«Wir sind betroffen, mehr eigentlich als alle»
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Gemeindepräsident Féraud:«Wir sind betroffen, mehr eigentlich als alle»

Ermittlungen gegen Gemeindepräsident von Crans-Montana
Wie sich die Schlinge um den Hals von Nicolas Féraud (55) immer weiter zuzog

Lange hatte Gemeindepräsident Nicolas Féraud nach der Brandkatastrophe versucht, die Verantwortung abzuschieben, nun wird wegen fahrlässiger Tötung gegen ihn ermittelt. Vom PK-Desaster bis zur Schlinge um den Hals der Walliser Exekutive – das Protokoll des Versagens.
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Gemeindepräsident Nicolas Féraud steht nun im Visier der Justiz.
Foto: keystone-sda.ch

Darum gehts

KI-generiert, redaktionell geprüft
  • Gemeindepräsident Nicolas Féraud wird nach Brandkatastrophe in Crans-Montana beschuldigt
  • Vorwürfe: Fahrlässige Tötung, fahrlässige Körperverletzung und Verletzung von Amtspflichten
  • 41 Tote, über 100 Verletzte, Sicherheitskontrollen jahrelang nicht durchgeführt
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Daniel MacherRedaktor News

Zuerst brannte eine Bar – am Ende stand ein ganzes System in Flammen. Mehr als zwei Monate nach der Brandkatastrophe von Crans-Montana richten sich die Ermittlungen der Walliser Staatsanwaltschaft nicht länger nur gegen die Betreiber des Le Constellation. Neu steht auch der Gemeindepräsident Nicolas Féraud (55) im Fokus. Das berichtet der «Corriere della Sera».

Dem Mann, der sich bei der ersten Pressekonferenz nach der Tragödie noch hinter Floskeln und routinierter Betroffenheitsrhetorik verbarg, macht die Justiz nun schwere Vorwürfe: fahrlässige Tötung, fahrlässige Körperverletzung, Brandstiftung sowie Verletzung von Amtspflichten.

Was wie ein überraschender Kurswechsel wirkt, ist in Wirklichkeit das Ergebnis eines viel zu langen Prozesses – eines Prozesses, der nun weitere Verantwortliche ins strafrechtliche Visier rückt.

Die Katastrophe

In der Neujahrsnacht bricht in der Lounge-Bar Le Constellation ein Feuer aus. Insgesamt sterben 41 Menschen, über hundert werden verletzt. Noch in derselben Nacht nimmt die Walliser Staatsanwaltschaft Ermittlungen auf – formal richten sie sich zuerst gegen die Bar-Betreiber Jessica (40) und Jacques Moretti (49), nicht gegen die Behörden.

Im Gegenteil: Generalstaatsanwältin Beatrice Pilloud und Féraud zeigen sich in den darauf folgenden Tagen mehrfach Seite an Seite, stehen am 3. Januar beispielsweise zusammen am Gedenkort vor der Todes-Bar. 

Das PK-Desaster

Zusammen mit Mitgliedern des Gemeinderats tritt Gemeindepräsident Nicolas Féraud erstmals vor die Medien. Er zeigt sich betroffen, spricht jedoch gleichzeitig davon, dass die Gemeinde als Geschädigte am meisten betroffen sei, «vor allen anderen» – eine klare Entschuldigung gegenüber den Angehörigen bleibt aus. Kommunikationsfachleute sprechen von einem «Super-GAU»: Statt Verantwortung zu übernehmen, klingt Féraud wie ein Tourismusdirektor, der um das Image des Ortes fürchtet.

Das Einzige, was er unter öffentlichem Druck einräumt: Dass der Club seit Jahren nicht mehr brandschutztechnisch kontrolliert wurde. Er spricht von «bedauerlichen Versäumnissen», bleibt aber die entscheidende Antwort schuldig: Wer in der Gemeinde dafür hätte sorgen müssen, dass diese Kontrollen stattfinden – und warum das niemand tat.

