Darum gehts
Es gehört zu einem der schlimmsten Kutschen-Unglücke der letzten Jahre. Am Samstag verunfallte im Rosegtal GR ein Dreier-Pferdegespann, das eine Kutsche mit zwei Anhängerwagen zog. Dabei starb eine Frau (†73) aus dem Aargau, zwölf Menschen wurden teils schwer verletzt. Es wird vermutet, dass ein Bremsversagen zum Unfall führte. Gegen das Kutschenunternehmen läuft nun ein Strafverfahren wegen fahrlässiger Tötung.
Bisher sprachen viele Menschen über das Drama, aber noch nie jemand, der auf dem Pferde-Omnibus mitfuhr. Bis jetzt. Denn Blick konnte mit der Passagierin Patricia T.* (67) aus der Region Lenzburg AG reden. Sie berichtet vom dramatischen Erlebnis.
Die alleinstehende Rentnerin war auf der Todeskutsche und ist inzwischen wieder zu Hause. «Es geht mir den Umständen entsprechend gut», sagt Patricia T. Sie hat lediglich Prellungen im Rippenbereich erlitten. Sie sagt: «Ich bin wirklich froh, dass ich noch lebe.»
Zuerst geht alles gut
Patricia T. ging mit 32 anderen Aargauerinnen und Aargauern letzten Donnerstag auf die viertägige Reise ins Engadin – organisiert durch das Reiseunternehmen Frey aus Schlossrued AG. «Ich habe dort schon mehrfach gebucht», sagt die Seniorin. «Doch noch nie ist etwas passiert.» Sie sei alleine gereist, und es habe alles gut angefangen. «Am Donnerstag fuhren wir mit dem Car in ein Hotel in Le Prese. Am Freitag hatten wir dann eine Wein-Degustation und ein feines Essen. Es war ein schöner Tag.»
Doch dann kommt der Samstag. Auch da geht zuerst alles gut. «Wir fuhren zuerst mit dem Bernina-Express bis Pontresina», sagt Patricia T. Dort hätten sie einen kurzen Aufenthalt gehabt. Dann seien sie mit der Kutsche losgefahren ins Rosegtal. Dort haben sie Mittag gegessen. «Um zirka 14.45 Uhr ging es dann mit der Kutsche wieder zurück.» Da sei ihr aufgefallen: «Wir hatten mehr Wagen an den Rössern, also nicht mehr nur einen, sondern drei.» Sie habe aber vor der Fahrt kein schlechtes Gefühl gehabt. «Es ist mir auch nichts Negatives aufgefallen. Der Kutscher war auch ganz sympathisch.»
«Der Kutscher hat alles probiert»
Dann passiert es. «Ich sass im vordersten Wagen», sagt Patricia T. Wie sie später erfährt, sei das spätere Todesopfer gleich hinter ihr ganz rechts gesessen. Sie habe im Vorfeld des Unfalls nie mit ihr gesprochen und sie auch nicht gekannt. «Plötzlich wurden wir schneller und schneller, der Kutscher konnte nicht mehr richtig bremsen. Sicher über einen Weg von 200 Metern. Die Rösser haben gezogen und gezogen, warum auch immer. Der Kutscher hat alles probiert, mehrfach ‹Brrr› gerufen und mit der Leine zurückgezogen.» Vergebens.
Patricia T.: «Dann ist plötzlich ein Pferd gestolpert und wir flogen mit der Kutsche in einen Baum. Es ging alles so schnell, es konnte nicht mal jemand schreien.» Das Gefährt sei dann auf dem Ross gelandet. «Wir sind dann alle schnell ausgestiegen. Bis natürlich auf die Verstorbene. Ich konnte nicht hinsehen, wollte auch nicht.» Das Ross sei dann aufgestanden und zuerst in den Wald gerannt. «Es kam dann wieder zurück. Es ging ihm – ausser einer Schürfwunde am Bein – und den beiden anderen Pferden gut.»
Patricia T. tat der Kutscher leid
Es sei dann rasch Hilfe von zivilen Personen gekommen. «Die Unverletzten gingen dann etwas weg vom Unfallort, und die Verletzten wurden auch etwas zur Seite genommen», sagt Patricia T. Der Kutscher sei unter Schock gestanden, er habe ihr leidgetan. «Ich selber kam mit den Rippenprellungen davon.»
Der Lebenspartner der Verstorbenen habe nach der Verstorbenen gerufen und zu ihr gehen wollen, doch sie sei unter dem Wagen gelegen, das sei schlimm gewesen. «Einzelne haben auch geweint.»
Patricia T. habe aber nicht ins Spital müssen und sei am nächsten Tag vom Reiseveranstalter Frey nach Hause gefahren worden. Sie macht im Nachhinein niemandem einen Vorwurf. «Es war Schicksal, ein tragischer Unfall», so die 67-Jährige. «Klar», sagt sie, «vielleicht hätte man nicht so viele Wagen anhängen sollen. Aber der Kutscher hat den Unfall sicher nicht extra gewollt.»
Sie werde auch wieder mit dem Kutschunternehmen fahren und auch wieder bei Frey Reisen in Schlossrued buchen. «Vielleicht noch nicht heute, aber wenn sich die ganze Sache etwas gelegt hat.» Patricia T. ist froh, dass sie noch hier ist. «Und dass ich ohne Schmerzen wieder ein wenig lachen kann.»
* Name geändert