Darum gehts
- Fünf Menschen starben bei Busunfall nahe Zernez; Trauergottesdienst abgehalten
- Unfallursache unklar, 40 Verletzte, Polizei und Staatsanwaltschaft ermitteln
- 48 Personen betroffen, darunter 5 Tote über 70 Jahre, 13 zurückgereist
Das Licht fällt durch die Bogenfenster auf die geschnitzte Holzdecke der katholischen Kirche von Zernez GR. Es ist ein kleiner Raum, getragen von mächtigen Holzpfeilern. Vorn, vor dem Altar, brennen fünf Kerzen. Jede von ihnen steht für einen Menschen, der vergangene Woche auf der Strasse nach Susch GR sein Leben verloren hat.
In den vorderen Bänken sitzen die niederländische Botschafterin Karin Mössenlechner (55) und Domenic Toutsch (59), der Gemeindepräsident von Zernez. Dahinter haben einige Anwohner und Gäste Platz genommen. Nicht alle Bänke sind besetzt. Die Stimmung ist still und zurückhaltend.
Verena Christoffel (62) ist am Morgen aus dem Nachbardorf gekommen. Auf dem Weg zur Kirche fuhr sie an der Unfallstelle vorbei. Am Strassenrand sah sie Blumen, die dort niedergelegt worden sind.
Vom Unglück hatte Christoffel durch ihren Sohn erfahren. Zunächst habe sie nicht realisiert, wie schwer der Unfall gewesen ist. «Im ersten Moment habe ich gedacht, das ist nicht so schlimm», gesteht sie dem Blick-Reporter.
Erst als sie die Unfallstelle sah, wurde ihr das Ausmass bewusst. Normalerweise gehe sie sonntags nur selten in die Kirche, erzählt sie weiter. Doch heute wollte sie dabei sein. «Man weiss nicht, was man sagen soll – es ist himmeltraurig.»
Ein paar Bänke weiter sitzt Joel Rietmann (33) mit seiner Frau und seinem Sohn. Für die junge Familie gehört der Kirchenbesuch am Sonntag dazu. Dieser Sonntag sei aber anders. Die Betroffenheit im Raum sei deutlich zu spüren, sagt Rietmann zu Blick. «Wir wollten unser Mitgefühl ausdrücken.» Den Angehörigen der Opfer wünsche er vor allem Kraft und Vertrauen.
Kevin Spanjersberg (33) berichtet für den niederländischen Fernsehsender Hart van Nederland über das Unglück. Auch ihn lässt das Geschehene nicht kalt, obwohl er die Toten nicht persönlich gekannt hat. «Niemand verdient so ein Schicksal», sagt er zum Blick-Reporter.
Der Reisecar aus den Niederlanden war am Donnerstagnachmittag auf der Engadinerstrasse von Zernez Richtung Susch unterwegs. Im Bereich einer Baustelle prallte das Fahrzeug in eine Leitplanke und kippte auf die Seite.
Opfer galt als «Fels in der Brandung»
An Bord befanden sich 48 Passagiere und der Chauffeur. 40 Menschen wurden verletzt. Der Fahrer – Jonathan B.* – überlebte. Ob ihn eine Schuld trifft, ist derzeit unklar. Die Polizei und die Staatsanwaltschaft Graubünden untersuchen den Unfallhergang.
Für fünf Passagiere kam jede Hilfe zu spät. Vier Frauen und ein Mann, alle über 70 Jahre alt, starben noch an der Unfallstelle.
Unter den Todesopfern ist der 75-jährige Siebrand aus Groningen. In seiner Heimat hatte er sich seit Jahren für ein Folk-Festival engagiert. Die Veranstalter bezeichnen ihn als «Fels in der Brandung». In Zernez erinnert nun eine der fünf Kerzen vor dem Altar an ihn.
Pfarrer Mathew Charthakuzhiyil (55) steht vor der Gemeinde. Er gab Blick das Einverständnis, bei der Messe dabei zu sein und darüber zu berichten. Das Datum des Unglücks und die Trauer der Menschen wecken bei ihm Erinnerungen an eine andere Zeit. An den 11. September 2001.
«Habe keine Erklärung»
Charthakuzhiyil war damals ein junger Priester im Erzbistum Detroit. Nur einen Monat vor den Terroranschlägen hatte er selbst auf einem der Türme des World Trade Center gestanden. Nachdem am 11. September die Flugzeuge in die Türme einschlugen, suchten Menschen Trost und Halt in seiner Kirche.
«Wenn Menschen fragen, warum Gott solches Leid zulässt, habe ich keine Erklärung, die ihren Schmerz nehmen könnte», sagt er. Wichtig sei, das Leid gemeinsam auszuhalten, geduldig zuzuhören und dort praktische Hilfe zu leisten, wo sie gebraucht werde.
Auch während des Gottesdiensts stehen deshalb nicht Erklärungen im Mittelpunkt, sondern die Menschen, die vom Unglück betroffen sind. In den Fürbitten betet Charthakuzhiyil für die Verstorbenen, die Verletzten und ihre Angehörigen.
Während in Zernez der Opfer gedacht wird, sind die Folgen des Unglücks für viele Betroffene noch längst nicht vorbei. Zahlreiche Überlebende werden weiterhin im Spital betreut. 13 Passagiere sind in die Niederlande zurückgereist. Einigen hatten zunächst die Ausweise gefehlt. Die Dokumente waren im Wrack des Busses zurückgeblieben.
In der Kirche brennen die Kerzen vor dem Altar weiter – für fünf Menschen, die nicht mehr nach Hause zurückkehren.
* Name geändert