Darum gehts
- Cecilia Bartoli kritisiert unangebrachte Bemerkung von SVP-Landrat Trüssel über Ignazio Cassis
- Bartoli sang bei Winterspielen in Mailand (I) vor 70'000 Menschen weltweit
- 37 Jahre in Zürich: Keine Volksvorstellung wegen hoher Gagen der Sängerin
Frau Bartoli, der Baselbieter SVP-Landrat Andi Trüssel hat Bundesrat Ignazio Cassis als «Tschingg» beleidigt. Was ist los zwischen der Schweiz und Italien?
Cecilia Bartoli: So eine Äusserung ist inakzeptabel. Glücklicherweise habe ich in den fast 40 Jahren, seit ich in der Schweiz singe, nur gute Erfahrungen gemacht. Ich bin stolze Italienerin, aber gerne auch Schweizerin und Österreicherin. Die Schweiz ist ein sehr tolerantes Land: vier unterschiedliche Sprachen und Kulturen – und trotzdem eine Nation.
Die italienische Politik hat nach dem Unglück von Crans-Montana scharf reagiert und den Botschafter abgezogen. Ist das politisches Theater?
Mich hat das Unglück von Crans-Montana sehr beschäftigt – aber nicht die politischen Fragen. Wir Künstler konzentrieren uns ganz auf die Musik und verfolgen nicht alles, was sich auf der politischen Bühne abspielt. Mein Eindruck ist: Italien will von eigenen Problemen ablenken. Das Inferno von Crans-Montana hätte auch in Italien passieren können. Bei uns stürzen Brücken ein, es gab vor Jahren ein Seilbahnunglück – Italien steht sicher nicht besser da als die Schweiz.
Céline Dion hat die Olympischen Spiele von Paris eröffnet, Sie die Winterspiele in Mailand. Wie war es, in einem vollen Stadion zu singen?
Sehr ungewohnt! Das Zürcher Opernhaus hat 1100 Plätze – und plötzlich habe ich vor über 70’000 Menschen gesungen. Und zwei Milliarden Menschen haben es weltweit verfolgt. Die Energie war enorm positiv.
Sie singen aktuell in Zürich die Cleopatra in Händels «Giulio Cesare in Egitto». 2019 haben Sie der Scala in Mailand für diese Rolle einen Korb gegeben. Warum?
Das war für mich eine Frage der Loyalität. Ich hatte meinem Freund Alexander Pereira, mit dem ich in Wien und Zürich lange zusammengearbeitet hatte, zugesagt. Dann hat die Scala Alexander rausgeschmissen – und wollte mich trotzdem als Cleopatra haben. Ich habe gesagt: Wenn er geht, geh auch ich!
Was bedeutet für Sie Loyalität?
Ich finde Loyalität zentral. Meine Eltern und Grosseltern haben mir das vorgelebt. Mein Nonno lebte auf einem Bauernhof. Er sagte zu mir: Wenn du einer Person in die Augen schaust und ihr die Hand gibst, dann ist das ein ernster «vincolo», eine ernste Verbindung. Was man verspricht, muss man halten – dafür braucht man keinen Vertrag.
Die Rolle der Cleopatra lebt von virtuosen Verzierungen, von Koloraturen. Wie machen Sie das?
Ich improvisiere und fühle mich dabei sehr modern. Wenn Sie einen Popsong hören oder Jazzmusik, hören Sie in jedem Refrain eine Veränderung. Es macht Spass, als Sängerin diesen Spielraum zu nutzen.
Sie finden, Cleopatra sei eine moderne Figur. Das verstehe ich nicht: Cäsar verliebt sich in Cleopatra, weil sie sexy ist – und nicht, weil sie klug ist.
Diese Interpretation ist typisch Mann! (Lacht.) Fakt ist, dass Cleopatra Cäsar nicht heiraten konnte, weil die Römer rassistisch waren und keine Ägypterin wollten. Cleopatra war eine charismatische Frau, die politisch sehr geschickt agierte. In Händels Oper gibt sie sich als Hofdame Lidia aus, um an ihr Ziel zu gelangen. Die Rolle der Verführerin mag nicht sehr modern sein, aber Cleopatra schafft es, sich von ihrem tyrannischen Bruder zu distanzieren und Ägypten vor dem Verderben zu retten. Wie so oft in der Geschichte muss eine Frau den Trümmerhaufen aufräumen, den Männer angerichtet haben.
Die Zürcher Inszenierung strotzt vor Klischees und orientalistischen Bildern. Ist das nicht aus der Zeit gefallen?
Die Zürcher Inszenierung greift Motive von Agatha Christie auf. Man fühlt sich wie auf einer Nilkreuzfahrt in den 1930er-Jahren. Ich finde die Umsetzung charmant. Denkbar wäre auch gewesen, eine Art Parodie auf «Asterix und Kleopatra» zu zeigen.
Auf der Bühne lieben Sie einen jüngeren Mann: Carlo Vistoli ist 38 Jahre jung und singt den Cäsar. Finden Sie jüngere oder ältere Männer attraktiver?
Ich mag einen Mann, der mich liebt. Humor ist extrem wichtig. Männer können wunderschön, aber furchtbar langweilig sein – für mich ein totaler Turn-off. Humor ist sehr sexy.
