«Tut mir leid, dass wir Hörer verärgert haben»
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SRG-Direktorin Wille:«Tut mir leid, dass wir Hörer verärgert haben»

SRG-Chefin Susanne Wille über den Kampf um den Service public
«Diese Initiative will die SRG kaputt machen»

Die SRG-Generaldirektorin kämpft gegen die Halbierungsinitiative, über die im März abgestimmt wird. Sie warnt: «Wer die Information und die Medien schwächt, schwächt die Sicherheit eines Landes.» Wille über Kritik an den Crans-Montana-Berichten und Fehlern bei UKW.
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SRF-Chefin Nathalie Wappler (l.) steht wegen der Crans-Montana-Berichterstattung in der Kritik.
Foto: STEFAN BOHRER

Auf sie richten sich bald die Augen der Nation: SRG-Chefin Susanne Wille (51) kämpft gegen die Halbierungs-Initiative, die am 8. März zur Abstimmung kommt. Parallel ist sie daran, den Medienkonzern umzukrempeln und eine neue SRF-Direktorin zu finden. Die erfahrene TV-Journalistin erscheint in Begleitung des SRG-Medienchefs und einer eigens bestellten Make-up-Assistentin im Berner TV-Studio. Das Interview zeigt auch die Nervosität auf, die derzeit an der Unternehmensspitze herrscht: Vor und nach dem Gespräch gab es ein Hin und Her um kritische Fragen. Abschnitte zur scheidenden SRF-Direktorin Nathalie Wappler (58) etwa oder zu manchen Kritikpunkten am SRF-Programm wollte die Chefin gestrichen haben.

Frau Wille, die Katastrophe von Crans-Montana ist das schlimmste Ereignis der jüngeren Schweizer Geschichte. Warum hat SRF am 1. Januar abends zur Primetime keine Sondersendung gebracht oder den Gottesdienst übertragen, sondern «Tatort» und «Auf und davon» ausgestrahlt?
Susanne Wille: Zuerst möchte ich sagen, dass mich die unfassbare Tragödie von Crans-Montana erschüttert. Die ganze SRG ist in Gedanken bei den Opfern und Angehörigen. Wir teilen diese Trauer mit der ganzen Schweiz. Wir haben darum die Trauerfeier vorgestern auf allen Fernsehkanälen übertragen. Wann aber welche einzelne Sendung ausgestrahlt wird, müssen Sie die Direktorinnen und Direktoren der einzelnen Sender fragen. Seit Neujahr haben wir auf allen Kanälen in allen Sprachregionen berichtet, auch mit vielen Sondersendungen. Für mich ist nicht nur das Was entscheidend, sondern auch das Wie. Mir ist wichtig, dass unser Journalismus den richtigen Ton trifft, sachlich, unaufgeregt und nicht reisserisch ist. Zu jedem Zeitpunkt haben wir die Würde der Opfer und der Angehörigen gewahrt.

Heisst das im Umkehrschluss, dass Sender wie BBC oder CNN die Würde der Menschen verletzt haben?
Nein, das habe ich nicht gesagt. Ich habe gesagt, dass es für uns als SRG wichtig ist, wie wir über etwas berichten, gerade bei einem derart tragischen Ereignis, das alle Menschen in der Schweiz bewegt.

Trotzdem vermissen wir von Ihnen Selbstkritik. Kann man von SRF bei einer nationalen Katastrophe nicht mehr Flexibilität im Programm erwarten?
Natürlich sind wir selbstkritisch. Dafür stehe ich. Nach jedem grossen Ereignis ziehen wir Bilanz und schauen, was funktioniert hat und was nicht. Nach Crans-Montana haben wir in allen Regionen das Programm umgestellt. Wir haben sofort die Sportgala «Sports Awards» abgesagt und zig Sondersendungen aus dem Boden gestemmt. Über eine Million Menschen hat am Neujahrsabend beispielsweise die SRF-«Tagesschau» gesehen und 1,6 Millionen haben die News auf der App verfolgt. Wir hatten ein vielfältiges Programm und berichten weiterhin intensiv und hintergründig über Crans-Montana.

Wer nur UKW-Radio hört, hat davon nichts mitbekommen. Als Sie die SRG vor einem Jahr übernommen haben, war das UKW-Aus längst beschlossen. Nun hat das Parlament anders entschieden. Wann kann das Publikum Ihre Sender wieder auf UKW hören?
Unser Publikum kommt bei jeder Entscheidung an erster Stelle. Wir möchten, dass unsere Hörerinnen und Hörer unsere Programme hören können – Punkt. Das ist wichtig. Ich hoffe, dass wir noch in diesem Jahr wieder auf UKW senden können. Der Ball liegt im Moment beim Bundesamt für Kommunikation (Bakom). Wir müssen zuerst wissen, welche Frequenzen für wie viele Jahre ausgeschrieben werden und zu welchen Bedingungen.

