Darum gehts
- Eine Kutsche verunglückte im Rosegtal GR, 12 Verletzte, eine 73-Jährige tot
- Betroffener Betreiber besitzt seit 2011 exklusive Konzession für die Strecke
- Wer ihn kontrolliert, ist unklar
Plötzlich konnte der Kutscher nicht mehr bremsen: Bei einer Kutschenfahrt mit dem Pferde-Omnibus im Rosegtal GR ist es am Samstag zu einem tragischen Unfall gekommen. Insgesamt wurden 12 Personen verletzt, teils schwer. Eine Frau (†73) erlag ihren Verletzungen noch vor Ort.
Die Bestürzung ist gross. Im Kanton Aargau und im Engadin. Und es gibt Kritik. Eine deutsche Touristengruppe findet an der Unfallstelle gegenüber Blick etwa: «Drei Pferde haben 40 Personen gezogen. Das ist Tierquälerei!»
Keine MFK-Abnahme
Wer ins Schweizer Gesetz schaut, der sieht: Was Kutschen anbelangt, ist dieses auffällig locker. Anders als etwa Autos werden diese nicht regelmässig von den Behörden überprüft. So erklärt Claudio Reich, Amtsleiter des Strassenverkehrsamts Graubünden, auf Blick-Anfrage: «Wir erteilen Tierfuhrwerken keine Verkehrszulassung im Sinne einer Motorfahrzeugzulassung und führen keine ordentliche MFK-Abnahme solcher Fahrzeuge durch.»
Zwar herrscht eine Ausrüstungspflicht. Die Vorgaben sind minimal. Vorgeschrieben sind etwa zuverlässige Bremsen und eine ausreichende Beleuchtung. Auch eine fixe Höchstanzahl von Mitreisenden gibt es nicht. Orientierung bieten soll etwa die Bauweise der Kutsche sowie die Anzahl «sicherer Sitzplätze». Es braucht nicht einmal einen Fähigkeitsausweis. Jeder ab 14 Jahren darf Tierfuhrwerke auf öffentlichen Strassen auch für kommerzielle Personentransporte fahren.
Keine technischen Kontrollen durch Gemeinde
Nur: In touristischen Gegenden unterstehen kommerzielle Kutschen- und Schlittenfahrten oftmals dem kommunalen Reglement. Im vorliegenden Fall dem sogenannten «Gesetz über das Kutscherwesen der Gemeinde Pontresina».
Für die vorliegende Reise mit dem Pferde-Omnibus – was vergleichbar mit einem öffentlichen Verkehrsmittel ist – hatte nur eine einzige Kutschenfirma eine Bewilligung. Wie Gemeindepräsidentin Nora Saratz Cazin am Montag gegenüber Blick erklärte, wurde diese zuletzt 2024 ausgestellt.
Per kommunalem Gesetz in Pontresina müssen «Kutschen und Schlitten in fahrtüchtigem Zustand sein und den gesetzlichen Vorschriften entsprechen». Saratz Cazin sagt: «Wir machen Kontrollen seitens der Gemeinde, allerdings nicht die technischen Kontrollen.» Durch wen und in welchem Umfang diese ausgeführt werden, bleibt offen.
Die Gemeindepräsidentin lässt zudem offen, ob gegen den Kutschenbetreiber schon früher Meldungen über Auffälligkeiten eingegangen sind. Sie verweist auf die strafrechtliche Untersuchung.
Kutscher vermuten überhitzte Bremsen
Der Unfall macht auch andere Kutscher betroffen. So etwa Edwin Bürge, Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für Fahrkultur. Zu Blick sagt er: «Fahrerfreunde und ich selbst haben mit grossem Bedauern vom Unfall Kenntnis genommen.»
Für den erfahrenen Kutscher stehen technische Störungen im Vordergrund. «Mögliche Ursachen wären beispielsweise ein Defekt an der Bremsleitung oder am Gestänge. Oder auch eine Überhitzung der Bremsen», erklärt er. «Als Kutscher ist man in dieser Situation nahezu machtlos.»
Auch geschockt zeigt sich Daniel Würgler (66), der Postillon vom Gotthard, der seit 40 Jahren Kutschen fährt und bei Unfällen auch Expertisen für Versicherungen macht. Er sagt zu Blick: «In diesem Fall wird der Knackpunkt sein, wie es möglich ist, dass man mit drei aneinandergehängten Wagen fährt – und dann noch bremsen können muss. Wie in jedem Bereich lässt sich dabei ein Restrisiko nicht ausschliessen.»
Probleme schon vor dem Unfall
Würgler ist sich sicher: Der Unfall wird der Kutscher-Szene zusetzen. «Am Montag haben Gäste sich nach der Sicherheit erkundigt. Wir haben aber nur eine Kutsche mit fünf Pferden und vier unabhängigen Bremsen. Auch wenn eine ausfällt, ist es sehr unwahrscheinlich, dass etwas Grobes passiert.»
Ebenfalls betroffen zeigen sich Pius und Agathe Holdener. Der erfahrene Kutscher aus dem Linthgebiet und seine Ehefrau sagen gegenüber Blick: «Wir haben bereits 2012 gewarnt. Als wir vom Unfall erfahren haben, war unser erster Gedanke: Das hat so kommen müssen!»
Das Paar erklärt: Bereits vor 14 Jahren kam es zwischen den beiden und dem betroffenen Betreiber in Pontresina zum Streit. «Schon damals meinten Gäste uns gegenüber, dass sie Angst vor diesen Fahrten haben – und da war an der Kutsche gerade einmal ein Wagen angehängt.» Sie hätten sich bei der Gemeinde über den Betreiber beschwert.
Kritik an Kutscherbetrieb
Pius Holdener (72) ist sich sicher: «Ich kenne seine Wagen. Die beiden Personenwagen haben keine Bremsen.» Was das bedeutet, zeichnet der Kutscher nach: «Da haben von hinten rund drei Tonnen auf den vorderen Wagen gedrückt. Der Kutscher drückt zwar dann auf die Bremse, die ist dann aber schon längst überhitzt.»
Der Unfall habe Folgen für Kutscherbetriebe, erklärt er. «Heute rief mich eine Altersheimleiterin an und wollte für eine anstehende Fahrt wissen, ob diese denn auch sicher sei und wie es um unsere Pferde und Wagen stehe.» Holdener gibt zu: «Wir Kutscher reden über den betroffenen Betreiber – und das nicht positiv.»
Der Kutschenbetreiber wollte sich gegenüber Blick nicht äussern.