachten und Neujahr jedes Jahr im «Paradies auf Erden», wie sie Crans-Montana nennen. Die beiden Schweizer besuchen mit ihren kleinen Kindern Laures Mutter, die im Dorf lebt.
Ein Disneyland der Alpen
Vieles, was Crans-Montana ausmachte, bleibt seit der Tragödie aus. Die Gäste weilen zwar im Dorf, doch auf den Strassen herrscht traurige Leere. Crans-Montana sei ein Ort des Friedens. «Alles, was man in der Stadt hat, gibt es auch hier, ausser die Kriminalität», sagt Laure.
Eltern müssen sich hier «eigentlich» keine Sorgen um ihre Kinder machen. «Sie können sich frei bewegen und ihren Spass haben – wie im Disneyland», erzählt Laure. Sie selbst verbrachte ihre Teenie-Zeit oft im «Le Constellation». Ken schaute während der Ferien dort Fussball.
Trauriger Teddy
Im Blumenmeer entdecken sie einen Teddybären. «Die Geschichte hinter diesem Teddybären und den Kerzen schmerzt zutiefst», sagt die Genferin. Sie selbst kennen die Verstorbenen oder Verletzten nicht. In Gedanken an all die Menschen wollten sie vorbeischauen und sich der Trauer anschliessen.
Ratlos läuft ein junger Italiener umher. Lupo Guagliumi (15) weiss nicht, was er tun soll. Er wartet auf Informationen zum Zustand seiner Freunde. «Knapp 20 Freunde von mir hatten nicht das Glück, das mich in dieser Nacht begleitete – sie waren in der Bar», erzählt der Mailänder. Der Junge wirkt in sich gekehrt, ruhig, sentimental.
Lupo wollte seine Ferien hier verbringen, wollte mit seinen Freunden feiern. Stattdessen steht er hier mit Fragen und Sorgen. Er sagt, fünf seiner Freunde seien im Spital und würden demnächst nach Mailand verlegt. Vom restlichen Dutzend fehlt bisher jede Spur. «Leben Sie? Wie geht es ihnen?», fragt er und zeigt seinen Nachrichtenverlauf. Unzählige Nachrichten verschickte er an Kolleginnen und Kollegen. «Gute Besserung», schrieb er, gefolgt von drei Herzen. «Ich denk an dich.» «Wo bist du?» Auch knapp zwei Tage nach der Tragödie werden die Nachrichten nicht empfangen.