Darum gehts
- Die verheerende Brandkatastrophe in der Bar Le Constellation forderte 41 Todesopfer
- Das Barbetreiberpaar Jacques und Jessica Moretti wurde befragt, Jacques Moretti kam in Polizeigewahrsam
- Das Feuer wurde durch Sprühkerzen an Champagnerflaschen ausgelöst
Pilloud und Féraud sind Mitglieder in derselben Walliser Weinzunft
Von Daniel Macher, Redaktor am Newsdesk
Ein Weinanlass sorgt im Wallis für politische Diskussionen. Am 28. März wollte Generalstaatsanwältin Béatrice Pilloud als Schirmherrin beim Frühlingsanlass der Weinzunft «Ordre de la Channe» in Siders auftreten. Die «NZZ» berichtete zuerst. Der Traditionsorden zählt rund 600 Mitglieder aus Politik, Wirtschaft und Kultur – darunter auch Nicolas Féraud, Gemeindepräsident von Crans-Montana. Beide gehören zudem der FDP an.
Angesichts der Ermittlungen um die Brandkatastrophe von Crans-Montana spricht der Opferanwalt Christophe de Galembert von einer «problematischen Nähe», sollte zwischen Mitgliedern der Staatsanwaltschaft und potenziell betroffenen Behördenvertretern eine engere Beziehung bestehen als bekannt.
Pilloud sagt, sie habe «keinerlei Kenntnis» von Férauds Mitgliedschaft gehabt. Ordenspräsident Patrick Bérod weist Filz-Vorwürfe zurück: Im Zentrum stünden Weinkultur und Tradition – nicht Geschäfte.
Gegnüber der «NZZ» gab die Staatsanwältin bekannt, dass sie nicht an der Veranstaltung teilnehmen werde. Sie wolle so ihre Familie schützen.
Féraud hat sich dazu bisher nicht gegenüber den Medien geäussert.
Feuerwehrchef: «Ich bin nicht für die Materialprüfung zuständig»
Von Mattia Jutzeler, Redaktor am Newsdesk
«Wir wollten ihnen wirklich helfen – es tut mir leid»: Kurz nach der Brandkatastrophe gab David Vocat, Feuerwehrchef von Crans-Montana, Blick ein bewegendes Interview. Am Montag wurde Vocat nun als Zeuge polizeilich befragt. Grund für seine Vernehmung war insbesondere seine Rolle bei der Inspektion der Inferno-Bar Le Constellation im Jahr 2018. Laut RTS habe der Feuerwehrchef damals an der Inspektion teilgenommen, aber nichts über den berüchtigten Schaumstoff gesagt, der in der Silvesternacht durch Wunderkerzen Feuer fing und die Brandkatastrophe auslöste.
«Ich bin nicht für die Materialprüfung zuständig», rechtfertigt sich Vocat nach seiner Vernehmung gegenüber RTS. Seine Hauptaufgabe sei die Überprüfung der Zugänge für die Feuerwehr, nicht die Gewährleistung der Sicherheit der von ihm besuchten Gebäude. «Ich bilde mich in allen neuen Technologien weiter, aber wir sprechen über Elektroautos, Solaranlagen und all die anderen Dinge, die für Einsatzkräfte gefährlich sind, aber nicht über brennbare Materialien in Gebäuden.»
Vocat sprach nach seiner Vernehmung ausserdem darüber, wie stark ihn die Brandkatastrophe persönlich belastet. «Die letzten vierzig Tage wusste ich nicht, ob ich träume oder einen Albtraum habe. Und jetzt bin ich in einem Albtraum, und ich hoffe wirklich, dass wir da eines Tages wieder rauskommen.»
Das passiert mit den Verletzten nach ihrer Rückkehr in die Schweiz
Von Janine Enderli, Redaktorin am Newsdesk
Nach der Brandkatastrophe von Crans-Montana haben die verletzten Opfer noch einen langen Weg vor sich. Dank verbessertem Gesundheitszustand können immer mehr Verletzte aus dem Ausland zurück in die Schweiz verlegt werden.
Bund, Kantone und beteiligte Institutionen bereiten die weiteren Rückführungen eng abgestimmt vor, um eine lückenlose Anschlussbehandlung sowie die Betreuung der Angehörigen sicherzustellen, heisst es am Dienstag in einer Medienmitteilung des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz.