Werden alle Sender auf UKW ausgestrahlt – oder nur einzelne?
Dazu müssen wir wissen, wie die Bedingungen für die UKW-Verlängerungen aussehen. An dieser Frage ist Bundesbern gerade dran.

Was wäre Ihr Lieblingsszenario?
Als Leiterin eines Unternehmens arbeite ich nicht mit persönlichen Lieblingsszenarien, sondern schaue mir die Bedingungen an: Wie viele Jahre sind möglich, was kostet das, welche Sender wollen wir haben, was dient dem Publikum? Hier sind wir in der Geschäftsleitung an der Arbeit.

War die SRG beim UKW-Aus zu naiv?
Rückblickend war es ein Fehler, dass die SRG gesagt hat: Wir gehen beim UKW-Aus voran. Die SRG wollte sich als Erstes zurückziehen, um den privaten Sendern, die auf Werbegelder angewiesen sind, eine grössere Übergangszeit zu geben. UKW ist ein emotionales Thema, das die Menschen geärgert hat. Das tut mir leid. 

Ihr schärfster Kritiker in der UKW-Debatte ist der Zürcher Radio-Unternehmer Roger Schawinski. Wann stellen Sie sich ihm in seiner Talk-Sendung?
Ich würde mich gerne vierteilen (lacht). Ich leite ein grosses, schweizweites Unternehmen. Ich mache, was ich kann. Ich habe Roger Schawinski gesagt, dass ich in seine Sendung komme – im Moment aber habe ich schlicht nicht genug Zeit. 

Am 8. März entscheidet das Stimmvolk über die Initiative «200 Franken sind genug». Wie nervös sind Sie?
Ich nehme diese Abstimmung ernst und kämpfe jeden Tag. Ich setze mich dafür ein, aufzuzeigen, warum es die SRG braucht. Die Halbierung der SRG wäre das Ende der SRG, wie wir sie heute kennen. Die SRG ist regional verankert, nahe bei den Menschen vor Ort, und liefert ein Vollprogramm in vier Sprachen. Von einem Sparprogramm zu sprechen, ist eine Verharmlosung. Die Initiative will die SRG kaputt machen. 

Sollte die Initiative angenommen werden, müssten wir statt 300 Franken pro Jahr 200 Franken zahlen. Das sind zwei Drittel und nicht die Hälfte. Ist es nicht unlauter, von einer Halbierung oder von «kaputt machen» zu sprechen?
Halbierung bezieht sich auf die SRG, nicht auf den Beitrag. Und da müssen wir benennen, was Sache ist. Es geht ja nicht nur um die Haushaltsabgabe. Uns würden auch 180 Millionen fehlen, die bislang von den Unternehmen kamen. Und mit weniger Programmen sinken auch die Werbeeinnahmen. Gleichzeitig steigen die Preise. De facto geht es also effektiv um eine Halbierung der SRG. 

Ihr Hauptauftrag ist Information und Kultur. Diese Bereiche liessen sich auch mit 200 Franken finanzieren.
Sie wiederholen ein grosses Missverständnis der Initianten. Wichtig ist: Es gibt keinen Hauptauftrag. Wir haben laut Konzession den Auftrag, der Information, Kultur, Unterhaltung, Bildung und Sport umfasst. Zu behaupten, man kann mit der Hälfte des Geldes das Gleiche machen, ist unredlich. Wir bräuchten einen neuen Auftrag. Darüber kann man gern sprechen, aber in der Initiative geht es nicht um den Auftrag, sondern darum, der SRG Geld zu entziehen. 

Warum weigern Sie sich zu sagen, was alles wegfällt, sollte die Initiative angenommen werden? Die Menschen müssen doch wissen, welche Konsequenzen ihre Stimme hat.
Ich bin sehr konkret: Wenn wir von einer halbierten SRG reden, geht es um sehr viel mehr als nur um einzelne Sendungen. Die Initiative schwächt das, was die Schweiz im Kern ausmacht: Vielfalt, Zusammenhalt, Unabhängigkeit. Nehmen wir die regionale Vielfalt: Ereignisse wie Crans-Montana zeigen, wie wichtig unsere Korrespondentinnen und Korrespondenten in den Regionen sind.

Heisst das, Sie werden Regionalstudios schliessen müssen?
Wenn man 800 Millionen aus dem Mediensystem rauszieht, dann schwächt das auch die journalistische Qualität. Wenn man die SRG halbiert, wird der viersprachige Regionaljournalismus nicht mehr so möglich sein wie bisher. Wir könnten beispielsweise nicht mehr 17 Regionalstudios betreiben und müssten Standorte und Büros schliessen. Bei einer Annahme der Initiative gäbe es keine Tabus.

