Darum gehts
- Skifahrerin aus Genf bricht Becken in Verbier und erlebt Chaos bei Rettung
- Es dauert über eine Stunde bis ein Heli kommt, kein Notarzt vor Ort
- 36 Helikoptereinsätze im Wallis am Unfalltag, Patientin zahlte 3000 Franken
Sieben Tage Skiferien in Verbier VS enden vorzeitig nach zwei Tagen in einem Zürcher Spital. Anke W.* (66) aus Genf verunfallt auf der Skipiste im Wallis. Was dann passiert, beschreibt sie als den «schlimmsten Albtraum». Die Frau sagt zu Blick: «Die Walliser zeigten sich von der schlechtesten Seite.»
Die geborene Deutsche lebt seit 30 Jahren in der Schweiz. Sie liebt das Wallis, reist zum zweiten Mal nach Verbier für die Skiferien. «Der Schnee ist traumhaft, das Panorama spektakulär.» Die 66-Jährige schwärmte bisher in den höchsten Tönen vom Kanton. Ganz anders aber jetzt: «Ich erlebte ein unprofessionelles und chaotisches Wallis», sagt W.
Rückblick auf den Unfalltag: Es ist der 3. März dieses Jahres. Kurz nach 13 Uhr. Anke W. verliert die Kontrolle über ihre Ski und stürzt seitlich aufs Becken. Ihr Ehemann Rainer W. (60) evakuiert sie an den Pistenrand. Sie klagt über starke Schmerzen im Becken. Anke W. kann nicht weiterfahren. Die Rettung muss helfen. Sie alarmieren die Rega. Was W. und ihr Ehemann nicht wussten: Die Rega rettet grundsätzlich nicht im Wallis. Luftrettungen werden hier von Air Zermatt und Air Glaciers übernommen, zuständig für die Koordination ist die kantonale Walliser Rettungsorganisation (KWRO). W. und ihr Mann werden weitergeleitet.
«Ich spürte starke Schmerzen»
Später zeigt sich: Beim Sturz brach sich Anke W. das Becken. Trotz Sonnenschein liegen die Temperaturen um den Gefrierpunkt. Am Telefon verbindet die Einsatzzentrale sie mit dem lokalen Pistenpatrouilleur. «Wir beschrieben ihm unseren ungefähren Standort, was schwierig war, weil wir den Pistennamen nicht kannten. Wir schickten ihnen den Standort per Whatsapp», erklärt Rainer W. Es stellt sich heraus: Der lokale Pistenpatrouilleur ist nicht für den spezifischen Sektor zuständig. Ein Kollege werde sich melden.
45 Minuten nach dem Unfall fährt ein anderer Pistenpatrouilleur bei Anke W. vor, erzählt die Verunfallte heute. Ihr Mann protokolliert das Prozedere. Es liegt Blick vor. Eine medizinische Erstversorgung bleibt zu diesem Zeitpunkt aus. Der Patrouilleur meldet der Zentrale, dass ein Helikopter kommen soll.
Mehr als eine Stunde dauert es, bis ein Helikopter von Air Glaciers auf der Skipiste in Verbier landet. Zu ihrem Erstaunen fliegt kein Notarzt zum Unfallort. Nach der Erstversorgung fliegt der Heli die 66-Jährige ins Spital nach Sion. Anke W. sagt: «Ich spürte starke Schmerzen, hatte kalt und fühlte mich alleingelassen.»
Alleingelassen? Fredy-Michel Roten, Präsident der Walliser Rettungsorganisation, hat eine Antwort dafür: «Erreicht uns ein Notruf, erfolgt eine systematische, medizinische Evaluation durch unsere Sanitätsnotrufdisponenten.» In rund 50 Prozent aller Skiunfälle werden die Anrufe an die Pistenretter weitergeleitet und von ihnen behandelt, so Roten.
Im Fall von Anke W. wurde umgehend ein Helikopter aufgeboten. Aufgrund einer Reanimation an einem anderen Ort musste dieser jedoch umdisponiert werden, so Roten. Anhand des Krankheitsbildes, des Verletzungsmusters und des stabilen Gesundheitszustands, stufte die Zentrale Anke W. als «nicht dringlich» ein.
Von Dezember bis April ist im Wallis Hochsaison. Hoch war auch die Zahl an Touristen und Einsätzen im Wallis. Rettungschef Roten sagt: «An diesem Tag kam es zu 36 Helikoptereinsätzen. Zum Zeitpunkt standen sämtliche Helikopter im Dispositiv im Einsatz.»
Wie lange ein Einsatz dauert, hänge allgemein von vier Faktoren ab. Roten: «Die Priorisierung bei gleichzeitigem Einsatzaufkommen, die Zugänglichkeit des Unfallortes, die medizinische Behandlung vor Ort sowie die meteorologischen Bedingungen.»
Walliser Ärzte stellen Patientin vor die Tür
Den vierfachen Bruch im Becken von Anke W. behandeln die Ärzte «konservativ», heisst es im Arztbericht, der Blick vorliegt. Heisst: ohne Operation, mit viel Ruhe und Schmerzmitteln. Der Arzt entscheidet: Anke W., die selber Ärztin ist, muss noch am selben Abend das Spital mit Krücken verlassen. «Ich konnte nicht stehen, so stark waren die Schmerzen», sagt die Patientin heute. Und: «Sie sagten mir, ich müsse die verletzte Seite belasten – ein grosser Fehler.»
Anke und Rainer W. intervenieren beim Arzt und wünschen eine Verlegung auf die Bettenstation – vergeblich. Auch den Wunsch nach einer Bleibe, bis ein geeigneter Transport organisiert ist, lehnen die Walliser Ärzte ab. Die Privatversicherte sagt: «Wie mich die Ärzte behandelten, ist eine Katastrophe.»
Wieso kickte das Spital die Patientin trotz Schmerzen raus? War die Spitalauslastung hoch? Blick fragte mit einer Schweigepflichtsentbindung der Patientin beim Spital Wallis nach. «Wir äussern uns nicht öffentlich zur Behandlung unserer Patientinnen und Patienten, trotz Entbindung der Schweigepflicht», schreibt das Spital.
Rainer W. telefoniert sich schliesslich durch mehrere Spitäler und organisiert eine Anschlusslösung. Um 23 Uhr abends holt ein Berner Rettungswagen Anke W. in Sion ab und fährt sie zu einem Beckenspezialisten nach Zürich. Sie bezahlt über 3000 Franken für den Transport – auf eigene Kosten. Eine Woche liegt sie daraufhin in einem Zürcher Spital und noch weitere sechs Wochen in der Reha.
* Name bekannt