Darum gehts
- 18-jähriger Kilian Wanner schildert traumatische Erlebnisse beim Rave in Aarau
- Er versuchte vergeblich, die angeschossene Maria S. (†22) zu retten
- Mindestens vier Schüsse fielen, grosses Chaos; rund 200 Gäste anwesend
Der 18-jährige Kilian Wanner wackelt unruhig von links nach rechts, als er von Blick interviewt wird. Es ist ihm anzusehen, dass das, was passiert ist, ihn schwer mitgenommen hat.
Er zeigt Blick sein «Glückskäppi», das er in der Tatnacht trug. Darauf zu sehen ist ein blutiger Handabdruck: «Es ist der letzte Beweis ihres Lebens.» Laut Wanner hat das Opfer Maria S.* (†22) diesen auf seiner Mütze hinterlassen, kurz bevor sie starb.
Kilian war vor Ort, als der Angriff auf den Rave in Aarau stattfand. Laut eigenen Aussagen hat er der Verstorbenen noch zugerufen, dass sie in Deckung gehen solle, und sie danach zu retten versucht. Ohne Erfolg. Die 22-Jährige wurde getroffen und starb an ihren Verletzungen.
Gegenüber Blick lässt Wanner die schreckliche Nacht Revue passieren.
Um 2.27 Uhr war der Aarauer Rave, der bei der Pferderennbahn Schachen stattfand, schon fast vorbei. Der grösste Teil des Publikums war bereits gegangen. Wanner feierte noch mit einem Freund auf einem Podest neben dem DJ-Pult – und filmte, wie ein Video zeigt, das er Blick zur Verfügung gestellt hat. Dazu läuft harte Technomusik.
«Es ging so schnell»
Als die Schüsse fielen, sei die Partystimmung jäh unterbrochen worden. Wanner sagt, er habe mindestens vier Schüsse gehört und diese aufgrund seiner Erfahrung bei den Jungschützen erkannt: «Ich wusste, es ist kein Feuerwerk. Als die Schüsse gefallen sind, ist Panik ausgebrochen, alle hatten Angst.» Die Situation sei extrem traumatisierend gewesen: «Es ist so vieles auf einmal passiert, so schnell passiert, dass man nicht alles realisieren konnte.»
Ein Mann sei ins Zelt gerannt und habe geschrien: «Alle auf den Boden, alle auf den Boden!» Auch Wanner warnte die Anwesenden und versuchte sie nach eigenen Angaben hinter Kühlschränken in Sicherheit zu bringen. Unter ihnen soll auch Maria S. gewesen sein, die unmittelbar neben ihm gestanden habe.
Wanner sieht zwischen Kühlschränken und einer Wand einen ungefähr einen Meter breiten Zwischenraum. Er versucht, so erzählt er, die Menschen dorthin zu lotsen. Unter ihnen ist Maria S. «Ich sagte ihr noch, sie soll sich hinter den Kühlschränken verstecken.»
«Wir versuchten Maria S. zu reanimieren»
Laut Wanner wurde Maria S. kurz darauf im Brustbereich getroffen. Er und mehrere weitere Personen versuchten, Maria S. zu helfen, die Blutung mit Tüchern zu stoppen und die junge Frau zu reanimieren. «Es nützte aber nichts mehr. Keine Atmung, keine Augenbewegung, keine Reaktion, keine Lebenszeichen. Minutenlang kein Puls.»
Dann passiert das Undenkbare: «Maria starb in meinen Armen», sagt Kilian Wanner. «Ich wollte sie retten, konnte aber nichts mehr für sie tun. Ich fühlte mich hilflos.» Am Montag, zwei Tage nach dem Angriff, fühle er sich schuldig, weil er das Opfer nicht retten konnte.
Das Erlebnis belastet den 18-Jährigen stark. Er beschreibt Panik, Angst, Hilflosigkeit und Trauer. Als er realisierte, dass Maria S. gestorben war, habe er viel geweint. Auch knapp zwei Tage später fühle er noch Angst und Verzweiflung. Besonders beschäftigt ihn das Gefühl, nicht genug getan zu haben, um Maria S. zu retten.
«Wir haben versucht, sie zu retten. Leider hatten wir keine Chance», sagt er. Nur eine Sache tröste ihn: «Sie ist jetzt an einem besseren Ort.»
* Name bekannt