Darum gehts
- In Weinfelden erfasste ein Zug am Samstag eine Frau (†55) im Rollstuhl
- Nachbarschaft ist geschockt und hat schon erste Theorien zum Unfall
- Die Kantonspolizei Thurgau schliesst ein Verbrechen mehrheitlich aus, Ermittlungen laufen
Es deutet fast nichts mehr darauf hin, dass hier an einem Bahnübergang in Weinfelden TG ein Menschenleben geendet hat. Velofahrerinnen und Velofahrer fahren über die Geleise, Familien machen einen Ausflug, Pensionäre flanieren am Wochenende. Mehrmals pro Stunde ertönt das rhythmische Bimmeln des Bahnübergangs, die Schranken senken sich.
Links und rechts der Geleise ist das hohe Gras niedergetrampelt. Wahrscheinlich von Rettungskräften. Und wenn man genau hinschaut, sieht man am Boden noch Schleifspuren. Sie ziehen sich von der Strasse mehrere Meter die Schienen entlang, sind auf den Gleisschwellen und auf dem Holz deutlich zu sehen.
Tödlicher Unfall am Samstagmittag
Am Samstag, kurz nach 13 Uhr, kam es hier zu einer Tragödie. Eine Frau (†55) in einem Elektrorollstuhl befand sich kurz nach 13 Uhr auf diesem Übergang, mutmasslich zwischen den Schranken. Weshalb sie dort stand, wird aktuell von der Kantonspolizei Thurgau ermittelt. Der Lokführer eines regionalen Thurbo-Zugs, der in Richtung Berg TG unterwegs war, legte eine Vollbremsung ein. Doch sie kam zu spät. Die Frau, die in einem nahe gelegenen Alterszentrum wohnte, wurde getroffen und tödlich verletzt.
Auf Anfrage möchte die Heimleitung kein Interview zum Thema geben. Der Leiter schreibt Blick jedoch: «Alle Menschen, die uns verlassen, fehlen uns. Bei einem solchen Ereignis ist die Bestürzung noch grösser.»
Ein Pfiff und ein Knall: «Dann war alles schon passiert»
Werner Döbeli (71) schluckt ein paar Mal schwer, bevor er vor die Kamera tritt. Er wohnt wenige Meter neben der Unfallstelle und kann noch immer nicht ganz fassen, was hier passiert ist. «Wir sind schon ziemlich geschockt. Am Samstagabend hatten wir keinen Appetit mehr.» Die Frau im Rollstuhl sei in Weinfelden bekannt gewesen. Sie fuhr einen Rollstuhl mit Joystick und Kopfstütze, hatte oft einen roten Helm auf dem Kopf. Verschiedene weitere Passanten geben die gleiche Beschreibung der verunfallten Frau.
Döbeli war zu Hause, keine 50 Meter vom Unfallort entfernt. «Als die Bahn so lange laut pfiff, dachte ich, es sei vielleicht eine Nostalgie-Fahrt mit einer alten Dampflok.» Doch dann hörte er Bremsgeräusche und einen Schlag. «Dann war alles schon passiert. Wir haben schnell vermutet, dass das ein Unfall gewesen sein muss.»
Der 71-Jährige und seine Frau wurden Zeuge, wie erst die Polizei, dann Ambulanz und Feuerwehr vor Ort kamen. «Es ging ziemlich lange, bis der schwere Rollstuhl geborgen werden konnte.» Am Schluss tauchte dann noch der Leichenwagen auf. Für den Weinfelder Döbeli war es ein schrecklicher Anblick. Ihm tut nicht nur die verunfallte Frau leid, sondern auch die Person im Führerstand. «Ein Zugführer, der so etwas erleben muss. Das ist heftig.» Der Unfall in Weinfelden lässt Döbeli so schnell nicht mehr los: «Wir schauen diesen Übergang jetzt mit anderen Augen an.»
War der Rollstuhl in den Spurrillen steckengeblieben?
Was hier im Detail geschehen ist, wissen bislang weder Bevölkerung noch Polizei. Einer, der eine ziemlich genaue Theorie hat, ist Nicola Gualtieri. Der 48-Jährige arbeitet bei einem grossen Zugbauer und wohnt keine 20 Meter von der Unfallstelle entfernt. Er hat die Spurrillen auf Trottoir und Strasse im Verdacht. «Die Frau ist wahrscheinlich darin steckengeblieben», sagt Gualtieri.
Gesehen hat er es selber nicht, aber das ist aktuell in der Region die vorherrschende Theorie dazu, wie es zum tragischen Unfall gekommen sein könnte. «Sie versuchte wohl, sich zu befreien, in der Zwischenzeit haben sich die Barrieren gesenkt.» Diese Spurrillen, eingelassen in ein Gummielement auf dem Bahnübergang, seien nicht nur für Rollstuhlfahrerinnen eine Gefahr: «Auch Schulkinder müssen ihr Kickboard oder ihren E-Roller über die Geleise hieven, damit er nicht klemmen bleibt».
Diese Spurrillen sollten einer genauen Prüfung unterzogen werden. «Das wäre unser Wunsch», sagt Anwohner Gualtieri. Auch eine Kamera zur Überwachung des Übergangs wäre eine gute Ergänzung, damit so etwas nicht wieder geschieht. «Ich wohne schon seit 25 Jahren hier. Wir haben hier schon einiges erlebt.»