Bis Ende Januar besuchten zwei Swiss Contact Teams alle Betroffenen mit Schweizer Staatsbürgerschaft oder Wohnsitz in der Schweiz in Spezialkliniken in Belgien, Deutschland, Frankreich und Italien. Dabei wurden Rückverlegungszeiträume und Nachsorgebedarf erfasst. «Während einige Patientinnen und Patienten weiterhin in kritischem Zustand sind, können andere bereits in den kommenden Tagen zurückgeführt oder nach Hause entlassen werden», heisst es in dem Communiqué.
Diese Rückführungen und die Weiterbehandlung erfolgen nach einen konkreten Ablauf. Die operative Koordination erfolgt durch ein Medical Board bei der Nationalen Alarmzentrale des Bundesamt für Bevölkerungsschutz. Dieses stellt den Kontakt zu europäischen Verbrennungszentren sicher und organisiert Transport sowie Aufnahme in Schweizer Einrichtungen, meist zunächst in ein Verbrennungszentrum und danach in eine Rehaklinik.
«Ziel ist, dass alle Betroffenen mit Bezug zur Schweiz hierzulande rehabilitiert werden können, inklusive psychosozialer Begleitung.» Derzeit werden 36 Patientinnen und Patienten, darunter 16 Personen mit Schweizer Staatsangehörigkeit und 5 Patientinnen und Patienten ausländischer Nationalität, aber mit Wohnsitz der Schweiz im Ausland behandelt.
Von den 36 Patientinnen und Patienten werden 16 in Frankreich, 5 in Deutschland, 12 in Italien und 3 in Belgien behandelt. In der Schweiz werden derzeit 31 Patientinnen und Patienten stationär behandelt. 22 Patientinnen und Patienten befinden sich in Spitälern, 9 in Rehabilitationskliniken
Rätsel um Kaution für Jessica Moretti
Von Janine Enderli, Redaktorin am Newsdesk
Dank 200'000 Franken wurde Jacques Moretti (49) Ende Januar aus der Untersuchungshaft entlassen. Zunächst war unklar, woher das Geld kam. Gemäss Medienberichten wurden die 200'000 Franken von einem «anonymen Freund» bezahlt.
Auch für Jessica Moretti (40) soll das Gericht eine Kaution verlangt haben. Zunächst verdichteten sich die Hinweise, dass ein Westschweizer Uhren-Unternehmer sich bereit erklärt hatte, die Kaution für beide – also 400'000 Franken – zu zahlen. Die ganze Geschichte kannst du hier nachlesen.
Nun berichtet die italienische Zeitung «Il Messaggero», dass unklar sei, inwiefern Geld für Jessica Moretti hinterlegt worden sei. Entsprechende Hinweise auf eine Zahlung beziehungsweise Berechnung seien in den Unterlagen nicht dokumentiert. Bisher seien nur die 200'000 Franken für Jacques Moretti klar vermerkt worden, heisst es in dem Bericht.
In den Tausenden von Seiten, die die Staatsanwaltschaft den Anwälten der Zivilkläger vorgelegt hat, wird ausdrücklich auf die Kaution für die Freilassung von Jacques Moretti Bezug genommen, aber der Nachweis für Jessica Morettis fehle und vom Gericht gebe es keine Informationen mehr dazu.
Fast alle Anwälte der Nebenkläger verlangen nun Aufklärung und Transparenz vom Gericht.
Selfie zeigt Liebespaar in der Inferno-Bar
Von Mattia Jutzeler, Redaktor am Newsdesk
Ihre Geschichte ging nach der Brandkatastrophe in der Silvesternacht um die Welt. Der Fussballer Tahirys Dos Santos (19) riskierte sein Leben, um seine Freundin Coline (22) aus den Flammen zu retten. Der Sportler erlitt schwere Verbrennungen an Rücken, Gesicht, Händen und Armen.
Die Nacht hat bei ihnen deutliche Spuren hinterlassen. «Ich habe mich sterben sehen», erklärt der junge Mann der Sportzeitung L'Équipe. Die ganze Geschichte des jungen Fussballers hat meine Kollegin Janine Enderli hier zusammengefasst.
Jetzt wurde ein neues Selfie des Liebespaares publiziert, das die beiden kurz vor der Brandkatastrophe in der Inferno-Bar Le Constellation zeigt. Tahirys und Coline haben sich laut eigener Aussage etwa 30 Minuten lang in der Bar aufgehalten.