Viele Männer haben Ego-Probleme. Sie sind mit dem Schweizer Bariton Oliver Widmer verheiratet. Hat Ihr Mann kein Problem damit, dass Sie deutlich mehr verdienen als er – und dass er ohne Sie nicht so gute Deals bekäme?
Das müssen Sie meinen Mann fragen! Er hat einen guten Humor und auf alles eine gute Antwort. Rufen wir ihn an.
Cecilia Bartoli greift zum Handy und ruft ihren Mann an. Der ist beschäftigt und geht erst nicht ran. Später ruft er zurück und gibt eine druckreife Antwort: «Es ist ein Privileg, Cecilia zu lieben und von ihr geliebt zu werden. Wenn man nicht begreift, dass es klüger ist, ihr die grosse Bühne zu überlassen und sich zurückzunehmen, ist man selbst schuld. Ich habe damit kein Problem.»
Frau Bartoli, Sie sind die teuerste Sängerin des Zürcher Opernhauses. Weil Sie so teuer sind, gibt es von Händels «Cäsar in Ägypten» keine Volksvorstellung. Warum unterstützen Sie Elitismus?
Diese Frage müssen Sie dem Intendanten stellen. Ich entscheide nicht, ob ein Termin eine Volksvorstellung ist oder nicht. Ich habe in den 37 Jahren, seit ich in Zürich singe, in vielen Volksvorstellungen gesungen und würde das auch gerne wieder tun.
Wo zahlen Sie Ihre Steuern? In der Schweiz oder in Monaco?
Ich lebe in Monte Carlo und arbeite als Intendantin in Monte Carlo. Als Künstlerinnen und Künstler versteuern wir generell überall, wo wir auftreten.
Papst Leo XIV. besucht in zwei Wochen Monaco. Werden Sie für ihn singen?
Nein, leider nicht. Ich bin in Zürich gebucht – daher hat Zürich Vorrang vor dem Papst, auch wenn ich als Römerin eine ganz besondere Beziehung zum Papst habe.
Wie gut kennen Sie Fürst Albert und Fürstin Charlène von Monaco?
Am besten kenne ich Prinzessin Caroline, da sie sich sehr für Oper und Tanz interessiert. Ich habe in Monaco Musicals eingeführt – alle zwei Jahre bringen wir ein Musical auf die Bühne, zum Beispiel «Das Phantom der Oper» oder «Cats». Charlène mag Musicals, so habe ich sie kennengelernt.
Sind Musicals für Sie nicht zu trivial?
Überhaupt nicht! Die Zuschauer, die ein Musical besuchen, finden so einen Zugang zur Oper und besuchen nun auch unsere Operninszenierungen.
Eine weibliche Intendantin wie Sie ist auch im 21. Jahrhundert noch selten. Warum kennt die Oper so wenig Dirigentinnen und Chefinnen?
Es gibt eine grosse Diskrepanz: Auf der Bühne singen viele Frauen – aber sie fehlen im Management. Aber, ganz ehrlich: Wer leitet die UBS? Wer die Schweizer Post? Das sind alles Männer. In der ganzen Gesellschaft gibt es noch viel zu tun – nicht nur in der Oper.
Macht es einen Unterschied, ob eine Frau oder ein Mann dirigiert?
Auf jeden Fall! Die Atmosphäre ist anders. Schlimm finde ich, wenn Frauen denken, sie müssten sich wie ein schlimmer Macho benehmen, um respektiert zu werden. Frauen können auch sehr feminin führen und damit sehr erfolgreich sein.
Sie treten nicht nur in Zürich auf, sondern auch in Ascona. Ist Ascona ein bisschen Heimat?
Ich liebe Ascona – es ist eine wunderschöne Stadt – und ich singe sehr gerne am Lago Maggiore. Ich war schon lange nicht mehr dort, freue mich aber sehr auf das Engagement im Rahmen von «Classic Ascona». Natürlich ist das Tessin noch nicht Italien, aber jedes Mal, wenn wir in Zürich schlechtes Wetter hatten, sind mein Mann und ich ins Tessin gedüst und haben uns über die Sonne nach dem Tunnel gefreut.
Künstliche Intelligenz gibts bislang nur auf dem Bühnenbild. Könnten Sie es sich vorstellen, mit einem Cäsar aufzutreten, der eine KI-Stimme hat?
Puh … Die Welt verändert sich, und die technischen Entwicklungen haben Konsequenzen für uns alle. Ich schliesse nicht aus, dass auf der Bühne mal KI-Stimmen zu hören sein werden. Aber begeistert bin ich davon nicht. Kunst lebt von Unmittelbarkeit, von Emotionen. Jede Aufführung ist anders und daher so besonders. Ich bezweifle, dass sich das Publikum mit einer künstlichen Stimme zufriedengibt.
Viele Stars müssen sich einschränken, damit sie zum Beispiel keinen Skiunfall haben und ausfallen. Worauf müssen Sie verzichten?
Als Römerin fahre ich nicht Ski, sondern schwimme gerne – und schwimmen ist ungefährlich (lacht). Als Sängerin darf ich nicht rauchen und muss aufpassen, was ich vor einer Vorstellung esse und trinke, damit die Stimmbänder nicht belegt sind. Vor der Oper ist Schokolade tabu. Danach ist praktisch alles erlaubt – ich liebe die Truffes du Jour von Sprüngli!