Darum gehts
- Schweiz erschüttert mit drei Katastrophen
- Deutsche Medien kritisieren Sicherheitsmängel, Experte fordert Selbstkritik der Schweiz
- Kein Ansehensverlust: Vertrauen in die Schweiz bleibt laut EDA hoch
Die Schweiz erlebt eine Katastrophe nach der anderen. Nach dem fatalen Inferno in Crans-Montana VS folgte wenige Wochen später das Postauto-Inferno in Kerzers FR. Und nur einige Tage danach stürzte in Engelberg OW eine Gondel der Titlis-Bahnen ab.
Die Unglückskaskade bleibt auch im Ausland nicht unbemerkt: Deutsche Medien reagieren bestürzt über die Ereignisse im Nachbarland. Nun stellt die deutsche Nachrichtenagentur DPA gar die Gretchenfrage: Wie ernst nimmts die Schweiz noch mit ihrer Sicherheit?
Köppel poltert, die Deutschen hinterfragen
«Es sind verheerende Schlagzeilen, und das ausgerechnet aus der Schweiz, dem Musterland für Qualität und Ordnung», schreibt die Agentur in einem ausführlichen Bericht. «Was ist da los?» Um die Konsternation zu unterstreichen, zitiert die DPA etwa aus dem Podcast von «Weltwoche»-Chef Roger Köppel (61). «Ist das die totale Verlotterung der Schweiz?», polterte der ehemalige SVP-Nationalrat – und monierte ein Behördenversagen an allen Orten.
Der Bericht der Agentur verbreitet sich wie ein Lauffeuer in den deutschen Medien – er wurde etwa in der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung», im «Stern» oder in der «Süddeutschen Zeitung» aufgegriffen. Darin ist von grossen Rissen im einst so heilen «Heidiland» die Rede. Die harten Worte stammen aber nicht etwa aus Deutschland, sondern erneut aus der Schweiz: Nach dem Katastrophen-Winter müsse man sich hierzulande unangenehme Fragen stellen, zitiert die DPA den Luzerner Tourismus-Experten Jürg Stettler (60).
«Lebt sie noch von ihrem Image, während die Realität eine andere ist?», fragt der Professor der Hochschule Luzern. Die Schweiz, die weltweit für Stabilität und Sicherheit stehe, müsse sich fragen, ob sie ihrem Ruf noch gerecht werde. «Sie täte gut daran, in den Spiegel zu schauen, selbstkritisch zu sein und ihre Hausaufgaben zu machen.»
Noch sei der Ruf nicht beschädigt
Beim Rundumschlag wird auch Blick zitiert: Die Schweizer Extremsportlerin Evelyne Binsack (58) war am Tag des Gondelunglücks in Engelberg vor Ort. Sie hatte ihre Tour wegen heftiger Winde abgebrochen. Die Gondelbahn war dennoch in Betrieb. «Es scheint, dass die Verantwortlichen der Technik mehr vertrauten als dem gesunden Menschenverstand», sagte Binsack danach zu Blick.
Verliert die Schweiz also tatsächlich ihren guten Ruf? Für diese Frage muss in Deutschland selbst der Bund antraben. Alexandre Edelmann (46), Chef der Abteilung «Präsenz Schweiz» des Eidgenössischen Aussendepartements, kommt gegenüber der DPA zu einem anderen Schluss als seine Vorredner: Trotz der Tragödien bliebe das internationale Ansehen der Schweiz.
«Das Vertrauen ist sehr hoch, die Schweiz wird als stabil und sicher wahrgenommen», sagt Edelmann. So gebe es etwa keine Hinweise auf Ferienabsagen aufgrund der Unglücke. Zu Crans-Montana fügt Edelmann an: «Auch für Schweizerinnen und Schweizer war es ein Schock, dass so etwas in der Schweiz passieren kann.» Man gehe hierzulande davon aus, dass Regeln respektiert und Gesetze korrekt umgesetzt werden.
Beim Bar-Inferno im Wallis war jedoch genau dies nicht der Fall. Für Edelmann habe die Schweizer Politik danach positive Signale ausgestrahlt, indem sie sich den Nachbarländern entschuldigte und Anteilnahme mit ihren Opfern zeigte. Ein Blick auf das ausländische Medienecho lässt aber vermuten: Mit solchen Gesten ist es kaum getan.