Darum gehts
- Am Sonntag brach ein Feuer in einem Nachtclub in Kehl aus
- Dank schneller Evakuierung und besserer Sicherheitsmassnahmen keine Verletzten oder Toten
- 750 Personen konnten sich rechtzeitig über drei Notausgänge in Sicherheit bringen
Im süddeutschen Kehl ist es am Sonntag beinahe zu einer Katastrophe gekommen. In einem Nachtclub brach ein Feuer aus. Das ganze Gebäude wurde ein Raub der Flammen.
Die Bilder erinnern stark an die Tragödie in Crans-Montana VS vom 1. Januar. Doch anders als im Wallis sind in Deutschland keine Toten, nicht einmal Verletzte zu beklagen. Was lief anders als im Le Constellation, wo 41 Menschen ihr Leben verloren haben und über 100 verletzt wurden?
Viele Parallelen
Die Vorfälle selbst sind nach aktuellem Kenntnisstand recht ähnlich. In beiden Fällen soll ein unsachgemässer Umgang mit Wunderkerzen der Grund für das Feuer gewesen sein. Ein Augenzeuge beschreibt den Brandhergang in Kehl gegenüber dem TV-Sender BFMTV wie folgt: «Es passierte im VIP-Bereich, als die Flaschen verteilt wurden, also genau wie in der Schweiz. Die Decke fing Feuer. In den 15 Jahren seit der Eröffnung des Clubs ist so etwas noch nie vorgekommen.»
Auch in Crans-Montana fing die Decke Feuer, doch die Konsequenzen sind in keiner Weise vergleichbar. Als die Feuerwehr bei der Disco in Kehl eintraf, hatten sich alle rund 750 Gäste in Sicherheit gebracht.
Die Sensibilisierung
Grossen Anteil daran dürfte der Umstand haben, dass das Inferno von Crans-Montana weltweit für Schlagzeilen gesorgt hat. Die Gefahr, die durch eine brennende Decke ausgeht, dürfte nach dem 1. Januar wohl jedem Clubbesucher bekannt sein.
Während im Wallis junge Leute sich der Gefahr nicht bewusst waren, haben die Gäste in Kehl wohl schnell erkannt, dass sie so schnell wie möglich ins Freie müssen. «Ich schaute, wo sich ein Notausgang befand – hinter mir war einer –, zögerte keine Sekunde länger und rannte direkt hinaus», sagte ein Clubbesucher. Videos aus Crans-Montana zeigen hingegen, wie junge Leute trotz der brennenden Decke weiterhin filmen und tanzen. Sekunden, die über Leben und Tod entschieden haben könnten. Andere Gäste holten noch ihre Jacken, bevor sie versuchten, den Club zu verlassen.
Das Personal
Auch das Personal in Kehl scheint mit der Situation anders umgegangen zu sein, als das im Wallis. Das Personal habe die drei Notausgänge sofort geöffnet und die Gäste darüber ins Freie geleitet. Die Notausgänge hätten auf drei verschiedene Strassen hinausgeführt, sagte Annette Lipowsky, Pressesprecherin der Stadt Kehl, dem «Spiegel».
Auch der DJ der Disco scheint geistesgegenwärtig gewesen zu sein. Gegenüber BFMTV berichtet ein Gast: «Plötzlich schrie der DJ ins Mikrofon, alle sollten raus. Ich drehte meinen Kopf zum DJ um und sah, dass es ein Feuer gab und er einen Feuerlöscher in den Händen hielt.»
Idris W.* (44) besitzt mehrere Bars im Oberwallis. Auch bei ihm gab es schon einen Brand. Ein Lautsprecher fing Feuer. Zu Blick sagt er: «Man muss den Brand sofort mit den richtigen Mitteln bekämpfen. Genau das kann den Gästen die nötigen Sekunden verschaffen, um sich in Sicherheit zu bringen.»
Zwar gab es im Le Constellation auch Löschversuche, doch diese wurden wohl mit Decken und Tüchern ausgeführt. Grosse Wirkung dürfte das nicht gehabt haben.
Die Architektur
Ebenfalls eine massive Rolle dürften die baulichen Gegebenheiten gespielt haben. Während in Kehl die Notausgänge offenbar leicht zu finden, erreichbar und offen waren, scheint dies in Montana ein grosses Problem gewesen zu sein.
Gemäss Berichten war im Le Constellation einer der beiden Notausgänge im Untergeschoss durch einen Barhocker blockiert. Zudem soll die Treppe, die aus dem Untergeschoss nach oben führte, nicht den Vorschriften entsprochen haben, zu eng gewesen sein. Die mutmassliche Folge war ein tödliches Gedränge am Fuss der Treppe. Hier fanden die Ermittler besonders viele Tote.
Die komplett anderen Verläufe der Brände in Crans-Montana und Kehl zeigen, dass vermeintliche Kleinigkeiten einen grossen Unterschied machen können.
* Name geändert