In einem Gespräch mit der französischen Zeitschrift «Paris Match» erzählen sie, wie es ihnen heute geht. Die beiden waren wegen ihrer Behandlungen fast einen ganzen Monat voneinander getrennt – so lange wie noch nie in ihrer Beziehung. Coline lag wegen ihrer schweren Verbrennungen fast drei Wochen lang im Koma.
«Als ich sie sah, war es, als wäre eine Last von mir abgefallen», erzählt Tahirys. Die beiden werden aktuell in derselben Klinik im französischen Metz behandelt und konzentrieren sich auf ihre Rehabilitation.
Hornbach: Morettis können Schaumstoff nicht 2015 gekauft haben
Von Mattia Jutzeler, Redaktor am Newsdesk
Der Schaumstoff an der Decke der Inferno-Bar Le Constellation war es, der in der Silvesternacht zur Katastrophe führte. Durch Wunderkerzen entzündet, kam es innert kürzester Zeit zum Flächenbrand. Das Ehepaar Moretti, die Betreiber der Bar, behauptete, diese Schaumstoff-Platten vor über zehn Jahren in einer Hornbach-Filiale gekauft zu haben. Die Mitarbeiter der Filiale hätten sie beim Kauf sogar beraten, berichtete RTS Ende Januar.
Der Baumarkt Hornbach hat laut «Le Temps» im Jahr 2015 aber keine strukturierte Akustikschaumplatte im Sortiment geführt. Hornbach habe der Walliser Staatsanwaltschaft mitgeteilt, entsprechende Schaumstoffe seien erst ab Ende März 2016 in zwei Varianten erhältlich gewesen.
Diese seien nach amerikanischen und französischen Normen in die Klasse M4 eingestuft, was der höchsten Geschwindigkeit der Brandausbreitung entspreche.
Liefern Mobiltelefone der italienischen Opfer weitere Hinweise?
Von Marian Nadler, Redaktor am Newsdesk
Einige der jungen Opfer filmten in der Silvesternacht zunächst die brennende Decke in der Bar Le Constellation, ohne zu verstehen, welche Katastrophe sich da eigentlich gerade vor ihnen ausbreitete. Die Staatsanwaltschaft Rom will nun einen Berater damit beauftragen, die Bilder auf den beschlagnahmten Mobiltelefonen der italienischen Opfer zu kopieren, wie die Nachrichtenagentur Ansa am Montagabend berichtete.
Staatsanwalt Stefano Opilio hatte in den vergangenen Tagen im Rahmen einer beschlagnahmten Beweisaufnahme die Mobiltelefone der Opfer sichergestellt. Es wird davon ausgegangen, dass die Bilder, Chats und anderen Daten aus der Nacht vom 31. Dezember auf den 1. Januar wichtige Hinweise für die Rekonstruktion des Brandes in der Bar Le Constellation in Crans-Montana liefern können.
Meine Kollegin Janine Enderli hat die tödlichen Umstände, die zur Katastrophe führten, bereits Mitte Januar rekonstruiert. Damals zählte sie fünf Faktoren auf. Womöglich muss sie diese Liste demnächst erweitern.
Jetzt wird Feuerwehrchef als Zeuge vernommen
Von Marian Nadler, Redaktor am Newsdesk
Die Hintertür der Polizeistation in Sitten VS wird immer wichtiger: Nachdem das Betreiberehepaar Moretti in der vergangenen Woche wütenden Angehörigen der Opfer der Brandkatastrophe im Le Constellation durch die Hintertür auswich, ging der Feuerwehrchef von Crans-Montana VS nun den umgekehrten Weg. David Vocat wurde am Montag als Zeuge vernommen – und wählte den Hintereingang. Das berichtete die Nachrichtenagentur AFP. Inhaltlich wurde zunächst nichts bekannt.
Der Druck auf die Gemeinde steigt und steigt, schreibt mein Kollege Martin Meul in seinem am Montag erschienen Text. Das liegt auch an brisanten Aussagen eines Möbellieferanten der Morettis, die Gerüchte um einen Maulwurf bei der Gemeinde nähren.
Der Feuerwehrchef von Crans-Montana war gemäss verschiedenen Medienberichten bei einer Kontrolle der Sicherheits- und Brandschutzmassnahmen im Jahr 2018 anwesend. Bei dieser Gelegenheit hatte der Sicherheitsbeauftragte der Gemeinde eine Liste mit Verstössen an den Walliser Eigentümer der Räumlichkeiten und den Geschäftsführer der Bar, Jacques Moretti, übergeben, der das Lokal dann 2022 zusammen mit seiner Frau kaufte. Seit 2019 waren in der Bar keine Brandschutzkontrollen mehr durchgeführt worden.
