Darum gehts
Der Staatsanwalt hat Nati-Captain Granit Xhaka (33) im Visier. Der Vorwurf ist happig: Urkundenfälschung – weil sich der Fussballer ein falsches Corona-Impfzertifikat beschafft haben soll. Die Verteidigungsstrategie Xhakas und seiner Ärztin: Beide sagen aus, dass der Piks tatsächlich stattgefunden hat.
Will der Staatsanwalt Xhaka festnageln, muss er beweisen, dass der Fussballer und seine Ärztin lügen. Keine einfache Aufgabe nach all den Jahren, selbst wenn die Vorwürfe tatsächlich stimmen sollten! Aber: Es gibt einige Punkte, die Xhakas Verteidigung einstürzen lassen könnten.
Die verräterische Timeline
Xhaka steht im Rampenlicht. Sein Tagesablauf lässt sich recht genau rekonstruieren. Und die Rekonstruktion wirft Fragen auf:
In der Impfbescheinigung steht, Xhaka habe die zweite Impfung am 8. November in Luzern erhalten. Klar ist: Xhaka siegte am 6. November 2022 mit Arsenal in London gegen Chelsea. Am selben Tag fand auch ein Interview mit Blick in England statt. Zwei Tage später soll er in Luzern geimpft worden sein. Nur einen Tag danach stand er bereits wieder in London gegen Brighton auf dem Platz.
Die entscheidende Frage: Gab es ein realistisches Zeitfenster für einen Termin in Luzern?
«Wenn er kurz vor der Impfung im Ausland ist und kurz nach der Impfung wieder im Ausland ist, dann sieht das durchaus nach einem Indiz aus», sagt Strafrechtsexperte André Kuhn.
Über seinen Tagesablauf zu lügen, wäre für den Starfussballer eine Hochrisiko-Aktion: Taucht nur ein einziges Foto auf, das ihn zur falschen Zeit am falschen Ort zeigt, hätte er ein Problem.
Welche Beweise hinterliess die Ärztin?
Die Ermittlungen begannen offenbar gar nicht bei Xhaka, sondern bei seiner Ärztin. Bereits 2023 durchsuchten die Behörden die Praxis in Luzern. Wie verschiedene Medien schreiben, wegen verdächtiger Krankenkassen-Abrechnungen. Gut möglich, dass Xhaka zufällig ins Visier der Behörden geraten ist.
Wonach die Justizbeamten suchen: verräterische Nachrichten, Telefonate oder sonstige Absprachen zwischen ihr und dem Umfeld des Fussballers.
Laut dem Vorwurf hat Hannah Y.* nicht nur Xhaka, sondern auch weiteren Personen gefälschte Corona-Zertifikate verschafft. Ihr Verteidiger, Anwalt Cornel Borbély, bestreitet alle Vorwürfe.
Immer wieder kam die Schweizer dem Justiz Zertifikats-Bschiss auf die Schliche: In Fällen im Raum Zürich haben sich zwei Frauen mit gefälschten Zertifikaten bereichert, wie der «Tages-Anzeiger» schreibt. Anfangs verkauften sie Impfnachweise für 300, später sogar für bis zu 1000 Franken. Eine der Frauen wurde in einem abgekürzten Verfahren wegen Urkundenfälschung, Geldwäscherei und Drogenvergehen zu einer bedingten Freiheitsstrafe von 24 Monaten verurteilt.
Weg des Geldes
Eine weitere Spur könnte dort beginnen, wo Geld fliesst. Die Ermittler prüfen, welche Zahlungen stattgefunden haben – und ob diese in Xhakas Verteidigungsstrategie passen.
Rechnungen, Überweisungen oder Quittungen könnten zeigen, ob tatsächlich eine Behandlung abgerechnet wurde. Aber: Floss mehr Geld als für die Behandlung üblich, kann auch das ein Indiz gegen Xhaka sein.
Im Fall des Eishockey-Nati-Trainers Patrick Fischer (51) und seines Fake-Zertifikats gab es eine Überweisung von 400 Franken in Bitcoin. Nicht unbedingt die bevorzugte Zahlungsmethode des Hausarztes von nebenan!
Dazu kommt: Geld ist ein mächtiger Zeuge. Xhaka will glaubhaft machen, dass er an besagtem Tag wirklich in der Schweiz war. Kann er dem Staatsanwalt zum Beispiel die Quittung für ein Flugticket präsentieren?
Ist der QR-Code echt – und stimmen die Daten?
Im QR-Code eines Covid-Zertifikats sind je nach Typ verschiedene Angaben gespeichert. Das können unter anderem der Impfstoff, die Anzahl der Dosen und das Impfdatum sein.
Daher gilt es zu klären, ob der QR-Code echt ist und welche Daten darin gespeichert sind. Sollte der QR-Code Fake sein, hat der Staatsanwalt ein starkes Indiz in der Hand.
Als Ärztin hatte die Beschuldigte wohl Zugang zu echten Zertifikaten. Ein technisch gültiger QR-Code beweist deshalb nicht, dass die darin eingetragene Impfung tatsächlich stattgefunden hat.
Kann die Staatsanwaltschaft Xhaka zu einem Bluttest zwingen?
Ein Bluttest könnte auf den ersten Blick den Beweis liefern. Grundsätzlich sind körperliche Untersuchungen eines Beschuldigten nach Schweizer Recht möglich – sofern die gesetzlichen Voraussetzungen erfüllt sind.
Ein solcher Eingriff muss verhältnismässig sein. Für Kuhn gilt es daher drei Fragen zu klären: «Ist ein Bluttest geeignet, erforderlich und angemessen?»
Das Problem dabei: Antikörper können nach einer Impfung oder einer Infektion vorhanden sein und nehmen mit der Zeit ab. Aus einem heutigen Blutwert lässt sich deshalb nicht einfach ableiten, dass Xhaka am 8. November 2022 geimpft wurde.
Am Ende zählt das Gesamtbild
Für die Staatsanwaltschaft dürfte es auf das Zusammenspiel mehrerer Indizien ankommen, so Kuhn: Die Bewegungen von Xhaka, die Aussagen der Ärztin, mögliche Zahlungen sowie die Entstehung und Verwendung des Zertifikats.
Das daraus entstehende Gesamtbild entscheidet, ob die Staatsanwaltschaft Anklage erheben und es zu einem Schuldspruch kommen wird – auch wenn ein eindeutiger Beweis fehlen sollte. «Das Gericht fällt einen Schuldspruch, wenn es von der Schuld überzeugt ist. Wenn es nur Indizien gibt, diese den Richter aber vollständig überzeugen, erfolgt trotzdem ein Schuldspruch.»
Sollte es zu einer Verurteilung wegen Urkundenfälschung kommen, drohen Xhaka eine Freiheitsstrafe von bis zu fünf Jahren oder eine Geldstrafe.
Für den Nati-Star und die beschuldigte Ärztin gilt die Unschuldsvermutung. Xhakas Befragung soll Anfang Oktober stattfinden.
*Name geändert