Die Akten

Nach und nach werden interne Listen und Unterlagen publik: Sie zeigen, dass nicht nur der Club, sondern zahlreiche Betriebe und Gebäude in Crans-Montana ohne aktuelle Sicherheitskontrollen dastanden. Hotels, Bars, zum Teil auch öffentliche Gebäude: Ein ganzes Kontrollsystem, das über Jahre nicht funktioniert hat – unter den Augen von Gemeinderat und -präsident.

Die Verantwortung

Die Staatsanwaltschaft nimmt erste Gemeindefunktionäre mit Sicherheitsdossier und frühere Brandschutzverantwortliche ins Visier. Juristen weisen darauf hin: Wenn Angestellte schlecht instruiert, nicht kontrolliert oder systematisch überlastet werden, endet die Verantwortung nicht bei ihnen – sondern weiter oben, bei der politischen Führung der Gemeinde.

Férauds Doppelbotschaft

In Interviews gibt sich Féraud zerknirscht, spricht von «Fehlern», die man analysieren müsse. Gleichzeitig betont er, er sei von der Staatsanwaltschaft noch nicht einmal einvernommen worden und habe vieles erst aus den Akten erfahren. Für Angehörige wirkt das wie eine Schutzbehauptung: Der Gemeindepräsident präsentiert sich als erstaunter Beobachter – obwohl die Versäumnisse in seiner Amtszeit passiert sind.

Das System des Wegschauens

Während sich die Strafverfolger weiterhin vor allem auf die Betreiber konzentrieren, zeichnen Medien das Bild eines Behördenapparats, der jahrelang wegschaut: fehlende Kontrollen, unvollständige Dossiers, Verantwortlichkeiten, die zwischen Verwaltung, Sicherheitskommission und Gemeinderat hin- und hergeschoben werden. In der Mitte dieses Systems: Ein Präsident, der sich auf «Zuständigkeiten» beruft, statt Führung zu übernehmen.

Am 9. Februar kommt es bei einer Anhörung zu weiteren brisanten Aussagen: Der aktuelle Sicherheitschef von Crans-Montana erklärt in seiner Einvernahme, dass für die angesetzten Kontrollen die nötigen Ressourcen fehlten. Der frühere Sicherheitschef hatte das bei seiner Einvernahme am Vortag ebenfalls ausgesagt. Wegen Personalmangels sei es unmöglich gewesen, die gesetzlichen Vorgaben zu erfüllen. In seinen Berichten habe er wiederholt auf den Mangel hingewiesen. Der aktuelle Sicherheitschef sagt zudem, er habe das Problem direkt mit dem zuständigen Gemeinderat besprochen.

Féraud wird zum Beschuldigten

Mehr als zwei Monate nach dem Brand leitet die Staatsanwaltschaft offiziell eine Strafuntersuchung gegen Gemeindepräsident Nicolas Féraud ein. Es soll ermittelt werden, ob er seine Pflicht zur Durchsetzung der Sicherheitsvorschriften verletzt – und damit zu einer Situation beigetragen hat, in der der Club zur Todesfalle werden konnte.

Die Vorwürfe gegen die Behörden wiegen schwer. «Es gibt hinreichende Gründe für die Annahme, dass die Gemeinde ihrer Pflicht zur Durchsetzung der Vorschriften nicht nachgekommen ist, um das Leben der Besucher der Bar Le Constellation zu schützen», heisst es in den Ermittlungsdokumenten. 

Neben Féraud stehen auch fünf weitere Personen im Fokus der Ermittlungen, darunter Kévin Barras (36), ehemaliger Sicherheitsverantwortlicher und derzeit Abgeordneter im Kantonsrat. Während seiner Amtszeit von 2021 bis 2024 wurde in der Bar Le Constellation kein einziges Mal eine Brandschutzkontrolle durchgeführt. 

Das erste Mal seit der Brandkatastrophe tagte am Montagmorgen der Walliser Grosse Rat. Patricia Constantin (54), Präsidentin des Kantonsparlaments, versicherte: «Der Kanton wird seine Arbeit fortsetzen, um die Verantwortlichen zu identifizieren und zur Rechenschaft zu ziehen.»

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