Jetzt erheben Berner Eltern schwere Vorwürfe
«Die Kita-Leitung liess uns zwei Jahre lang im Dunkeln»

Kita-Gruppenleiter Tobias F.* trat nach den Missbrauchsfällen in Winterthur im Kanton Bern eine neue Stelle an und verging sich auch dort an Kindern. Eltern, deren Kinder die Berner Kita besuchten, melden sich bei Blick: Sie sind schockiert, wütend und verunsichert.
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Tobias F. hat als Gruppenleiter in Kitas in Winterthur und im Kanton Bern gearbeitet. Dort soll er mindestens 15 Kinder missbraucht haben. Im Februar 2024 wird er festgenommen. Seitdem sitzt er in Haft.
Foto: zVg

Darum gehts

KI-generiert, redaktionell geprüft
  • Tobias F. missbrauchte mutmasslich 15 Kleinkinder in Kitas in Zürich und Bern
  • Eltern kritisieren späte Informationen, Ermittlungen gegen Kita-Leitung laufen
  • 2020 Ermittlungen in Winterthur wegen Missbrauchsvorwurf mangels Beweisen eingestellt
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Devin SchürchReporter News

Tobias F.* (33) hat mutmasslich 15 Kleinkinder im Alter von ein bis vier Jahren in Kitas missbraucht. Ab 2020 soll es zu Vorfällen in Winterthur gekommen sein. Das dortige Verfahren wurde aber eingestellt.

Der Mann wechselte den Kanton und trat auf März 2023 in einer Kita im Kanton Bern seine neue Stelle als Gruppenleiter an. Dort setzte er seine Taten fort.

«Auf mich wirkte er ungepflegt»

Ein Elternpaar, dessen Kinder in die betroffene Berner Kita gingen, meldet sich bei Blick. Sie sind schockiert, wütend und verunsichert. Die grosse Frage: Könnten auch ihre eigenen Kinder betroffen sein?

Die Kita habe ihnen versichert, der Beschuldigte habe an jenen Tagen nicht gearbeitet, an denen die Kinder des Paares dort betreut wurden. Doch das beruhigt sie kaum. «Wenn Schichten kurzfristig getauscht werden, taucht das nirgends auf. Das ist für uns kein Beweis, dass nichts passiert ist», sagen sie.

Sie hatten auch persönlich Kontakt mit F. «Er war sehr aufgedreht», sagt die Mutter. Der Vater ergänzt: «Auf mich wirkte er ungepflegt.»

Dass nach bisherigen Erkenntnissen der Eltern grösstenteils Mädchen betroffen sein sollen, gibt ihnen keine Gewissheit. Ein Gedanke lässt sie nicht los: «Wie wäre es gekommen, wenn wir statt zwei Söhnen zwei Mädchen gehabt hätten?», sagt der Vater.

Über eine Freundin erfährt die Mutter, was betroffene Eltern durchmachen mussten. Diese haben Post von der Staatsanwaltschaft bekommen, um Einblick in die Akten und Videos zu erhalten. Die Mutter erklärt: «Man habe ihnen gesagt, sie sollen die Videos besser nicht anschauen.»

«Kommunikation eine Katastrophe»

Erstmals informiert wurden die Eltern der betroffenen Kita aus dem Kanton Bern Mitte Februar 2024. Wenige Tage, nachdem F. verhaftet wurde. «Es gab einen ausserordentlichen Elternabend, bei dem uns gesagt wurde, F. hätte Besuch von der Polizei gehabt», so der Vater. «Uns ist direkt aufgefallen, dass F. als Einziger fehlt.» Betroffene Eltern würden kontaktiert werden.

Dann: Funkstille. «Die Kita-Leitung liess uns zwei Jahre lang im Dunkeln», sagt die Mutter. «Sogar normale Elternabende fanden statt – ohne ein Wort dazu.»

Erst kurz, bevor der Fall öffentlich wurde, verschickte die Geschäftsführerin eine E-Mail. Die Eltern wurden informiert, dass Ende April der Gerichtsprozess gegen den ehemaligen Mitarbeiter beginne – die Verhandlung wurde mittlerweile auf ein unbekanntes Datum verschoben.

Für die Eltern ist klar: «Dieses Mail ist ein Versuch, sich aus der Verantwortung zu ziehen.» Sie kritisieren die Kommunikation scharf: «Nach zwei Jahren wird plötzlich kurz vor der Veröffentlichung informiert? Es ging mehr darum, sich zu rechtfertigen, als um die Vorfälle.»

Kita wusste selber lange nichts

Auf Blick-Anfrage an die Berner Kita meldet sich Rechtsanwalt Emanuel Zloczower und schreibt: «Weder das Team noch die pädagogische Leitung, die Geschäftsleitung oder die Eltern haben vor der Verhaftung Auffälligkeiten festgestellt.»

Wie es trotz Sicherheitskonzept trotzdem zu den Taten kommen konnte, kann auch er nicht beantworten. So schreibt der Anwalt: «Weil meine Klientin keine Akteneinsicht erhalten hat, kann sie sich nicht dazu äussern, weshalb es trotz der gelebten Sicherheitskonzepte zu Vorfällen kommen konnte.»

Dass die Eltern erst spät informiert wurden, liege daran, dass die Kita selbst keine Informationen bekommen habe. Auch eine eigene Anzeige gegen F. sei bislang nicht erfolgt, weil ihnen die genauen Vorwürfe nicht bekannt waren.

Vorwürfe schon früher – trotzdem neuer Job

Schon beim früheren Arbeitgeber in Winterthur soll es Hinweise auf die Missbrauchsvorwürfe gegeben haben.

«Wie kann es sein, dass ein Mensch, der bereits für Missbrauch verdächtigt wurde, einfach im nächsten Kanton weitermachen kann?», fragt sich der Vater aus dem Kanton Bern.

Für die Eltern ist das unverständlich. «Es muss eine schwarze Liste für Menschen in der Branche geben, damit andere Arbeitgeber gewarnt sind.» Laut der Berner Kita wusste diese nichts von den früheren Vorwürfen gegen F. «Gerade in solchen Fällen darf man doch nicht einfach schweigen», so die Eltern.

Gemäss Rechtsanwalt André Kuhn liegt das unter anderem an der Unschuldsvermutung. Erst bei einem rechtskräftigen Urteil sei ein Berufsverbot möglich.

Jedoch braucht es gemäss Experten eine bessere Früherkennung: «Aus fachlicher Sicht sprechen wir uns klar für zusätzliche Warnsysteme aus», sagt Dominik Galliker, Geschäftsleiter von Beforemore, einer Fachstelle für Prävention und Beratung bei Pädophilie und sexuellem Kindesmissbrauch, zu Blick.

*Name geändert


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