Urs Leuthard über Streit im Bundeshaus in Bern
«Man geht sich an den Kragen, und danach trinkt man einen Kaffee zusammen»

Wenn im Bundeshaus laut diskutiert wird, steht Urs Leuthard als Journalist oft dazwischen. Wie wird im Parlament gestritten? Und kann er auch selbst streiten?
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«Kompromisse und Lösungen zu suchen, gehört zur DNA der Schweizer Politik», sagt der Bundeshausjournalist Urs Leuthard.
Foto: Florian Spring

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Céline Sallustio
Beobachter

«Mit meinen Kindern streite ich über Pünktlichkeit. Wenn ich abends koche, das Essen auf dem Tisch steht und sie nicht rechtzeitig zu Hause sind. Auch mit Arbeitskollegen beim SRF kann ich streiten, wenn sie über unsere Berichterstattung aus dem Bundeshaus meckern und ich finde: Wir machen einen guten Job! Solche Dinge ärgern mich. Ansonsten bin ich ein harmoniebedürftiger Mensch.

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Ich wuchs in einer Grossfamilie mit fünf Geschwistern auf. Da musst du mit allen auskommen. Auch in der Schule habe ich Mitschüler mit unterschiedlichen Interessen zusammengebracht. Noch heute versuche ich, bei den Menschen nicht die Unterschiede, sondern die Gemeinsamkeiten zu finden.

Als ich noch die «Arena» des SRF moderierte, musste ich lernen, Konflikte auszuhalten. Schon bei der Frage, welche Gäste wir zur Diskussionssendung einladen, gab es regelmässig Streit mit den politischen Parteien. Während der Sendung stand ich dann zwischen den Fronten. Die hitzigen Diskussionen zu moderieren, fiel mir nicht immer leicht – besonders wenn jemand nicht aufhörte zu reden. Einmal musste ich sogar an der Krawatte eines Politikers ziehen, um ihm zu signalisieren, er solle jetzt endlich still sein.

Ein anderes Mal gab es Ärger, weil ein Parteipräsident nicht mehr zu uns in die Sendung kommen wollte. Er sagte: «Solange Urs Leuthard die Sendung moderiert, nehme ich nicht mehr teil.» Daraufhin suchte ich das Gespräch mit ihm. Danach kam er wieder. Mittlerweile weiss ich: Solche Anfeindungen haben nichts mit mir zu tun, sondern mit meiner Rolle als Journalist, die ich nun seit 30 Jahren innehabe.

Inzwischen leite ich die Bundeshausredaktion und bin deshalb oft in Bern – in den Sälen und Zimmern, wo politisiert wird. Sobald ich die Kuppelhalle des Bundeshauses betrete, bin ich ergriffen: der Grundriss, der das Schweizerkreuz widerspiegelt, die Kantonswappen an der Decke. Dieser Ort zeigt mir die Erhabenheit unserer Demokratie.

Im Bundeshaus wird viel gestritten – aber man versöhnt sich auch wieder. Man geht sich an den Kragen, und kurz danach trinkt man einen Kaffee zusammen. Diese Streitkultur mag ich.

Um in einer Demokratie weiterzukommen, muss man mit anderen Menschen – und ja, auch mit verschiedenen politischen Meinungen – umgehen können. Kompromisse und Lösungen zu suchen, gehört zur DNA der Schweizer Politik. Als Bundeshausjournalist kann ich dazu beitragen, dass unsere Bevölkerung darüber informiert wird. Und ich kann dazu beitragen, dass sich jeder eine eigene Meinung zu einem politischen Thema bilden kann.

Was in Bern besprochen wird, hat einen direkten Einfluss auf unser Leben. Wie schnell dürfen wir auf der Autobahn fahren? Welchen Namen können Frauen nach der Heirat tragen? Es gibt kein anderes Land auf der Welt, in dem die Bevölkerung so viel mitreden und mitbestimmen kann wie bei uns. Ist das nicht Grund genug, sich an unserer Demokratie zu beteiligen? Trotzdem gibt es Menschen, die nicht abstimmen gehen und finden, die in Bern machen sowieso, was sie wollen. Bei denen finde ich: d Schnure hebe!

Der Ton im Bundeshaus ist über all die Jahre rauer geworden. Einige Politikerinnen und Politiker sprechen nicht mehr miteinander, sondern nur noch aneinander vorbei. Dieser Umgang schadet unserem politischen System, denn dieses beruht auf Konsens und Kompromissen. Ich wünsche mir mehr Respekt und dass man sich die Meinung anderer anhört.

Wie wichtig diese Gesprächskultur ist, merke ich auch zu Hause. Meine Kinder sind 18 und 20 Jahre alt und können wählen. Wenn sie jeweils die Abstimmungsunterlagen erhalten, können sie oft nichts damit anfangen. Das ändert sich, sobald wir uns gemeinsam an den Tisch setzen und die Vorlagen besprechen. Je mehr sie über eine Sache Bescheid wissen, desto mehr interessieren sie sich dafür. Diese Neugier wünsche ich mir für alle Stimmberechtigten.»

DCX STORY: doc87nkh6rqid21zup4uco [Quelle]

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