Ohne Sport und Unterhaltung könnten Sie aus der SRG ein Schweizer CNN machen. Was wäre daran so schlimm?
Und was ist mit dem Publikum, das gerne auch Unterhaltung hat oder gern zusammen ein Sportereignis erlebt, Kultur geniesst? Abgesehen davon, dass ein reiner SRG-Informationskanal einen neuen gesetzlichen Auftrag bräuchte. Wir wissen aus dem Ausland, dass ein Informationsspartensender nicht das Publikum erreicht wie ein Vollprogramm. Damit viele Menschen Informationen konsumieren, muss man einen guten Mix und ein attraktives Angebot haben, das das Publikum im Alltag begleitet. 

SRF hat inzwischen Sendungen wie das Wissenschaftsmagazin oder «Gesichter und Geschichten» gestrichen. Die einen loben Sie für Ihre Sparmassnahmen, andere sagen: Das ist vorauseilender Gehorsam vor der SVP.
Der Bundesrat hat selber gesagt, dass die Initiative zu weit geht. Quasi als Gegenvorschlag will er Haushalte und Unternehmen entlasten und senkt darum die Gebühren. Diesen politischen Sparauftrag setzen wir nun um. 

Ihre Mitarbeitenden fahren 1. Klasse. Es gäbe also noch viel Sparpotenzial. Ohne dass Ihr Programm darunter leiden würde.
Zugbillette sind kein grosser Hebel. Es geht darum, die SRG neu aufzustellen. Wir verkleinern unsere Geschäftsleitung, wir legen HR, Finanzen, Produktion, Sport, Fiktion, IT zusammen – neu machen wir zusammen, was wir zusammen machen können. Wir haben etwa 100 Sparhebel identifiziert und sparen so 270 Millionen ein.

Heisst das, Ihre Mitarbeitenden können weiterhin 1. Klasse fahren?
Unsere Mitarbeitenden arbeiten oft im Zug und schneiden Beiträge. Warum soll ich als Erstes zulasten der Mitarbeitenden oder der Effizienz Zugbillette streichen? Ich suche grössere Kostenblöcke und gebe lieber den Hauptstandort der SRG auf oder überprüfe Produktionsstandards. Ob wir am Schluss auch noch über Zugbillette diskutieren, wird sich weisen. 

Wie stark knüpfen Sie den 8. März an Ihr persönliches Schicksal? Werden Sie zurücktreten, sollte die Initiative angenommen werden?
Die Frage stellt sich im Moment nicht. Es geht doch nicht um mich, sondern um das, was auf dem Spiel steht. Verteidigungsminister Martin Pfister hat am Donnerstag gesagt: Wer die Information und die Medien schwächt, schwächt die Sicherheit eines Landes. Für solide Informationen braucht die Schweiz starke private Medien und eine starke SRG. Das sehe ich gleich: Unabhängigkeit heisst gerade auch in diesen unsicheren Zeiten: Sind wir in der Lage, unsere eigenen Geschichten zu erzählen? Dafür setze ich mich ein. 

Ihr Vorgänger Gilles Marchand hat in einem Blick-Interview gesagt, ein Angriff auf die SRG sei «ein Angriff auf die Schweiz». Der Satz ist ihm um die Ohren geflogen. Haben Sie daraus gelernt?
Ich kommentiere die Aussagen meines Vorgängers nicht.

Wie stark nehmen Sie die SRG-Strukturen als Korsett wahr? Sie können die SRG ja nicht einfach umbauen, denn Sie haben es mit zig Regionalgesellschaften, fünf Unternehmen und Vereinsstatuten zu tun.
Ich sehe es ganz anders. Genau das tun wir ja jetzt. Wir bauen die SRG neu. Wir reformieren die Strukturen, werden effizienter, schlanker, beweglicher, um für unser Publikum ein starkes Programm zu bieten, obwohl wir einen politischen Sparauftrag haben. Wir sind historisch dezentral gewachsen. Mit unserem Transformationsprojekt «Enavant» werden wir jetzt aber nicht nur viel Geld einsparen, sondern stellen die SRG als viersprachiges Medienhaus komplett neu auf. 

Auf Ihrer «Beizentour» haben Sie zu Kritikern gesagt: «Ich nehme Ihren Ärger mit.» Was machen Sie mit dem Ärger zu Hause?
Ich nehme ihn in die Redaktionen, wo wir den Ärger dann besprechen. Ich stehe für eine SRG, die zuhört. Wir müssen akzeptieren, dass uns Zuschauer auch kritisieren, und wir nehmen diese Kritik ernst.

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