«Nachts warte ich darauf, dass ein Feuer ausbricht»
2:52
Crans-Montana-Opfer Roze (18):«Nachts warte ich darauf, dass ein Feuer ausbricht»

Italiener gehen auf die Walliser Retter los – Mutter von Brandopfer Trystan begrüsst Untersuchung
«Recht so! Darauf habe ich nur gewartet»

Nach dem Brand in der Bar Le Constellation in Crans-Montana VS geraten nun offenbar die Rettungskräfte ins Visier der Justiz. Opferanwälte beklagen fehlende Ausrüstung und mögliche Fehler bei der Triage der Verletzten. Die Reaktionen sind gemischt.
Kommentieren
1/7
Die Ermittlungen zum Inferno von Crans-Montana befassen sich nun auch mit dem Vorgehen der Rettungskräfte.
Foto: zVg

Darum gehts

KI-generiert, redaktionell geprüft
  • Strafuntersuchung gegen Walliser Rettungskräfte eingeleitet
  • Opferanwälte kritisieren fehlende Ausrüstung und falsche Triage-Einschätzungen
  • Bis zu vier Stunden Verzögerung bei Spitaleinlieferung laut Berichten
RMS_Portrait_AUTOR_814.JPG
Martin MeulReporter News

Der nächste Knall im Drama von Crans-Montana VS. Bislang galten sie als Helden, als Retter in der Not, die alles getan haben, um den Opfern des Infernos in der Bar Le Constellation zu helfen: die Einsatzkräfte der Kantonalen Walliser Rettungsorganisation (KWRO).

Doch nun zieht ein Sturm auf: Die Walliser Staatsanwaltschaft hat offenbar eine Strafuntersuchung gegen die Rettungskräfte eingeleitet. Italienische Medien hatten zuerst darüber berichtet, allen voran die Zeitung «La Stampa». Die Reaktionen darauf fallen sehr unterschiedlich aus. 

Massive Vorwürfe

Der Druck kommt einmal mehr aus Italien. Opferanwalt Fabrizio Ventimiglia vertritt die Familie einer 15-jährigen Studentin, die bei dem Inferno verletzt wurde. 

Ventimiglia macht den Walliser Rettern schwere Vorwürfe und hat eine entsprechende Klage eingereicht. Es habe an grundlegender Ausrüstung gefehlt: Zu wenig Tragbahren, zu wenig Rettungsdecken und teilweise hätten sogar sofort verfügbare Sauerstoffflaschen gefehlt.

Diese Mängel hätten gemäss dem italienischen Anwalt möglicherweise den Gesundheitszustand einzelner Betroffener verschlimmert.

Zudem habe es Fehler bei der Beurteilung der Verletzungen der Opfer gegeben, so Ventimiglia. Ein Schweizer Opferanwalt sagt dazu gegenüber Blick: «Es besteht die Möglichkeit, dass die Schwere der Verbrennungen bei einigen Opfern falsch eingeschätzt wurde. Offenbar ist es bei grosser Hitze möglich, massive Nervenschäden davonzutragen, ohne dass die Haut entsprechende Merkmale aufweist.» Das habe mutmasslich dazu geführt, dass Verletzte bei der Triage falsch klassifiziert wurden und erst mit grosser Verspätung ins Spital kamen. Die Rede ist von einer Verzögerung von bis zu vier Stunden!

Geteilte Meinungen

Aufgrund dieser Vorwürfe soll die Walliser Staatsanwaltschaft nun ein separates Verfahren gegen die Retter eröffnet haben – offiziell wurde dies jedoch noch nicht bestätigt. Die mögliche Untersuchung polarisiert. Ein weiterer Schweizer Opferanwalt schreibt auf Anfrage von Blick: «Ich habe keinerlei Beschwerden über die Rettungskräfte, die in der Unglücksnacht ausserordentlich effizient gearbeitet haben.»

Ganz anders sieht das die Mutter von Trystan Pidoux (†17), der bei dem Inferno ums Leben kam. Vinciane Stucky sagt zu Blick: «Recht so! Darauf habe ich nur gewartet.»

Stucky fragt sich, inwieweit die Opfer gestorben sind, weil sie keinen Sauerstoff bekommen haben. Sie sagt: «Das verfolgt mich. Tristan ist nicht verbrannt. Tristan ist gestorben, weil er durch den Rauch vergiftet wurde.»

Die Mutter denkt darüber nach, ob man Tristan, der ohnmächtig oder im Koma dalag, hätte retten können, wenn die Rettungskräfte angemessen ausgerüstet gewesen wären. «Ich finde, das ist von entscheidender Bedeutung. Deshalb finde ich das Verfahren absolut legitim», sagt Stucky.

Walliser Rettungsorganisation weiss von nichts

Die Kantonale Walliser Rettungsorganisation um Direktor Fredy-Michel Roten nimmt am Donnerstagnachmittag gegenüber Blick zu den Vorwürfen Stellung. «Zum jetzigen Zeitpunkt haben wir keinerlei Kenntnis von einer Beschwerde, die gegen unsere Organisation eingereicht worden wäre», heisst es in einer Mitteilung.

«
«Die Bewältigung des Ereignisses stützte sich auf kompetente Einsatzkräfte und bewährte Verfahren für solche Situationen.»
KWRO
»

Angesichts des dramatischen Ereignisses mit zahlreichen Opfern seien die Einsatzstärke in kürzester Zeit entsprechend dimensioniert worden. «Dieses Dispositiv sieht exakt eine solche schrittweise Verstärkung durch zusätzliche Einsatzmittel vor, um die operative Reaktion kontinuierlich an die dynamische Lage anzupassen. Dies wurde vor Ort gewissenhaft und methodisch umgesetzt», so die KWRO weiter. «Die Bewältigung des Ereignisses stützte sich auf kompetente Einsatzkräfte und bewährte Verfahren für solche Situationen.»

Aus Respekt vor den Rettern und den Opfern kommentiert die KWRO die Vorwürfe nicht weiter im Detail.

Bestmögliche Vorbereitung

Der Berufsverband der Transportsanitäter und Rettungssanitäter, die Swiss Paramedic Association, kann sich zu der möglichen Untersuchung gegen die KWRO nicht im Detail äussern. Zu frisch ist die Angelegenheit. 

Ein Sprecher sagt aber zu Blick: «In der Schweiz gibt es ein hohes Mass an Vorbereitung, Ausbildung und auch Training, das auf Grossereignisse abzielt. Die Rettungsorganisationen bereiten sich bestmöglich und regelmässig auf solche Einsätze vor.» Allerdings könne man nicht genug betonen: «Crans-Montana war zweifellos ein ausserordentliches und extremes Grossereignis in jeglicher Hinsicht.»

Was sagst du dazu?
Heiss diskutiert
    Meistgelesen