Darum gehts
- Die Affäre um Patrick Fischer kennt fast nur Verlierer
- Jetzt wird auch der SRF-Journalist von der Vergangenheit eingeholt
- Das Schweizer Fernsehen zeigt wenig Führungsstärke in der Geschichte
Es gibt den Fall Patrick Fischer. Ein Nationaltrainer mit gefälschtem Covid-Zertifikat. Eine spektakuläre Geschichte aus dem Nichts. Der Hockeyverband laviert und verliert die Kontrolle. Dazu ist schon vieles gesagt – auch von uns.
Spannend wird es daneben. Aus dem Fall Fischer ist eine zweite Affäre gewachsen. Die Affäre Pascal Schmitz. Oder noch mehr: die Affäre SRF?
SRF hat entschieden: Die Fischer-Story gehört an die Öffentlichkeit. Das war ein Entscheid gegen Kumpel-Journalismus und für harten Nachrichten-Journalismus. Ohne Taktieren. Ohne Mischeln mit dem Verband. Ohne Rücksicht auf die Heim-WM.
Vorausgesetzt, Fischer hat seine Beichte SRF-Mann Schmitz nicht unter der Bedingung absoluter Verschwiegenheit erzählt, ist für mich klar: Ein Journalist, der so eine Information in der Schublade verschwinden lässt, sollte den Beruf wechseln.
Doch dann kippt die Geschichte.
Schmitz wird zur Zielscheibe: von SRF-Hassern, Fischer-Fans, Impfgegnern. Ihm passiert das gleiche wie Fischer: Die eigene Vergangenheit holt ihn ein. Alte Facebook-Posts tauchen auf. Teils über 15 Jahre her, aber hässlich genug: rassistisch, primitiv, weit unter der Gürtellinie. Schmitz entschuldigt sich und gibt seinen Nebenjob als Stadionspeaker ab. SRF nimmt ihn vom Sender.
Schmitz ist der Auslöser. Aber er ist nicht der Kern des Problems. Der zeigt sich mehrere Etagen höher. Man fragt sich: Wo sind die Chefs von SRF?
Die ganze Nation diskutiert – ohne SRF-Chefs
SRF musste wissen, was es mit der Fischer-Story auslöst. Wer den beliebten und erfolgreichen Nati-Trainer kurz vor einer WM demontiert, setzt eine Kettenreaktion in Gang. Empörung, politische Deutungskämpfe, persönliche Angriffe. Das war absehbar.
Trotzdem steht keiner der oberen Chefs hin und vor den Mitarbeiter, als der Sturm nach der Fischer-Enthüllung Fahrt aufnimmt.
Chefredaktor Tristan Brenn? Auf dem Sender, den er mitverantwortet, nicht präsent. Stattdessen ein «Club» zum Thema – ohne SRF-Vertreter als Gast. Nur ein aufgezeichnetes Statement von Brenns Stellvertreter.
Noch-SRF-Direktorin Nathalie Wappler? Kein Wort bisher.
SRG-Generaldirektorin Susanne Wille? Ebenfalls unsichtbar. Und das bei einem Medienthema, über das die ganze Nation seit bald zwei Wochen fiebrig diskutiert.
Das ist schwach.
Bei Zuschauern bleibt ein diffuses Gefühl
Im Abstimmungskampf gegen die Halbierungsinitiative erklärte Wille landauf, landab die unverzichtbare Rolle von SRF für die Schweiz und die Verantwortung des Journalismus. Jetzt, wo es konkret wird: Funkstille.
SRF und SRG haben viele Chefs. Aber wenig sichtbare Führung.
Ein Nährboden für Misstrauen. Dieses ist oft überzogen, oft politisch motiviert. Aber es verschwindet nicht, wenn niemand Verantwortung übernimmt. Bei vielen Zuschauern bleibt ein diffuses Gefühl.
Warum tritt nie ein Chef vor die Kamera und erklärt, wie SRF aktuelle Themen und wichtige Geschichten einordnet? Mit Namen, Funktion und Haltung. Ein Kommentar, der auch als solcher erkennbar ist. So wie bei der ARD.
Ja, dann gibt es Kritik. Mal von links, oft von rechts, von überall. Das gehört dazu. Das muss man aushalten. Erst recht, wenn man Sprengstoff-Storys wie jene über Fischer bringt.
De Weck und Leutenegger machten es anders
Früher gab es Figuren wie Roger de Weck (SRG-Direktor) oder Filippo Leutenegger (SRF-Chefredaktor). Der eine links-liberal, der andere bürgerlich positioniert. Beide angreifbar, beide sichtbar. Man wusste, woran man war – und konnte sich daran reiben. Wer mit offenem Visier kämpft, entzieht dem Misstrauen den Nährboden.
Heute wirkt SRF wie ein grosser Betrieb, der lieber verwaltet, als führt. Die Fischer-Affäre hat das offengelegt. Nicht wegen der Recherche. Sondern wegen dem, was danach kam. Oder eben nicht kam.
Die Geschichte zündete. Die Führung nicht.