Granit Xhaka (33) wird von seiner Covid-Vergangenheit eingeholt. Wie zuvor Patrick Fischer (51) beschaffte er sich ein gefälschtes Impfzertifikat. Fischer wurde wegen Urkundenfälschung verurteilt, die Affäre kostete ihn den Job als Hockey-Nati-Trainer. Xhaka hat seine Tat inzwischen zugegeben. Das juristische Verfahren steht dem Fussballnati-Captain noch bevor. Breel Embolo (29) hingegen hat wegen eines gefälschten Covid-Zertifikats bereits einen Strafbefehl kassiert, wie am Freitag auch noch bekannt wurde. Angesichts der Debatte um Xhaka fast schon eine Fussnote.
Doch die Vergangenheit holt nicht nur Sportstars ein, sondern die ganze Schweiz.
Schnell waren die alten Fronten wieder da. Die vielen emotionalen, teils gehässigen Reaktionen auf die Affären Xhaka und Fischer zeigen: Die Schweiz hat die Pandemie weder aufgearbeitet noch verarbeitet.
Systemhöriger Naivling, ungeimpfter Schwurbler
Die Covid-Zeit spaltete das Land. Für die einen war schon Kritik an den Massnahmen verdächtig. Für die anderen bewies bereits die Impfung blinde Staatshörigkeit.
Wer dazwischen argumentierte, bekam von beiden Seiten ein Etikett. Geimpfte galten bei Corona-Skeptikern als systemhörige Naivlinge oder gar Verräter. Wer mit der Impfung zögerte, wurde von der Gegenseite ausgegrenzt und vorschnell als Extremist abgestempelt.
Freundschaften zerbrachen, Familien entzweiten sich. Laut einer SRG-Umfrage von Sotomo 2021 stritten über 70 Prozent im privaten Umfeld über Corona. Fast ein Drittel brach Kontakte ab.
Kaum war die Pandemie vorbei, wollte die Schweiz vor allem eines: vergessen. Die Sehnsucht nach Normalität war grösser als der Wille, den Ausnahmezustand aufzuarbeiten.
Was wir heute über Covid besser wissen
Anders als Grossbritannien, Schweden oder Deutschland verzichtete die Schweiz auf eine systematische, unabhängige Analyse ihrer Pandemiepolitik: Was war richtig? Was falsch? Was haben wir gelernt? Was würden wir heute anders machen?
Eine ehrliche Aufarbeitung würde allen etwas zumuten.
Die Impfung schützte deutlich besser vor schweren Verläufen als vor Ansteckung und Weitergabe. Trotzdem wurde das Covid-Zertifikat zeitweise wie ein Freipass behandelt. Auch Schulen würde man heute womöglich zurückhaltender schliessen. Die Folgen waren Lernrückstände und psychische Belastungen, besonders bei benachteiligten Kindern.
Richtig ist aber auch: Modellrechnungen zufolge verhinderten die Impfungen in der Schweiz geschätzt rund 40’000 Todesfälle. Die Schweiz kam glimpflicher durch die Pandemie als die meisten Nachbarländer. Das können auch Menschen anerkennen, die eine Impfung für sich persönlich ablehnten.
Die Politik reagiert zumindest auf Gesetzesebene. Im Schatten der Xhaka-Affäre hat der Ständerat diese Woche das Epidemiengesetz revidiert. Massnahmen sollen künftig nur bei «deutlich erhöhter» Gefahr zulässig und möglichst mild und kurz sein. Wer ein Impfobligatorium verweigert, soll nicht mehr gebüsst werden können.
Das ist mehr als nichts. Aber Verletzungen verschwinden nicht mit einem neuen Gesetz.
Zeit für Versöhnung
Zur Verarbeitung gehört: 2020 wusste niemand, was kommen würde. Politik und Wissenschaft machten Fehler. Manche Massnahmen trafen Menschen unnötig hart. Andere waren sinnvoll und wirksam. Und nicht jeder, der zweifelte, war ein Schwurbler.
Vor allem aber müssen wir akzeptieren, dass die eigene Überzeugung nicht die einzig gültige Wahrheit ist.
Vielleicht beginnt die Covid-Aufarbeitung – und damit Versöhnung – im Kleinen: bei jenem Freund, mit dem man sich damals zerstritten hat und dem man seither aus dem Weg geht.
Man muss seine Meinung nicht übernehmen. Man könnte ihn einfach wieder einmal anrufen.