Italienische Opfer sollen umfassend forensisch untersucht werden
Von Marian Nadler, Redaktor am Newsdesk
Das schweizerisch-italienische Verhältnis hat durch die Brandkatastrophe in Crans-Montana VS gelitten. Die Krise gipfelte in einem Rechtshilfegesuch aus Italien, dem stattgegeben wurde. Jetzt will die für die italienischen Opfer zuständige Staatsanwaltschaft in Rom eine umfassende forensische Untersuchung anordnen. Diese soll sich auf alle medizinischen Unterlagen zu italienischen Staatsbürgerinnen und Staatsbürger beziehen, die von dem Brand in der Silvesternacht betroffen waren, schreibt die Nachrichtenagentur Keystone-SDA. Am Montag vernimmt die Polizei zudem weitere Verletzte, wie die italienische Nachrichtenagentur Adnkronos am Montag berichtet.
Am Donnerstag kommt es zum grossen Staatsanwaltschafts-Showdown in Bern. Dann treffen sich die italienischen Staatsanwälte mit der Walliser Staatsanwaltschaft. Man will eine Bilanz zu den bisherigen Ermittlungen ziehen. Zudem sollen die beiden Strafverfahren koordiniert werden, wie das Bundesamt für Justiz (BJ) bereits am Samstag auf Anfrage von Keystone-SDA mitteilte. So soll im Rahmen des Treffens auch die Möglichkeit einer gemeinsamen Ermittlungsgruppe besprochen werden.
Die italienischen Behördenvertreter fordern ferner von den Wallisern Zugang zu den Beweismitteln, «denn ohne die Beweismittel der Staatsanwaltschaft des Kantons Wallis könnte Italien das eigene Strafverfahren nicht führen». Italien ist also auf die Unterstützung der Schweiz angewiesen. Da auch Italiener bei der Brandkatastrophe zu Opfern wurden, ist die italienische Justiz verpflichtet, ein eigenes Strafverfahren zu eröffnen.
Die italienischen Crans-Montana-Ermittlungen wird Francesco Lo Voi (68) leiten. Er gilt als gewiefter Mafiajäger. Was du über Roms obersten Ankläger wissen musst, hat meine Kollegin Céline Zahno aufgeschrieben.
Gemeindeangestellter versäumte Kontrollen
Von Natalie Zumkeller, Redaktorin am Newsdesk
Als die Morettis 2015 das «Le Constellation» renovierten, fehlten ihnen laut einem Bericht von RTS die Genehmigung für einen Umbau des Innenraums. Der Gemeindebeamte D.*, der in Crans-Montana für die Baugenehmigungen zuständig ist, erteilte diese nur für die Veranda – das Lokal wurde aber komplett umgebaut.
Von dem Betreiber-Ehepaar wurden die Arbeiten als «geringfügiger Umbau» dargestellt – diese Einstufung wird nun von mehreren Opfer-Anwälten kritisiert, da sie zu einem vereinfachten Verfahren, insbesondere beim Brandschutz, geführt hatte.
Bei einer Kontrolle des Le Constellation 2019 forderte ein Kollege von D. von den Morettis eine Genehmigung für das neu-entstandene Fumoir – zuvor hatte das Ehepaar das Lokal erneut ohne Bewilligung ausgebaut, aus einem ehemaligen Technikraum entstand die Raucherzone. Obwohl die Forderung seines Kollegen schriftlich festgehalten wurde, verfolgte D. die Angelegenheit nie weiter.
Auch D. steht in der Kritik: Der Beamte wurde nach einem Vorfall in der Gemeinde erstinstanzlich wegen fahrlässiger Körperverletzung verurteilt – das Urteil wurde in zweiter Instanz kantonal wieder aufgehoben. Dahinter steht ein Unfall aus dem Jahr 2019, als ein Mann im Rahmen eines Golfturniers in Crans-Montana eine Treppe hinunterstürzte, die nicht korrekt gesichert war. Nach dem Sturz lehnte er sich an eine Schranke, stürzte rückwärts und landete auf dem Rücken. In der Folge war er querschnittsgelähmt. Später kam heraus, dass die Schranke zu niedrig war und nicht der Norm entsprach.
Laut RTS ist bisher nicht geplant, D. zu befragen. Eine Anfrage von RTS liess die Gemeinde unbeantwortet.
*Name gekürzt